Rund 2,25 Millionen Menschen sind in Deutschland heute pflegebedürftig. Ihre Zahl wird weiter wachsen. Bis 2050 wird ihre Zahl auf über vier Millionen ansteigen. Darunter sind viele an Altersdemenz erkrankt. Um die Pflegebedürftigen gut zu versorgen, bedarf es fachkundigen Personals. Das eröffnet dauerhaft neue Beschäftigungsfelder.
Deutschland wird in den nächsten Jahren besonders stark vom demografischen Wandel betroffen sein. "Die Zahl der unter 20-Jährigen ist heute schon geringer als die der über 60-Jährigen. Und diese Tendenz wird sich verstärken", hob Bundeskanzlerin Angela Merkel am 6. Juni in ihrem Videopodcast hervor.
Die Zahl der 60-jährigen und Älteren wird bis 2030 um fast 8 Millionen zunehmen. Jeder dritte Einwohner wird dann älter als 60 sein, heute ist es erst jeder vierte. Die Zahl der besonders häufig auf Hilfe angewiesenen Altersgruppe 80-Jährigen und Älteren wird sich bis 2050 gegenüber heute fast verdoppeln. Alles zusammen genommen wird es im Jahr 2050 aller Voraussicht nach über vier Millionen Pflegebedürftige geben. Experten rechnen damit, dass die Zahl der Pflegeheimplätze dann mit fast 2 Millionen fast dreimal so hoch sein muss wie heute.
Denn es werden zukünftig nicht genügend Angehörige geben, um sich um pflegebedürftige Ältere zu Hause kümmern zu können. Schließlich werden immer weniger Kinder geboren und viele erwerbsfähige Familienangehörige arbeiten. Somit dürfte immer mehr professionelle Pflege durch Pflegekräfte nachgefragt werden.
Zu diesem Ergebnis kommt auch ein namhaftes Wirtschaftsforschungsinstitut. Bereits heute ist die Pflegebranche ein beschäftigungsintensiver Bereich: Ambulante Dienste und Pflegeheime beschäftigen nach Angaben des Bundesverbandes privater Pflegeanbieter mit 810.000 Menschen fast so viel Personal wie die Automobilbranche. Und bis 2050, so erwarten Fachleute, wird sich die Beschäftigtenzahl auf über zwei Millionen mehr als verdoppeln.
Damit ist die Pflegebranche ein Wachstumsmarkt. Private Träger, freigemeinnützige Träger und auch öffentliche Träger werden zu immer wichtigeren Arbeitgebern.
Pflegeträger
Im Dezember 2007 gab es in Deutschland insgesamt 504.000 ambulant betreute Pflegebedürftige. Davon betreuten private Pflegeanbieter nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 229.000 Menschen, was 45 Prozent entspricht. Im Jahr 1999, dem Jahr der erstmaligen Erhebung, betrug der Anteil der privaten Anbieter lediglich 35 Prozent.
Dominant auf dem Markt sind nach wie vor die freigemeinnützigen Anbieter. Im Dezember 2007 betreuten sie 265.000 Pflegebedürftige oder 53 Prozent. Ihr Anteil ist jedoch von 63 Prozent in 1999 kontinuierlich zurückgegangen.
Von öffentlichen Anbietern wurden nur zwei Prozent der Pflegebedürftigen gepflegt.
(Quelle: Destatis, Zahl der Woche vom 17. März 2008).
Pflegeberufe müssen attraktiver werden. Anfang April trafen sich Experten und Entscheidungsträger zum zweiten Pflegegipfel in Berlin. Sie empfehlen, neue Arbeits- und Aufgabenteilungen zu entwickeln und zu erproben. Außerdem empfehlen sie, die Arbeitsorganisation zu modernisieren und den Nachwuchs in der Pflege zu fördern. Dabei geht es auch um Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten der beruflichen Entwicklung in Krankenhäusern.
Pflegereform hat wichtige Weichen gestellt
Die seit Juli 2008 geltende Pflegereform hat zahlreiche Verbesserungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sowie für Pflegekräfte und Pflegeeinrichtungen gebracht. Insbesondere die ambulante Pflege ist gestärkt worden. Pflegebedürftige erhalten mehr Leistungen, Angehörige mehr Unterstützung, Schwerstpflegebedürftige und Demenzkranke werden besser gestellt. Gute Pflege wird überdies leichter erkennbar gemacht. Weil bessere Leistungen allerdings nicht umsonst zu haben sind, stieg der Beitragssatz in der Pflegeversicherung zum 1. Juli 2008 um 0,25 Prozent. Das reicht aus, um die Pflegeversicherung auf absehbare Zeit zu finanzieren.
Auch die Rahmenbedingungen der Ausbildung werden verbessert. Nicht zuletzt deshalb, damit Pflege die gesellschaftliche Anerkennung erfährt, die ihr gebührt. Dazu gehört, zukunftsfeste Berufsbilder zu entwickeln, die die unterschiedlichen Einsatzfelder von Pflegekraft, Betreuungsassistenz, Alltagsbegleiter und ehrenamtlich Tätigen in der ambulanten und stationären Pflege abbilden.
Mit neuen Konzepten sollen die Berufszufriedenheit erhöht und die Vereinbarkeit mit der Familie verbessert werden. Wie dies am besten erreicht werden kann, soll in Modellprojekten erprobt werden. Die Bundesregierung fördert dies.
Um dem kurzfristig zu erwartenden Fachkräftemangel in der Kranken- und Altenpflege vorzubeugen, wird die Umschulungsförderung für den Pflegebereich ausgeweitet. Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt für die in den Jahren 2009 und 2010 beginnenden Alten- und Krankenpflegeumschulungen die Finanzierung der Weiterbildungskosten über die gesamte Ausbildungsdauer von drei Jahren. Hierdurch erhalten die Einrichtungen finanzielle Freiräume für zusätzliche Erstausbildungen.
Seit Juli 2009 werden zusätzlich Aufstiegsfortbildungen in der ambulanten und stationären Altenpflege gefördert. Damit lassen sich auch über diesen Weg mehr Nachwuchskräfte durch attraktive Fortbildungsmöglichkeiten gewinnen.
Außerdem bietet das Bundesfamilienministerium allen Pflegeeinrichtungen kostenlose Beratung an, um Ausbildungsplätze in der Altenpflege zu schaffen, zu erhalten und qualifiziert auszugestalten. Ein Modellvorhaben zur Weiterentwicklung der Pflegeberufe zeigt neue Wege für die pflegerische Fachkraftausbildung aus.
Das so genannte Krankenhausfinanzierungsreformgesetz beinhaltet ein Förderprogramm, um die Situation des Pflegepersonals in Krankenhäusern zu verbessern. In den nächsten drei Jahren sollen bis zu 17.000 zusätzliche Stellen im Pflegedienst zu 90 Prozent durch die Krankenkassen finanziert werden. Das wirkt dem seit Jahren zu beobachtenden Trend entgegen, dass Krankenhäuser zu Lasten des Pflegebereichs Einsparungen vornehmen und Pflegepersonal abbauen.
Seit einigen Monaten gibt es zudem den Pflegeassistenten. Derzeit helfen rund 5.000 Pflegeassistenten bei der Betreuung von Alzheimer-Kranken in Heimen. Diese Pflegeassistenten waren vormals zumeist langzeitarbeitslos. Einerseits verbesserte sich damit nicht nur die Versorgung Demenzkranker, andererseits entstanden viele Arbeitsplätze.
Sie ersetzen als Helfer jedoch nicht qualifizierte Pflegekräfte, denn sie leisten nicht „Pflege“ im professionellen Sinne. Pflegeassistenten unterstützen die Pflege aber wirkungsvoll. Sie gehen zum Beispiel mit den Kranken spazieren oder einkaufen oder basteln mit ihnen. Nach Schätzungen beläuft sich der bundesweite Bedarf auf etwa 10.000 Vollzeitstellen für insgesamt rund 250.000 Heimpatienten. Ihren konkreten Bedarf können Pflegeheime bei ihrer zuständigen Arbeitsagentur anmelden. Angesprochen sind besonders arbeitslos gemeldete Altenpfleger und Altenpflegehelfer.
Übrigens können auch Familien, die altersverwirrte Angehörige zu Hause betreuen, Pflegeassistenten beantragen. Das kann die Pflegebelastung in der Familie spürbar mindern. Diese Möglichkeit wird derzeit noch zu wenig genutzt.