"Jetzt macht die Schule noch mehr Spaß", erzählt die 7-jährige Paula aus Stuttgart. Seit September 2008 besitzt ihre Schule ein eigenes Spielezimmer.
Spielen und Lernen, passt das zusammen? Oft heißt es: "Spielen darfst Du erst, wenn Du gelernt hast". Schule ist als "Ernst des Lebens" bekannt, Spielen dagegen bedeutet Spaß. Die Initiative "Spielen macht Schule" verbindet beides. "Spielen macht Schule" ist eine Initiative des Vereins "Mehr Zeit für Kinder" aus Frankfurt am Main. Die 2007 ins Leben gerufene Initiative fördert klassisches Spielen in Grundschulen. Nun geht sie in die dritte Runde und vergibt Spiele im Wert von über 700.000 Euro an 200 Schulen in vier Bundesländern. Der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie sponsert die Spiele.
Das Projekt wird gemeinsam mit dem Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm durchgeführt. Dort weiß man aus aktuellen Erkenntnissen der Hirnforschung: Spielen macht schlau. Beim Spielen entwickeln Kinder Fantasie und Kreativität. Sie setzen sich mit ihrer Umwelt auseinander und machen wichtige Erfahrungen.
Beim Spielen probieren Kinder aus, sie wiederholen, entdecken und lernen, was funktioniert und was nicht. Dieses spielerische Lernen hinterlässt Spuren im Gehirn. Dadurch wird dem schulischen Lernen im wahrsten Sinne der Weg gebahnt. Spielen stößt wichtige Lernprozesse an. Kinder erwerben so grundlegende Kompetenzen wie Teamfähigkeit oder den Umgang mit Konkurrenzsituationen – wichtige Kernkompetenzen für ihr späteres Leben.
Professor Manfred Spitzer, Neurologe und Gründer des ZNL, hat sich ausführlich mit dem Thema befasst: "Spielen und Lernen sind keine Gegensätze! Darum sind gute Spiele eine wichtige Ergänzung des schulischen Bildungsangebots. Kinder unterscheiden nicht zwischen Lernen und Spielen, sie lernen beim Spiel. Im Gehirn prägt sich besonders gut ein, was über mehrere Sinne hineingelangt."
Schon Kinder im Grundschulalter sind dem ständig wachsenden Einfluss von Bildschirmmedien wie PC-Spielen und Konsolen ausgesetzt. Bewegung und Kreativität, wichtige Faktoren für die kindliche Entwicklung, bleiben dabei außen vor. Erkenntnisse der modernen Hirnforschung zeigen: Aktive Erfahrungen mit haptischen und optischen Reizen, wie sie klassisches Spielzeug bietet, sind förderlicher als passive Erfahrungsvermittlung, zum Beispiel durch das Fernsehen.
Die Initiative schrieb 2007 die ersten Spielezimmer in zwei hessischen Schulamtsbezirken aus. Zusammen mit dem Hessischen Kultusministerium lud sie in der Pilotphase 172 Grundschulen im Bereich der Staatlichen Schulämter Darmstadt-Dieburg und Stadt Darmstadt sowie Hochtaunuskreis und Wetteraukreis ein, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Die Schulen mussten ein individuelles Konzept für ein Spielezimmer erarbeiten. 10 von ihnen gewannen schließlich die Ausstattung für je ein Spielezimmer.
Die Erfahrungen und Ergebnisse der Pilotphase ermutigten zum Weitermachen. Seit 2008 können sich auch Grundschulen in Baden-Württemberg und Bayern an dem Projekt beteiligen. Die Gewinnerschulen erhalten je eine Ausstattung für ein Spielezimmer. Beispielsweise die Steinbachschule in Stuttgart-Büsnau. "Wir konnten unser Glück kaum fassen, als wir die Gewinnbenachrichtigung erhalten haben", erklärt Jana Bergemann, Konrektorin der Steinbachschule. "Das Sozialverhalten der Kinder hat sich schon in den ersten Monaten sichtbar verändert. Neue Freundschaften sind entstanden und die Kinder gehen viel offener miteinander um."
Und die Spiele werden genutzt. Einige Klassenlehrer besuchen die Spielezimmer regelmäßig mit ihrer Klasse. Die Kinder spielen in kleinen Gruppen, beobachten und erklären. Danach besprechen sie im Unterricht das Erlebte: Wie konnten sich die Kinder bei einem Streit einigen? Welche Erkenntnisse hat ihnen das Spiel verschafft? Was können sie ihren Mitschülern empfehlen?
Andere Lehrer setzen die Spiele direkt im Unterricht ein. Beispielsweise im Anfangsunterricht oder beim Erlernen der englischen Sprache. Oder sie holen sich Spiele, um eine Klassenlehrerstunde mit entspannendem Spielen zu verbringen. Spielen hat so auch bei den Lehrkräften einen höheren Stellenwert erhalten. Eine Schulleiterin berichtet von einem unterhaltsamen Spieleabend im Lehrerkollegium und ergänzt: "Auch in meinem Leben hat sich etwas verändert. Wir spielen zu Hause wieder mehr!"
Weiterer Effekt beim Spielen: Die Kinder lernen sich untereinander anders kennen. Auch die Lehrer bekommen von ihren Schülern oft einen neuen Eindruck, vor allem bei stillen, schüchternen und lernschwachen Kindern. Viele Kinder konnten in den Spielezimmern erstmals Erfahrungen mit Gesellschaftsspielen sammeln. Vor allem Migrantenkinder finden über das Spielen einen neuen Zugang zur deutschen Sprache.
"Die gelernte Spielekultur in der Familie ist entscheidend", konstatierte ein Schul-Sozialarbeiter, der mit den neuen Spielen regelmäßig eine Spiele-AG organisiert. "Migrantenkinder spielen zu Hause eher unter sich, weniger mit den Eltern. Viele können kaum ruhig sitzen." Hinzu kommen Sprachprobleme. Spiele helfen dabei, Zugang zu Migrantenkindern mit schlechten Deutschkenntnissen zu finden. Und: "Es ist schwer, an die Eltern heranzukommen", sagte eine Schulleiterin und meint damit nicht nur Eltern von Migrantenkindern, "Die Spiele helfen!"
Die Initiative "Spielen macht Schule" verschenkt 2009 Spiele-Ausstattungen für 200 Spielezimmer an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg.
Ins Leben gerufen haben die Initiative der Verein "Mehr Zeit für Kinder e.V." und das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in 2007. Unterstützt wird "Spielen macht Schule" von den jeweiligen Kultusministerien. Engagierte Eltern und Lehrer aus den vier Bundesländern können ein Konzept für die Grundschule ihrer Kinder einreichen und gewinnen. Einsendeschluss für dieses Jahr ist der 15. Mai 2009.