Özlem Demirbaga lebt seit zehn Jahren in Deutschland und hat innerhalb eines halben Jahres einen internationalen Kindergarten auf die Beine gestellt. Weil sie für ihren eigenen Sohn in ihrem Wohnort Hamburg-Billstedt keinen geeigneten Kindergarten fand, beschloss sie kurzer Hand, sich selbst einen zu schaffen. Sie stellte eine Marktanalyse zusammen und kam zu dem Schluss, dass ein internationaler Kindergarten eine regelrechte Marktlücke darstellt.
Damit macht Özlem Demirbaga gleich die typischen ersten Schritte einer angehenden Selbstständigen: Sie erkennen eine Marktlücke, sagen sich, "das kann ich besser" und machen sich an die Arbeit.
Um jedoch Menschen mit Migrationshintergrund besser und schneller zu integrieren, engagieren sich viele, ihnen dabei zu helfen. So auch die Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Migranten e.V. (ASM) in Hamburg. Marion Wartumjan, Ansprechpartnerin der ASM, betont, wie wichtig es ist, dass die Existenzgründer zu ihrer jeweiligen Gründungsidee zielgerichtet beraten werden. Deswegen lautet das Erfolgsrezept der ASM, Gründungswillige von der Orientierungsphase über die Gründung hinaus zu begleiten, bis sie ihre Existenz gefestigt sehen.
Darüber hinaus hält die ASM Kontakt zu den Handels- und Handwerkskammern. Mit ihnen tauschen sie sich etwa bei Tragfähigkeitsprüfungen aus. Nicht zuletzt müssen immer wieder Banken für Gründungen gewonnen werden, die Menschen mit Migrationshintergrund anschieben möchten. Wartumjan: "Hier ist auch weiterhin Sensibilisierungsarbeit nötig."
Kreativ und engagiert – das ist der erfolgreiche Weg in die Selbstständigkeit. Mit einem detaillierten pädagogischen Konzept ging Demirbaga also Ende März zur ASM. Sie war durch das Internet auf deren Beratungsangebot gestoßen. Von nun an standen die Berater Süleyman Cevik und Dr. Rainer Schmid der Gründerin mit Fachwissen und interkultureller Kompetenz zur Seite. In nur zwanzig Beratungsstunden waren die noch offenen betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Fragen geklärt.
Es würde sich also lohnen, sich mit dieser Idee selbstständig zu machen, war sich Demirbaga sicher. Dessen war sich auch die Bank sicher. Von den insgesamt benötigten 50.000 Euro Startkapital und einem eigenen Anteil von 15.000 Euro gewährte ihr die Bank deswegen einen Kredit von 35.000 Euro.
Zur Eröffnungsfeier ihres Kindergartens "KiTa Glückliche Kinder" am 31. Oktober kamen viele Menschen – Mütter, Nachbarn, Behördenvertreter, der Bildungsattaché des türkischen Generalkonsulats und die Presse. Auch die ehemaligen Lehrerinnen Demirbagas von der Staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik, Barbara Henke und Ricarda Klaver-Wilrodt, schauten vorbei und waren beeindruckt. Sie lobten insbesondere den ganzheitlichen Ansatz der Gründungsberatung.
Die ASM nutzt auch die Jobkontaktmesse, um über die Selbstständigkeit, zu informieren. Ehemalige Kunden von ihnen unterstützen sie dabei, können sie doch den erfolgreichen Schritt in die Praxis anschaulich zeigen. Wer sich selbstständig machen will, sollte sich darauf gut vorbereiten. Je besser die Vorbereitung, desto weniger Überraschungen gibt es im Nachhinein, wissen die Experten zu berichten.
Hierfür wird die ASM künftig zusätzlich Schulungen anbieten, die auf spezielle Qualifizierungsbedarfe eingehen. Gründungsbezogenes Deutsch ist solch ein Bedarf, den die Arbeitsgemeinschaft festgestellt hat. Immerhin kamen die Beratung suchenden Kunden in diesem Jahr bereits aus 38 Ländern. Da die ASM in dem mit Bundesmitteln geförderten Netzwerk "Integration durch Qualifizierung" (IQ) eingebunden ist, kann sie auf deren Vorarbeit auch zurückgreifen. So liegen Sprachmodule sowie Glossar und Wörterbuch bereits vor und können in die Schulungskonzepte einfließen.
Wenn Özlem Demirbaga in Zukunft etwas Zeit in ihrem Tagesablauf findet, wird auch sie vielleicht auf der Jobkontaktmesse erläutern, weshalb Selbstständigkeit aus "selbst" und "ständig" besteht. In der Zwischenzeit ist Hamburg-Billstedt um einen mehrsprachigen Kindergarten reicher geworden – mit einer Ecke je für Mathematik, Zauberei, Theater und Experimente.