Impfungen - der Königsweg der Vorbeugung

Die spektakulärsten Erfolge hat die Medizin nicht mit Medikamenten erzielt, die bereits bestehende Krankheiten bekämpfen, sondern mit Mitteln, die Krankheiten von vornherein verhindern: mit Impfungen. Sie haben unzählige Menschen vor Infektionskrankheiten geschützt und zählen zu den effektivsten und kostengünstigsten vorbeugenden Maßnahmen der modernen Medizin.

Impfungen unterscheiden sich von anderen medizinischen Maßnahmen. Der wichtigste Unterschied: Es werden gesunde Menschen geimpft, gesunde Babys, Heranwachsende oder Erwachsene.

Ob und wogegen sie ihr Kind impfen lassen, entscheiden bei uns die Eltern – eine Impfpflicht gibt es nicht mehr. "Allerdings sind heute oft längere Gespräche nötig, um den Eltern den Sinn von Impfungen gegen Krankheiten zu erklären, die sie selbst kaum kennen oder die sie für lediglich 'harmlose Kinderkrankheiten' halten," sagt Professor Dr. Berthold Koletzko. Er ist Vorsitzender der in München beheimateten Stiftung Kindergesundheit.

"Manche Eltern lehnen die Impfung aus ideologischen Gründen ab. Andere sind skeptisch, weil sie nicht ausreichend informiert sind. Das ist aber paradoxerweise eine Folge der Impfungen: Ihnen ist es schließlich zu verdanken, dass Diphtherie, Kinderlähmung und viele andere Schrecken früherer Kinderjahre heute bei uns praktisch unbekannt sind. Dass die Kindheit heute der ungefährlichste Zeitabschnitt des Lebens ist, verdanken unsere Kinder den Impfungen."

"Harmlose" Kinderkrankheiten? Von wegen!

Gegen Krankheiten, die wirklich harmlos sind, wird überhaupt nicht geimpft. Mit Ausnahme der Röteln. Diese Impfung soll die Ansteckung der Schwangeren und damit eine schwere Behinderung ihres ungeborenen Kindes verhindern. Geimpft wird gegen Krankheiten, die Leben und Gesundheit des Kindes bedrohen. Einige Beispiele:

  • Diphtherie. Die früher als "Würgeengel der Kinder" gefürchtete Krankheit schnürt ihren Opfern buchstäblich die Kehle zu. Die Atemnot kann lebensbedrohend werden: Das Kind schwebt in Gefahr zu ersticken.
  • Wundstarrkrampf. Die Sporen des Tetanus-Erregers leben überall in Staub und Erde. Sie gelangen bei Verletzungen in den Körper. Der Wundstarrkrampf lähmt die Muskeln. Wenn er bereits eingetreten ist, überleben auch heute nur etwa 50 von 100 Betroffenen.
  • Keuchhusten. Diese schwere, quälende Krankheit kann für Babys lebensgefährlich werden. Die gefährlichste Komplikation ist eine Gehirnerkrankung, meist verursacht durch den Sauerstoffmangel während der Stickhusten-Anfälle. Sie kann tödlich verlaufen.
  • HIB: Das Bakterium Haemophilus influenzae Typ B (HIB) ist einer der wichtigsten Erreger von Hirnhautentzündungen und Kehlkopfentzündungen im Kleinkindalter.
  • Mit Hepatitis B infizieren sich in Deutschland jedes Jahr schätzungsweise 50 000 Menschen. Es wird mit 150 bis 200 Todesfällen gerechnet.
  • Masern führen häufig zu Lungenentzündungen. Besonders gefürchtet ist ein Befall des Zentralnervensystems durch die Masern-Viren und die dadurch ausgelöste Gehirnentzündung, die so genannte Masern-Enzephalitis. Noch vor 60 Jahren starben jedes Jahr über 1500 Kinder in Deutschland an der angeblich so harmlosen Kinderkrankheit.
  • Mumps kann ebenfalls zu einer Hirnhautentzündung führen, häufige Komplikationen sind Hörschäden und Taubheit.
  • Röteln sind für ein Kind tatsächlich harmlos. Steckt sich jedoch eine schwangere Frau damit an, kann das für ihr noch ungeborenes Kind katastrophale Folgen haben: Blindheit, Taubheit, Herzfehler und Hirnschäden.

Schutz gegen 22 schwere Krankheiten
Eltern in Deutschland können zurzeit ihr Kind und sich selbst gegen insgesamt 22 Erkrankungen wirkungsvoll durch eine Impfung schützen. Es stehen Impfstoffe zur Verfügung gegen: Cholera, Diphtherie, die von Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), Gelbfieber, Virusgrippe (Influenza), Hepatitis A, Hepatitis B, Haemophilus Influenzae B (HIB), HPV (humane Papillomviren, sie gelten als Hauptursache von Gebärmutterhalskrebs bei Frauen), Japanische Enzephalitis, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Meningokokken, Mumps, Pneumokokken, Rotaviren, Röteln, Tollwut, Typhus, Windpocken und Wundstarrkrampf (Tetanus). Die Kosten der von der Ständigen Impfkommission STIKO beim Robert-Koch-Institut als Regelimpfung empfohlenen Impfungen werden von den Krankenkassen übernommen. Sie sind im Impfkalender festgelegt.

Impfkalender (Standardimpfungen) für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene

Infobox 

Kinder im Osten besser geimpft

Bei uns sind die Voraussetzungen für das Impfen optimal. Dennoch gibt es einige Eltern, die ihre Kinder nicht gegen alle Krankheiten impfen lassen, denen vorgebeugt werden kann. So sind Kinder im Westen der Republik nicht so gut geimpft wie ihre Altersgenossen in den neuen Bundesländern. Am höchsten ist die Impfquote in Mecklenburg-Vorpommern, am niedrigsten in Bayern. Gegen Keuchhusten sind die Kinder aus Sachsen mit 97 Prozent am besten geimpft, in Bayern haben nur 90 Prozent einen Impfschutz. Bei Hepatitis B ist die Immunisierung in Sachsen-Anhalt mit 95 Prozent am höchsten, in Bayern liegt die Quote bei 80 Prozent.

Deutliche Defizite bestehen bei der Durchimpfung der Schulkinder. Bei einem erheblichen Anteil der Kinder und Jugendlichen fehlen die für die Zeit des Schuleintritts empfohlenen Auffrischimpfungen gegen Tetanus und Diphtherie. Die Durchimpfung älterer Kinder ist auch gegen Keuchhusten völlig ungenügend. Die schlechte Durchimpfungsrate älterer Kinder und Jugendlichen ist besonders auffällig im Westen der Bundesrepublik. Bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bestehen besonders große Impflücken: Es fehlen nicht nur Auffrischimpfungen, sondern häufiger auch Grundimmunisierungen.

Die Vorteile überwiegen!

Weil gesunde Menschen geimpft werden, ist es gerechtfertigt, beim Impfen kritisch zu sein und besondere Sorgfalt zu fordern. Skeptische Mütter und Väter sollten wissen: Alle wissenschaftlich ernstzunehmenden Fachgremien, angeführt von der Weltgesundheitsorganisation plädieren heute für Impfungen. Zwar kann es in Einzelfällen zu – manchmal sogar gefährlichen – Nebenwirkungen kommen. Doch verglichen mit der Bedrohung durch die Infektionskrankheit, die mit der Impfung abgewehrt werden soll, ist diese Gefahr ungleich geringer. Die meisten Impfungen sind ohnehin fast frei von Risiken.

Impfungen zielen nicht nur auf den Nutzen des Einzelnen, sondern auch auf den Schutz der ganzen Bevölkerung. Kinder, die geimpft sind, sind keine Ansteckungsquelle mehr für ihre Spielkameraden. Geimpfte Erwachsene stecken keine Arbeitskollegen oder Familienmitglieder an.

Auch die Kosten für die Solidargemeinschaft werden durch Impfungen gesenkt. Dazu zwei Beispiele: Nach Einführung der Impfung gegen Kinderlähmung wurden in den alten Bundesländern für jede einzelne (damals noch) Mark, die für die Impfung ausgegeben wurde, 90 Mark an Krankenhaus- und Rehabilitationskosten eingespart (siehe die „Erfolgsgeschichte“ der Schutzimpfung im Kasten). Die heutige Impfung gegen Keuchhusten senkt die Behandlungskosten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts Berlin um mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr.

Erfolgsgeschichte Schutzimpfungen

Die erste Infektionskrankheit, die durch Impfungen bekämpft wurde, waren die Pocken. Die Impfung war so erfolgreich, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Krankheit 1980 für ausgerottet erklärt hat. Eine Impfung gegen Pocken ist deshalb nicht mehr nötig.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Nutzen von Impfungen ist die Kinderlähmung (kurz: Polio). Eltern von heute können sich kaum vorstellen, welchen Schrecken diese Krankheit in früheren Jahren verbreitete. Die drei Typen des Poliovirus greifen die Nerven an. Sie können Lähmungen auslösen, vor allem an den Beinen. Besonders gefürchtet waren Lähmungen der Atemmuskulatur. Die Betroffenen konnten oft nur mit Hilfe von künstlicher Beatmung weiterleben.

Noch 1961, im ersten Jahr nach Beginn der Impfkampagnen, gab es in der damaligen Bundesrepublik 4.673 Polio-Fälle. 305 Kinder starben an der Krankheit, 800 behielten lebenslange Behinderungen. Damals kannte nahezu jedes Kind an Polio erkrankte andere Kinder. Wegen der großen Ansteckungsgefahr mussten immer wieder vorübergehend Schulen geschlossen werden. Die Gesundheitsbehörden warnten vor dem Baden in Baggerseen und Flüssen.

Es gibt kein "Impfzuckerl" mehr
Dann kamen die Impfungen. Zuerst mit der Spritze, dann mit der Schluckimpfung und seit gut zehn Jahren wieder mit der Spritze. Der Erfolg war überwältigend. Dank Schluckimpfung traten in Deutschland seit 1990 keine Polio-Fälle durch das Wildvirus mehr auf. Das "Impfzuckerl" enthielt jedoch abgeschwächte Lebendviren, die jedes Jahr in ein bis zwei Fällen zu einer "Impf-Polio" geführt haben. Deshalb verwendet man heute einen anderen Impfstoff, der gespritzt wird. Bei der Injektionsimpfung mit dem Totimpfstoff besteht kein Risiko mehr für eine "Impf-Polio".

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