Besonders ältere Menschen wollen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung selbstbestimmt leben können. Die Pflegereform fördert deshalb auch betreute Wohnformen und Wohngemeinschaften. Wie das im Alltag aussieht, zeigt ein Beispiel aus dem nordöstlichen Brandenburg.
Schnitzel mit Pommes? Nein, heute lieber Heringsfilet mit Kartoffelsalat! Es sind kleine Dinge, die den Alltag von zehn pflegebedürftigen Senioren im brandenburgischen Göritz lebenswert machen. Der demokratisch verabschiedete Essensplan ist eines der wichtigsten.
In dem 1000-Seelen-Dorf in der Uckermark wohnen die Männer und Frauen seit gut einem Jahr in einer Senioren-WG. Jeder hat hier ein 15 bis 22 Quadratmeter großes Zimmer, dazu kommen Gemeinschafts- und Sanitärräume – selbstverständlich alles barrierefrei. Mindestens zwei Betreuerinnen sind rund um die Uhr im Haus, die Angehörigen packen kräftig mit an.
"Mich überzeugt diese Idee auch persönlich", sagt Hartmut Roll, ohne den dieses Haus nicht umgebaut worden wäre. "Für meine Eltern möchte ich auch einen Platz in einer solchen Wohngemeinschaft finden." Roll ist Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsgesellschaft Prenzlau Land. Sein Unternehmen hat aus einer bekannten Not der Region eine Tugend gemacht: Weil 19 Prozent der Wohnungen leer stehen, mussten Ideen für neue Wohnformen her.
Mit der Idee, den zweistöckigen Altbau in Göritz aufwändig zu einer Senioren-WG umzubauen, hat die Wohnungsgesellschaft ins Schwarze getroffen. "Dieser Bau bot sich an", erinnert sich Hartmut Roll. Es fährt ein Bus, ein Arzt ist in der Nähe, das Gebäude ist großzügig und zweistöckig gebaut, es gibt einen großen Garten. Beim Umbau musste dennoch an vieles gedacht werden: "Sind die Außenplätze überschattet, entsprechen die Bäder der DIN-Norm des Heimgesetzes, gibt es ausreichend Parkplätze…" – Diese Aufzählung könnte Hartmut Roll noch lange weiterführen. Über die knapp 350.000 Euro Fördermittel vom brandenburgischen Agrar- und Umweltministerium war die Wohnungsgesellschaft deshalb auch mehr als froh.
Der Aufwand hat sich gelohnt: Im Nu war das Haus voll mit Mietern. Und trotz dreier Todesfälle im ersten Jahr, sind die Wohnungen schon wieder voll belegt. Hartmut Roll schätzt vor allem die Atmosphäre in der WG. "Es wird zum Beispiel gemeinsam überlegt, ob man zum Frühlingsfest in Göritz geht und wie das am besten organisiert wird. Oder zu Ostern bringt einer der Angehörigen einen ganzen Korb voller bunter Eier oder ein Blech Kuchen als kleine Überraschung für alle mit."
Rund 770 Euro Miete zahlen die Bewohner in der Senioren-WG – inklusive Pflegedienst und Verpflegungskosten. Hinzu kommen die Leistungen der Pflegeversicherung, je nach anerkannter Pflegestufe. Das geht nur, weil die Angehörigen in der WG viel Verantwortung übernehmen. Sie haben eine Auftraggebergemeinschaft gebildet, organisieren die Einzelvermietung der Räume, wechseln sich beim Einkaufen ab, beauftragen den Pflegedienst oder organisieren Grillabende. "Wir als Wohnungsgesellschaft treten nur bei Reparaturen und Verwaltungsangelegenheiten, die das Haus an sich betreffen, in Erscheinung", sagt Hartmut Roll.
Die Bewohner kommen alle aus der Umgebung. In der WG bekommen sie die Hilfe, die sie brauchen, aber behalten ihre Freiheit, wo immer es geht. Um diesen Gedanken voranzutreiben, plant Hartmut Roll schon weiter. "Wir prüfen gerade, ob wir auch Plattenbauten in der Region für diese Zwecke umnutzen können", sagt der Geschäftsführer. Mittlerweile weiß er: "Wir müssen auch eine Lösung für Haustiere finden." Die sind den Senioren enorm wichtig – niemand möchte sich von der Katze oder dem Hund trennen, die zum Lebenspartner geworden sind. "Aber bringen Sie in einer WG mal drei Katzen und zwei Hunde unter einen Hut", sagt Hartmut Roll und lacht. Seiner Wohnungsgesellschaft fällt da schon was ein – das hat sie mittlerweile bewiesen.
Senioren-WG profitiert von der Pflegereform
- Mit der Pflegereform fördert die Bundesregierung bewusst solche individuellen Wohnformen. Denn eines der großen Ziele ist: Menschen sollen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung selbstbestimmt leben können. Deshalb können Wohngemeinschaften wie die in Göritz Betreuungsleistungen künftig noch flexibler in Anspruch nehmen. Etwa indem sie diese Leistungen gemeinsam abrufen und bezahlen.
- Hinzu kommt, dass das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz, das zum 1. Juli 2008 in Kraft tritt, Selbsthilfe und soziales Engagement stärkt. Wer sich zum Beispiel in der Tagesbetreuung um Senioren kümmert, wird von den Pflegekassen geschult und stärker in das Versorgungsnetz eingebunden. Auch das stärkt die individuelle Betreuung im vertrauten Umfeld.
- Und nicht zuletzt wird es Angehörigen leichter gemacht, sich aktiv in die Pflege einzubringen. Arbeitnehmer haben Anspruch auf bis zu sechs Monaten unbezahlte Freistellung. Sie bleiben während dieser Auszeit renten- und krankenversichert und können danach wieder auf ihre Stelle zurückkehren.