Interview mit Günter Nooke,
heute Afrika-Beauftragter der Bundeskanzlerin*
Weshalb sind Sie in den Widerstand gegen das SED-Regime gegangen? Was war das ausschlaggebende Moment?
Es gab keinen konkreten Zeitpunkt, sondern ich bin schrittweise hineingeraten. Meine Eltern haben mich im christlichen Glauben erzogen. Sie haben versucht, mich zu Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu erziehen. Ich bin dann weder zu den Jungen Pionieren noch zur Jugendweihe gegangen. Damit war der Weg in die Opposition eigentlich vorgezeichnet.
So früh?
Durch die Entscheidung, mit 14 zur Konfirmation zu gehen – das haben nicht meine Eltern entscheiden, das habe ich entschieden –, war ich im Grunde aussortiert. Ich konnte nicht zur Erweiterten Oberschule gehen, habe stattdessen eine Berufsausbildung mit Abitur gemacht und Maurer gelernt. Nach der Armeezeit war ich an der Universität kein Reserveoffizier und bekam deshalb kein Leistungsstipendium. Ich fiel immer irgendwie ein bisschen auf, aber es war nie ganz gefährlich. Ich hatte auch kein Interesse daran, politisch so aktiv zu sein, dass ich – was weiß ich – für die Kirche auf dem Friedhof arbeiten musste oder so. Ich habe schon versucht, meine Ausbildung zu machen.
Wie sind Sie dann zur Opposition gekommen?
Das begann während meines Studiums als Freunde aus politischen Gründen "geext" wurden und als ich Kontakte zur offenen Jugendarbeit in meiner Kirchengemeinde in Leipzig-Mockau hatte. Weil ich an der Uni keine Stelle bekam, habe ich in Cottbus einen relativ uninteressanten Job bei der Arbeitshygieneinspektion angenommen. Das gab mir die Möglichkeit, mich auch politisch zu betätigen. Wir engagierten uns in einem ökumenischen Friedenskreis, der zum Netzwerk der Oppositionsgruppen innerhalb der evangelischen Kirche gehörte und gaben in Forst (Lausitz) eins der wenigen Samisdat-Blätter außerhalb Berlins heraus – den "Aufbruch".
Sie waren Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs. Wie kam das?
Das ist eine komische Geschichte. Wie viele andere, die die DDR aus der Provinz heraus ändern wollten, hat mich geärgert, dass es 1989 so viele unterschiedliche Gründungen gab, viele Leute nicht miteinander konnten. Ich bin nach Berlin gefahren, um zu sagen: Jetzt geht es erst einmal darum, die SED abzulösen. Der Demokratische Aufbruch war ursprünglich als Sammelbewegung der Opposition gedacht. Bei der nächsten Volkskammerwahl sollte sie als Wahlbündnis 90 antreten. Das überzeugte mich. Durch den Gründungsaufruf wurde der Demokratische Aufbruch dann doch eine eigene politische Vereinigung. Und ich gehörte eben zu den 17 Personen, die am 1. Oktober 1989 bei der Gründung in Ehrhart Neuberts Wohnung dabei waren.
Eigentlich sollten noch viel mehr kommen…
Ja, es waren Leute aus der ganzen DDR eingeladen. Das einzige paar rote Hosen, das ich je besaß, habe ich am 1. Oktober 1989 getragen…
Wieso das?
Völlig unbewusst. Aber natürlich war das blöd, weil ich so ja für die Stasi leichter zu beobachten war. Aber wir haben damals nicht immer an alles gedacht.
Wie kamen Sie in Neuberts Wohnung? Viele andere hat die Stasi ja daran gehindert, ins Haus zu kommen.
Bei Rainer Eppelmann an der Samariterkirche wurden Zettel verteilt, auf denen der Treffpunkt stand. Ich bin mit zwei anderen Leuten in Rudi Pankes Wartburg eingestiegen, und dann sind wir 20, 25 Minuten eine Rallye durch den Prenzlauer Berg und Friedrichshain gefahren. Die Polizei immer hinterher. 300 bis 400 Meter von Neuberts Wohnung entfernt haben wir den Wagen geparkt und sind zu Fuß weiter. Obwohl uns die Polizisten immer noch verfolgten, haben wir es als letzte durch den Vordereingang in das Haus geschafft. Es kamen noch welche durch den Hintereingang, bis die Polizei den entdeckte und ebenfalls absperrte.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in Neuberts Wohnung saßen? Was wollten Sie erreichen?
Im Sommer hatte die Massenflucht aus der DDR begonnen, am 4. September gingen die Montagsdemonstrationen in Leipzig weiter, die von Woche zu Woche größer wurden. Mir war klar: Das ist jetzt eine Phase, in der es darauf ankommt, dass man weiter in die richtige Richtung drückt. Mir ging es als Mitglied unseres Friedenskreises um die DDR-weite Vernetzung.
Für den Demokratischen Aufbruch saßen Sie dann sogar am zentralen "Runden Tisch".
Ja. Ende Oktober bin ich bei der offiziellen Gründungsversammlung des Demokratischen Aufbruchs in den Vorstand gewählt worden – übrigens auf Vorschlag Friedrich Schorlemmers. Beim Parteitag in Leipzig bin ich dann noch mal in den Vorstand gekommen. Im Januar saß ich deshalb einmal direkt am "Runden Tisch", ansonsten war ich relativ oft als Beobachter da und in der Arbeitsgruppe Ökologie. Die Vorstandsmitglieder der neu gegründeten Vereinigung und Parteien waren von der Arbeit freigestellt. Diese Regelung hatte der Runde Tisch vereinbart.
Demokratisch legitimiert war der Runde Tisch im Grunde nicht. War allen Beteiligten klar, dass das, was sie diskutierten, nur sehr vorläufig war?
Ich war weder Erfinder noch Freund des Runden Tisches. Sicher, es gab auch wichtige Dinge, die dort verhandelt worden sind. Für eine gewisse Phase hatte er auch etwas Beruhigendes. Aber erstens hat er der SED Zeit verschafft, noch viele Dinge in ihrem Sinne zu regeln, und zweitens hat er nicht geleistet, was er eigentlich hätte leisten müssen. Man hätte weniger über Gott und die Welt reden und Ersatzparlament spielen müssen. Die Machtfrage war ja gestellt, und die Frage, wie der Übergang durch freie Wahlen erfolgt, war das Entscheidende.
Sie waren auch Mitglied der frei gewählten Volkskammer und haben am 22./23. August an der Abstimmung über den Einigungsvertrag teilgenommen…
Ich habe mich enthalten, das gebe ich auch offen zu.
Warum?
Das war so ein bisschen die Trotzreaktion eines Parlamentariers, der seinen Job ernst nehmen wollte. Nach meiner Erinnerung war es eine chaotische Debatte. Dreimal wurde versucht, den Text, über den wir abstimmen sollten, vorzulesen, aber mir war nie ganz klar, worüber wir im Einzelnen abstimmen sollten. Und als Oppositionsabgeordneter dachte ich dann: Jetzt machst du hier einfach nicht mit. Man hätte ja nachts um halb drei auch noch eine halbe Stunde warten können, bis alle den Text hatten. Ich weiß noch, dass ich mit Joachim Gauck zusammenstand, und wir uns fragten: Was machen wir jetzt? Es ging ja um die Deutsche Einheit, da sollte man normalerweise zustimmen.
Haben Sie die Einheit grundsätzlich befürwortet?
Ich habe sogar schon am 17. Juni 1989 mit Wolfgang Ullmann, Konrad Weiß und anderen in der Volkskammer den Antrag gestellt, die DDR solle dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten. Weil wir nicht genügend Unterstützer hatten, sind wir zur DSU gegangen, aber die hat daraus dann einen eigenen Antrag gemacht. Eigentlich ging die Debatte von unserer Fraktion, Bündnis 90/Grüne, aus. Ullmann war im Verfassungsausschuss und meinte, rechtsstaatlich gibt es den Bürgern mehr Sicherheit, wenn wir beschließen "Für uns gilt das Grundgesetz", als wenn wir alles Mögliche zum Beitritt der DDR beschließen. Das wäre aus meiner Sicht die maximale Interessenswahrnehmung für die Ostdeutschen gewesen. Für die Bundesrepublik wäre das wahrscheinlich teurer geworden. Der Nachteil war natürlich, dass die außenpolitische Debatte noch nicht abgeschlossen war. Also, ich hatte nie ein Problem mit der Einheit.
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Günter Nooke, Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin
Foto: Deutschlandradio/Bettina Straub
Wie lautet Ihre persönliche Bilanz der Einheit, der 20 Jahre seit 1990?
Na, für mich ist sie durch und durch positiv. Wie fast alle anderen habe ich von der Bundesrepublik Deutschland, vom freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat profitiert, weil ich mich entfalten konnte. Und ich sehe es persönlich als großes Geschenk, dass ich in sehr unterschiedlichen Positionen, in relativ verantwortlicher Stellung sehr unterschiedliche Sachen machen konnte. Ich konnte vier Jahre lang als Fraktionsvorsitzender ein Bundesland aufbauen. Dann kam die Braunkohlesanierung in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen. Im Deutschen Bundestag war ich Sprecher für den Osten, Sprecher für Kultur und Medien. Danach Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, jetzt Afrika-Beauftragter. All das wäre früher völlig undenkbar gewesen.
Mit Ihrem Werdegang zu DDR-Zeiten hat das nicht mehr viel zu tun…
Ja, aber all das, was ich gemacht habe, kommt mir heute zugute. Ich habe Maurer gelernt, bei einem Tischler gearbeitet, Physik studiert und einen Abschluss als Fachphysiker der Medizin gemacht. Auf Etliches kann ich zurückgreifen: Als Menschenrechtsbeauftragter auf die Oppositionserfahrungen oder jetzt in Afrika, bei der Malariabekämpfung, auf die medizinischen Kenntnisse zum Beispiel.
Und wie lautet Ihre Bilanz, wenn Sie die politischen Ereignisse Revue passieren lassen?
Vorbildlich finde ich nach wie vor, dass es zumindest ab dem 9. Oktober 1989 überall friedlich geblieben ist. Meistens sind ja die Revolutionäre diejenigen, die Gewalt anwenden. Das war nie eine Option. Aber es war wirklich eine friedliche Revolution, weil sich auch die Machthaber angesichts von 70.000 Demonstranten in Leipzig nicht getraut haben, Gewalt anzuwenden. Wenn ich heute darüber nachdenke, was man hätte anders machen können, bin ich nicht ganz sicher. Natürlich könnte man fragen, ob wir zwischen dem 9. November und Weihnachten 1989 nicht stärker einen Machtwechsel herbeiführen mussten. Ich kann mich erinnern, dass der Regierende Bürgermeister Walter Momper uns damals sagte: Die Macht liegt auf der Straße.
Sahen Sie das auch so?
Ja, aber wir fühlten uns nicht berufen, diese Macht aufzuheben. Denn wir wussten ja nicht, wie der Regierungsapparat mit zweihundert- bis dreihunderttausend Leuten reagieren würde, wenn wir mit 30 Jahren da reingegangen wären. Heute, mit 51, würde ich sagen: Man muss die Machtpositionen besetzen und den Mut haben, in die Ministerien zu gehen. Da wäre damals wohl nicht viel passiert. Aber man hätte den Leuten nicht die Zeit gelassen, Geld zur Seite zu schaffen oder was auch immer. Ich glaube heute, da haben wir als Opposition einen großen Fehler gemacht. Jemand hat es mal so formuliert: Wir hatten ein sehr klares Verhältnis zur Verantwortung und ein etwas ambivalentes zur Macht. Also, der Runde Tisch hat auch den Falschen genutzt, aber zur ganzen Geschichte gehört auch, dass hinterher manche aus dem Westen kamen, bei denen war es mit der Macht und Verantwortung genau umgekehrt.
*Günter Nooke, geb. 1959, war am 1. Oktober 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, 1990 für die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt Mitglied der frei gewählten DDR-Volkskammer, von Herbst 1990 bis 1994 brandenburgischer Landtagsabgeordneter (Bündnis 90/Die Grünen beziehungsweise BürgerBündnis) und von 1998 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU/CSU). Von 2006 bis März 2010 war er Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, seitdem ist er Persönlicher Beauftragter der Bundeskanzlerin für Afrika.