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Nr. Sonderausgabe 016    10/2009
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Neuanfang

Die Rolle der Medien

Mutige Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das SED-Regime
Vergrößerung
Foto: Dr. Heinz Löster
Massendemonstration für die Meinungsfreiheit
Bilder, die Mut machen – Filmaufnahmen beschleunigen das Ende der DDR
Was wie der Anfang eines Spionagethrillers klingt, ist im Herbst 1989 in Wirklichkeit ein gefährlicher Einsatz für die Meinungsfreiheit: Siegbert Schefke und Aram Radomski machen sich ab September jeden Montag von Ostberlin auf den Weg nach Leipzig, um die Montagsdemonstrationen zu filmen. Da sie die Staatssicherheit beobachtet, ändern die beiden immer wieder die Route, sie wechseln die Autos, schleichen sich zur Not übers Dach aus dem Haus. Ihre illegale Reportertätigkeit ist sehr riskant, ihnen drohen bis zu 12 Jahre Haft wegen Agententätigkeit.
 
Doch Radomski und Schefke wollen die Ereignisse des Herbstes 1989 in die Wohnzimmer der Menschen in der DDR bringen – und die Realität zeigen, die die staatlich kontrollierten DDR-Medien verschweigen. Diplomaten, Bundestagsabgeordnete oder West-Korrespondenten schmuggeln die heimlichen gedrehten Aufnahmen über die Berliner Grenze, so dass sie im "Westfernsehen" ausgestrahlt werden können.
 
Legendär sind ihre Filmaufnahmen der Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989. Vom Kirchturm der St. Thomaskirche aus filmen sie, wie 70.000 friedliche Demonstranten gegen das SED-Regime protestieren – und Stasi und Polizei sie nicht mehr daran hindern können. Radomskis und Schefkes Aufnahmen sind die einzigen Bilder aus Leipzig, denn westdeutschen Journalisten ist es nicht gestattet, über die Demonstration zu berichten.
 
Noch am selben Abend sind die Bilder in den ARD-Tagesthemen zu sehen – auch für Millionen Zuschauer in der DDR. Dass sich die Staatsgewalt zum ersten Mal machtlos zeigt, ermutigt viele Menschen. An der nächsten Leipziger Montagsdemonstration nehmen 150.000 Personen teil, und auch in vielen anderen Städten gehen Tausende Menschen für die Freiheit auf die Straße. 
 
Die DDR-Medien und die Friedliche Revolution
Prag, 30. September 1989, 18:58 Uhr. Außenminister Hans-Dietrich Genscher steht auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft und setzt an: "Liebe Landsleute! Wir sind gekommen, um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest des Satzes – dass die Ausreise genehmigt worden ist – geht im Jubel der ostdeutschen Flüchtlinge unter. Rund 6.000 harren seit Wochen in der Botschaft aus. Noch in derselben Nacht fahren sie in drei Sonderzügen durch die DDR und erreichen am frühen Morgen die Bundesrepublik.
 
Im DDR-Fernsehen ist von all dem nichts zu sehen: Das erste Programm sendet am 1. Oktober um 20:00 Uhr einen "Polizeiruf 110" – Titel: "Der Wahrheit verpflichtet". Das zweite Programm strahlt ein Porträt des Opernsängers Peter Schreier aus. Einen Tag später, am 2. Oktober, veröffentlicht das "Neue Deutschland", das "Zentralorgan" der SED, einen Kommentar zum Massenexodus. Erich Honecker persönlich hat den Text ergänzt: Man "weine" den Geflohenen "keine Träne nach".
 
Medienlenkung total
Der Umgang mit den Ereignissen von Prag war typisch: Die Staatsführung hatte keine politischen Antworten auf die Entwicklung des Jahres 1989. Genauso sprachlos waren die Medien, die seit Jahrzehnten nur Offizielles verlautbaren durften. Lediglich die SED, die so genannten Blockparteien und die "Massenorganisationen" wie die FDJ konnten Zeitungen herausgeben. An eine freie und unabhängige Presse war nicht zu denken.
 
Die Medienlenkung fing bei der Auswahl der Mitarbeiter an: An der Sektion Journalistik der Leipziger Karl-Marx-Universität wurden die meisten der angehenden Redakteure zentral ausgebildet. Dabei spielten journalistisches Handwerk und Marxismus-Leninismus eine gleich große Rolle.
 
"Giftlisten" und Zensur
Die Redaktionen erhielten sogenannte "Argus" – Argumentationen, also Regelungen, wie mit Themen umzugehen war. In "Giftlisten" konnten ganz alltägliche Dinge – je nach Versorgungslage auch bestimmte Lebensmittel – genauso zu Tabus erklärt werden wie hochpolitische Fragen. So gab Joachim Herrmann, der für "Agitation" zuständige ZK-Sekretär, am 7. September 1989 folgende Anweisung: "Das Thema Ausreise kann nicht die tägliche Diskussion in der DDR bestimmen. Die Ereignisse schaden unserem Ansehen."
 
Das, was gesendet und geschrieben wurde, wurde minutiös überprüft. Nicht nur Chefredakteure, Redaktionsleiter und übergeordnete Stellen wie die "Staatlichen Komitees für Rundfunk und für Fernsehen" achteten auf die richtige Linie. Die Kontrolle von Presse, Funk und Fernsehen sowie der staatlichen Nachrichtenagentur ADN übernahm vor allem die Abteilung "Agitation" beim Zentralkomitee der SED. Neben der ZK-Abteilung sorgten die "Sekretäre für Agitation und Propaganda" bei den Bezirks-, Kreis- und Stadtleitungen der SED für die Durchsetzung des "Bestätigungsjournalismus", wie Hans-Dieter Schütt, bis 1989 Chefredakteur der FDJ-Zeitung "Junge Welt", rückblickend die eigene Rolle charakterisierte.
 
Auch die Kirchenpresse und die Zeitungen der "Blockparteien" wurden durch das Presseamt der DDR "angeleitet". Wer Kritik an Staats- und SED-Führung wagte, bekam Ärger. Hinzu kam: Informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit lieferten Informationen, was sich in diesen Redaktionen tat.
 
Erfundenes und Verstecktes
Die SED scheute nicht vor frei erfundenen Geschichten zurück. Um die Bürger zu verunsichern, brachte das "Neue Deutschland" am 21. September ein Interview mit Hartmut Ferworn, einem Koch des Reichsbahnservices "Mitropa". Der Mann erklärte, von einer westlichen Schlepperbande mit einer präparierten Menthol-Zigarette in Budapest betäubt und nach Wien entführt worden zu sein. "Ich habe erlebt, wie BRD-Bürger gemacht werden..., wie Bürger unseres Landes in die BRD geschleust werden – wenn es sein muss, auch gegen ihren Willen."
 
Wo totale Kontrolle herrscht, entwickelt sich eine Kultur der Doppeldeutigkeit, der Anspielungen und ästhetischen Kritik. Etwa im Jugendradio "DT64". Der staats- und FDJ-treue Sender sollte jugendliche Hörer vom RIAS und von anderen westdeutschen Sendern weglocken. Deshalb waren auch Titel aus dem Westen und – in bestimmten Zeitfenstern – ostdeutsche Untergrund-Rockbands zu hören. Wie schmal jedoch der Grat selbst bei der Musikauswahl in den Medien war, zeigt der Fall der Redakteurin Silke Hasselmann.
 
Im November 1988 verbot Honecker höchstpersönlich den weiteren Vertrieb der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik", weil sie über die Reformpläne Gorbatschows berichtete. Die Journalistin wagte es, ihre Hörer kurz auf den Auslieferungs-Stopp hinzuweisen – unter dem Motto: "Heute ist ein Sputnik abgestürzt." Anschließend spielte sie das Lied "Aufruhr in den Augen" der Rockband "Pankow". Prompt wurde Hasselmann versetzt und erhielt ein Jahr Mikrofonverbot.
 
Tastende Schritte
Die SED-Führung wollte im Sommer 1989 medienpolitisch auf den zunehmenden Druck reagieren und ließ im 2. DDR-Fernsehprogramm die Jugendsendung "Elf99" produzieren. Sie kam am 1. September 1999 erstmals auf den Bildschirm. Untertitel: "Der Jugendnachmittag". Die Redakteure durften zwar eigene Nachrichtenbeiträge gestalten, was sonst nur der "Aktuellen Kamera" vorbehalten war. Aber der Spielraum hatte zunächst enge Grenzen.
 
Am 5. Oktober 1989 sollte eine Fernsehdiskussion unter dem Titel "Der deutsche Friedenstaat" Startschuss für eine Diskussion über die Situation des Landes sein. Kurz vor Sendebeginn ließ Honecker anordnen, keine kritischen Zuschauerfragen zuzulassen. Die Sendung wurde abgebrochen.
 
Forderung nach Medien-, Meinungs- und Informationsfreiheit
Angefeuert wurden die Medien von den Forderungen aus der Gesellschaft: Das "Neue Forum" verlangte das Recht auf Meinungsfreiheit und verstand sich als Plattform des demokratischen Dialogs zwischen Staat und Gesellschaft. Die Gruppe "Demokratie jetzt" forderte freie und öffentliche Meinungsäußerung und das alle Gruppen Zugang zu Presse, Funk und Fernsehen haben sollten. Positionspapiere der evangelischen Kirche, Erklärungen, Anträge forderten pluralistische Medien und den Dialog über die Missstände im Lande.
 
Unter dem Druck der Demonstrationen und Aufrufe trat die SED noch unter Honeckers Leitung medienpolitisch die Flucht nach vorne an und erklärte am 11. Oktober, es brauche auch "lebensverbundene Medien". Diese verbale Tätschelung hatte nicht die erhoffte Wirkung. Am 18. Oktober wurde nicht nur Honecker abgesetzt. Auch der oberste Medienlenker Herrmann musste seinen Hut nehmen. Einen Tag später wurden die "Agitationskommission" beim SED-Politbüro und die "Abteilung Agitation" beim ZK der SED aufgelöst. Die zentrale Steuerung der Medien fand damit ihr Ende.
 
Die Fassade bröckelt weiter
Nach diesem wichtigen Datum bröckelte die mediale Fassade der DDR weiter. Jetzt forderte auch der staatliche gelenkte "Verband der Journalisten der DDR" eine Wende in der Medienpolitik. Der dem ZK unterstellte "Verband der Film- und Fernsehschaffenden" zog nach und verlangte ein "vom Volk akzeptiertes Fernsehen". In den folgenden Tagen gab es in Redaktionen vermehrt Selbstkritik: So war am 31. Oktober in den Radiosendern eine Erklärung zu hören, in der die Rundfunkjournalisten eine "einseitige geschönte Berichterstattung" zugaben und sich dazu bekannten, "dass wir in der Vergangenheit der hohen Verantwortung nicht gerecht worden sind".
 
Neue Formate, neue Blätter
Am 30. Oktober berichtete die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" erstmals in einer Live-Schaltung von den Leipziger Montagsdemonstrationen. Neue Fernsehformate schossen wie Pilze aus dem Boden. Am selben Tag startete zum Beispiel um 22:00 Uhr die "AK zwo" als weitere Nachrichtensendung im zweiten Fernsehprogramm. Bisherige Sende-Flaggschiffe wie der "Schwarze Kanal" mit Karl-Eduard von Schnitzler verschwanden aus dem Programm. Neue Zeitungen und Zeitschriften entstanden, Partei-Zeitungen erklärten ihre Unabhängigkeit und erschienen teilweise mit neuen Titeln, Oppositionsbewegungen brachten eigene Blätter wie etwa den "Bürgerrat" heraus.  
Zehntausende Bürger beteiligten sich an einer Demonstration, zu der Berliner Kunst- und Kulturschaffende ins Zentrum der Hauptstadt eingeladen hatten. Foto: Bundesarchiv Vergrößerung Berliner Großdemonstration für Presse- und Meinungsfreiheit
 
Ein weiterer Wendepunkt war die Großdemonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz: 500.000 Menschen traten für Presse-, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit ein. "Da ist ein Großteil der Redaktion geschlossen hingegangen", erinnert sich Jörg Degenhardt, Politikredakteur bei "Stimme der DDR". Das "Fernsehen der DDR", "Radio DDR 1" und der "Berliner Rundfunk" übertrugen die Kundgebung live.
 
Neuanfang in den Redaktionen
In den Redaktionen folgten personelle Veränderungen. Am 8. November, noch vor dem Mauerfall, setzte zum Beispiel die Belegschaft von "DT64" ihre Chefredakteurin ab und einen Kollegen als neuen Leiter ein. Die Politikredaktion der "Stimme der DDR" bildete einen Redakteursausschuss. Am 16. November trat der Chefredakteur des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" zurück. Am 21. November erhielt die Redaktion der "Jungen Welt" eine neue Spitze. Am 30. November änderte sich die Spitze bei ADN.
 
Auch in den Redaktionen vieler Bezirkszeitungen veränderte sich einiges: Ohne noch auf irgendwelche Anweisungen zu warten, wählten die Redaktionsversammlungen neue Chefredakteure.
'Das Volk', ehemals Zeitung der SED-Bezirksleitung heißt ab 15.1.1990 'Thüringer Allgemeine' und ist die erste parteiunabhängige Zeitung Thüringens.Foto: Bundesarchiv Vergrößerung Viele Zeitungen änderten noch in der Umbruchphase ihren Namen 
Medien als Vertreter der Bevölkerung
Jahrzehntelang Stabilisatoren des SED-Staates, wurden die DDR-Massenmedien im Herbst und Winter 1989 zum Katalysator seines Endes. Frauke Kaberka, Redakteurin der mecklenburgischen CDU-Zeitung "Demokrat": "Die Bürger kommen eher zu uns als zur Polizei, um auf Missstände aufmerksam zu machen."
 
Große Resonanz hatte Kaberkas Artikel über die staatliche Waffenexportfirma "IMES-Export" in Kavelstorf: eine Entlarvung des bis dahin propagierten Bildes der "friedliebenden DDR". Für Furore sorgte auch die echte Version der "Mentholzigaretten"-Story, die das DDR-Fernsehen am 4. Januar 1990 brachte. Der Mitropa-Koch Ferworn erzählte, wie es wirklich war. Er war über Ungarn ausgereist, hatte sich aber dann zur Rückkehr entschlossen. In die Heimat zurückgekehrt, hatte ihn die Stasi zu den Aussagen erpresst.
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