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Nr. Sonderausgabe 016    10/2009
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Mauerfall

9. November 1989: Fall der Berliner Mauer

Berliner freuen sich über die Fahrt einer 'Trabi-Kolonne' durch den Grenzübergang Bornholmer Straße nach West-Berlin
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Foto: picture-alliance / dpa
Grenzübergang Bornholmer Straße: Westberliner begrüßen eine `Trabi-Kolonne´
Es ist der Abend des 9. November 1989. Noch ist die Welt, noch ist Deutschland in Ost und West geteilt. Eine unüberwindliche Mauer trennt Berlin in zwei Teile. Seit über 28 Jahren.
 
Doch der Druck der friedlichen Demonstrationen und der Massenflucht der letzten Monate zeigt Wirkung. Das SED-Politbüro beschließt Regelungen für die freie Ausreise und für Besuchsreisen. Am nächsten Morgen sollen die neuen Bestimmungen über die Nachrichtenagentur ADN verbreitet werden.
 
Als Politbüro-Mitglied Günter Schabowski gegen 18:45 Uhr vor die Presse tritt, erwarten die Journalisten Näheres zu diesen Beschlüssen. Welche "Reiseerleichterungen" sind konkret geplant? Wen betreffen sie?
 
Auf die Frage des Korrespondenten der BILD-Zeitung in der DDR, Peter Brinkmann, wann denn die neue Reiseregelung in Kraft treten solle, sagt Schabowski "Ab sofort". Da ist es kurz vor 19:00 Uhr. Die Journalisten stürmen in ihre Büros und informieren ihre Redaktionen. Die Sensationsmeldung geht in Minutenschnelle um die Welt: Die Mauer ist offen, die Menschen in der DDR können in den Westen fahren!
 
In Ost-Berlin verfolgen viele Menschen die Pressekonferenz im Fernsehen. Als die Nachricht von den westlichen Rundfunk- und Fernsehstationen bestätigt wird, ziehen mehrere Tausend zu den Grenzübergängen und fordern die sofortige Öffnung. Zu diesem Zeitpunkt sind die Grenzsoldaten noch gar nicht über das neue Reisegesetz informiert. Es hätte dort leicht zu Gewaltakten und Blutvergießen kommen können. "Das war eine gefährliche Situation", erinnert sich Günter Schabowski später in einem Interview. "Deswegen sage ich immer: Das eigentliche Wunder des 9. November bestand darin, dass es nicht zu dieser blutigen Eskalation gekommen ist."
 
Als erstes öffnen die Grenzer unter dem Ansturm der Massen um 21:20 Uhr den Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Noch werden die Ausreisenden kontrolliert und ihre Personalausweise ungültig gestempelt. Nach ersten Reportagen des Radiosenders RIAS über offene Grenzübergänge sammeln sich immer mehr Menschen an den Übergängen. Bis Mitternacht sind schließlich alle Grenzübergänge im Berliner Stadtgebiet geöffnet, Tausende Ost-Berliner drängen in den Westen und werden dort mit unbeschreiblichem Jubel empfangen. Am Brandenburger Tor und auf dem Kurfürstendamm gibt es einen großen Volksauflauf, die Menschen liegen sich in den Armen. Ganz Berlin feiert tagelang.
Bewohner aus beiden Teilen der Stadt auf der Mauerkrone in der Nähe des Reichstagsgebäudes im Gespräch mit DDR-VolkspolizistenFoto: REGIERUNGonline/Lehnartz Vergrößerung Die DDR öffnet ihre Grenze nach Westberlin und zur Bundesrepublik
 
Als die Nachricht um 20:30 Uhr im Deutschen Bundestag in Bonn eintrifft, unterbrechen die Abgeordneten ihre Sitzung und stimmen spontan die Nationalhymne an. Noch in der Nacht lässt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, zusätzliche Aufnahmemöglichkeiten für Übersiedler schaffen. Alle, die in den Westen kommen, erhalten ein Begrüßungsgeld von 100 D-Mark.
 
Eine der perfektesten Sperranlagen hatte Berlin, hatte Deutschland und Europa zerschnitten. Mit ihrem Fall und dem Zusammenbruch des DDR-Regimes war auch die Teilung Deutschlands überwunden. Viele hatten es nicht mehr zu hoffen gewagt. Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, beginnt knapp ein Jahr später ein neues Kapitel der deutschen Geschichte.
 

Ausschnitt aus der Pressekonferenz von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 in Berlin

 
Günter Schabowski: "Also wir wollen, durch eine Reihe von Umständen, dazu gehört auch das Reisegesetz, die Chance, also der souveränen Entscheidung des Bürgers, zu reisen, wohin er will ... wir sind natürlich ... besorgt, das also diese Möglichkeit dieses Reisegesetzes – es ist ja noch immer nicht in Kraft – es ist ja ein Entwurf, allerdings ist heute, soviel ich weiß eine, Entscheidung getroffen worden, es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes, den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der, wie man so schön sagt oder so unschön sagt, also die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik.

Weil wir es für ... einen unmöglichen Zustand halten, dass sich diese Bewegung vollzieht, ... über einen befreundeten Staat, ... was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist und deshalb ... haben wir uns dazu entschlossen, heute ... eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, ... über Grenzübergangspunkte der DDR ... auszureisen."

Frage: Und wann wird das in Kraft treten?

Schabowski: "Bitte?"

Frage: Ab sofort?

Schabowski: "Also Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist, sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Zuständige Abteilung Pass- und Meldewesen der VP ... der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen eine ständige Ausreise vorliegen müssen.

... Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend mögliche Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR beziehungsweise die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten ... Die Passfrage kann ich jetzt nicht beantworten, das ist auch eine technische Frage, ich weiß ja nicht, die Pässe müssen ja, also damit jeder in Besitz eines Passes ist, überhaupt erst einmal ausgegeben werden. Wir wollten aber sicherlich ... "

Frage: 
Und ab wann tritt das in Kraft?

Schabowski: "Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich ..."

Frage: "Sie hatten auch BRD gesagt."

Schabowski: ".. hat der Ministerrat beschlossen, dass bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer diese Übergangsregelung in Kraft gesetzt."

Frage: "gilt das auch für Berlin West?"

Schabowski: "ja, alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin West... "


(Abschrift: BPA)
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