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Nr. Sonderausgabe 016    10/2009
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Interviews mit Zeitzeugen

Rainer Eppelmann im Gespräch mit einem Offizier der DDR-Grenztruppen bei einem Besuch an der deutsch-deutschen Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße in Berlin
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Foto: picture-alliance/ ZB
Zeitzeuge Rainer Eppelmann im Gespräch mit einem Offizier der DDR-Grenztruppen

Pfarrer Neubert, Berlin: "Wettfahrt mit der Stasi"

Pfarrer Ehrhart Neubert, seit 1979 Mitglied oppositioneller Friedenskreise, Ende der 80er Jahre Referent beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, zuletzt Fachbereichsleiter in der Stasi-Unterlagenbehörde, heute im Ruhestand. 

 
Berlin-Prenzlauer Berg, Wilhelm-Pieck-Straße (heute: Torstraße) 43, 1. Oktober 1989. In der Privatwohnung des Theologen Ehrhart Neubert treffen sich 17 Bürgerrechtler, um einen Aufruf zur demokratischen Umgestaltung der DDR zu unterzeichnen – die Geburtsstunde des "Demokratischen Aufbruchs".
 
Der Staatssicherheitsdienst setzt alles daran, die Gründung einer weiteren Oppositionsgruppe zu verhindern. Denn der 40. Jahrestag der DDR steht kurz bevor, da soll das offizielle Bild möglichst wenig gestört werden. Doch die Geheimpolizei der SED ist nicht schnell genug.
Portrait von Pfarrer Ehrhart Neubert Foto: privat Vergrößerung Pfarrer Ehrhart Neubert
 
e.mag Infrastruktur: Herr Neubert, am 1.10.1989 war Ihre Privatwohnung in Berlin ein ganz besonderer Ort...
 
Neubert: An diesem Tag haben wir in meiner Wohnung den "Demokratischen Aufbruch" (DA) gegründet. Wir hatten das gut vorbereitet. Über 80 Leute sollten kommen, und zum Teil waren die auch alle angetreten. Allerdings hat in der letzten Minute der Staatssicherheitsdienst davon erfahren und hat dann die Wohnung abgesperrt und ein Auto mit Schwerbewaffneten – mit Maschinengewehren – vor dem Haus postiert. Es kamen nur 17 rein, die dann den DA gründeten.
 
e.mag Infrastruktur: Aber immerhin 17 haben es geschafft. Wie sind die an der Stasi vorbeigekommen?
 
Neubert: Wir hatten einen Scheintreffort organisiert. Die 80 Leute sind in die Samaritergemeinde zu Rainer Eppelmann gefahren. Dort erst kriegten sie den Zettel, wo sie hin sollten. Irgendein Spitzel muss dabei gewesen sein. Der hat dann diesen Zettel auch offenbar der Stasi gegeben. Da gab es eine Wettfahrt: Wer war zuerst bei mir in der Wohnung? Die ersten 17 kamen halt noch rein, und dann kam auch schon die Stasi mit ihren Autos und hat dann dicht gemacht.
 
e.mag Infrastruktur: Warum haben Sie überhaupt den "Demokratischen Aufbruch" ins Leben gerufen, es gab doch schon das "Neue Forum"?
 
Neubert: Wir hatten auch mit den Leuten vom "Neuen Forum" im Vorfeld gesprochen, Ende August. Die ersten Pläne gab es schon im Juli zur Gründung des "DA", aber das "Neue Forum" hatte ein völlig anderes Konzept – ein zivilgesellschaftliches Dialogkonzept. Wir wollten gleich deutlich mehr politische Inhalte haben, und insofern gab es da keine Möglichkeit mit dem "Neuen Forum" zu kooperieren. Aber wir wollten auch nicht mit der entstehenden sozialdemokratischen Partei zusammenarbeiten, sodass wir dann zur eigenen Gründung gegangen sind.
 
e.mag Infrastruktur: Der "Demokratische Aufbruch" wollte im Oktober 1989 noch einen reformierten Sozialismus. Um die Staatsmacht nicht zu sehr zu provozieren, oder hielten Sie den Sozialismus tatsächlich noch für reformierbar?
 
Neubert: Wir haben über ein Jahrzehnt geglaubt, dass wir den Sozialismus reformieren könnten, beziehungsweise wir haben nicht gedacht, dass der Sozialismus überhaupt zusammenbrechen würde. So wie niemand gemeint hat, die DDR verschwindet einfach. Wir dachten, in kleinen Schritten müsste es uns gelingen, den Kommunisten etwas mehr Freiheit abzudrücken und abzugewinnen. Darum gab es immer noch diese Vorstellung, dass man den Sozialismus demokratisieren könnte.
 
Das hat sich dann spätestens mit dem Mauerfall erledigt. Für einen Großteil der Mitglieder des "Demokratischen Aufbruchs" war dann der Sozialismus obsolet geworden.
 
e.mag Infrastruktur: Von deutscher Einheit war damals, im Oktober 1989, auch noch nicht die Rede. War das noch kein Thema für Sie? Im Dezember 1989 hat sich der "DA" dann dazu bekannt.
 
Neubert: Im September / Oktober 1989 haben wir in unseren Papieren gehabt: Für uns ist die deutsche Frage offen. Wir glaubten damals, dass die Einheit dann zu erringen wäre, wenn man quasi ein neutrales Deutschland schaffen würde. Wenn die Sowjets aus der DDR abzögen und die Westmächte aus dem Westen, dass dann aus freien Wahlen eine neutrale, deutsche Republik hervorgeht. 
 
Ich meine, das war natürlich utopisch, aber es hat sich dann auch schnell gezeigt, dass es kein realistischer Weg war. Aber über die deutsche Frage haben wir intensiv nachgedacht – wenn auf dem falschen Weg –, aber wir haben nach Wegen gesucht, wie es möglich sein könnte. Der "DA" war dann, glaube ich, auch die Oppositionsgruppe, die sich am schnellsten für eine Einheit auf westlicher Basis ausgesprochen hat. 
 

Oberbürgermeister Oberdorfer, Plauen: "Als der Hubschrauber abzog, hatten wir gesiegt."Ralf Oberdorfer, 49, Diplom-Ingenieur für Maschinenbau und Pädagogik, ist seit 2000 hauptamtlicher Oberbürgermeister der Stadt Plauen im sächsischen Vogtland. Zuvor war er fünf Jahre lang Vorsitzender der FDP-Fraktion im Plauener Stadtrat.

 Portrait von Oberbürgermeister Ralf OberdorferFoto: privat Vergrößerung Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer
e.mag Infrastruktur: Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, fand in Plauen die erste Großdemonstration gegen das SED-Regime statt. 15.000 Menschen gingen auf die Straße – im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr als zwei Tage später in Leipzig. Wie kam es dazu?
 
Oberdorfer: In den Wochen davor gab es ein Flugblatt, das ein Jörg Schneider geschrieben hatte. 250 Exemplare hat er mit seinen Freunden in Telefonzellen und Hauseingängen ausgelegt. Das war der Anlass. Die Ursachen waren vielseitig. Im Mai hatten Mitglieder der Markus-Kirchengemeinde die Kommunalwahl als Fälschung entlarvt. Und dann sind alle 14 Züge, die mit den Botschaftsflüchtlingen von Prag über die DDR geleitet wurden, über Plauen geführt worden. Das hat hier zu tumultartigen Szenen geführt. In der Nacht standen Hunderte von Leuten auf dem Bahnhof, die auch mitfahren wollten. Es gab Gerangel mit der Transportpolizei, es gab Verhaftungen.
 
e.mag Infrastruktur: Warum war gerade in Plauen die Unzufriedenheit so groß?
 
Oberdorfer: Wir hatten hier in Plauen eine andere Situation als beispielsweise in Chemnitz oder in Berlin, wo schon lange Wohnungsbauprogramme gelaufen waren. Durch die Grenznähe dieser Stadt hat hier letztlich eine Abstufung innerhalb der DDR stattgefunden. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu 75 Prozent zerstört, und der Wiederaufbau hat sich schleppender hingezogen, als das vielleicht in anderen Städten der Fall war. Also, es gab eine ganze Menge von Gründen.
 
e.mag Infrastruktur: Sie waren damals selbst dabei…
 
Oberdorfer: Ja. Ich bin hier 1960 als Kind einer geteilten Familie geboren worden. Mein Vater kam aus Süddeutschland. Ich habe also von Kindesbeinen an miterlebt, was es heißt, eine Familie in zwei deutschen Staaten geteilt zu haben. Mein Vater konnte nicht reisen, bis er Rentner wurde. Wir haben jedes Jahr Besuch aus dem Westen gehabt, wir haben uns durch den geteilten deutschen Staat als geteilte Familie gefühlt.
 
e.mag Infrastruktur: Stimmt es, dass die DDR-Staatsorgane die Demonstration nicht aufgelöst haben und es sogar eine Form von Dialog gab?
 
Oberdorfer: Ich denke, jeder, der zu dieser Demonstration gegangen ist, wusste, dass das riskant war. Es gab keine Beispiele für erfolgreiche Demonstrationen im Sozialismus. Das war 1953 so beim Aufstand in Ost-Berlin, 1968 in Prag und im Mai 1989 in Peking. Durch die neuen Töne, die Gorbatschow in der damaligen Sowjetunion angeschlagen hatte, gab es eine bange Hoffnung, aber natürlich keine Sicherheit, dass das alles gut ausging. Und es ist auch nur deswegen gut ausgegangen, weil so viele Demonstranten zusammen gekommen sind.
 
e.mag Infrastruktur: Wussten Sie damals schon, dass die Staatsorgane eigentlich vorhatten, die Demonstration aufzulösen?
 
Oberdorfer: Man hatte die Bereitschaftspolizei vorbereitet, die stand in den Seitenstraßen. Der Staat hatte, wie wir heute wissen, mit einigen hundert Demonstranten gerechnet – und wäre damit wohl auch fertig geworden. Aber die Massen haben sich nicht provozieren lassen und blieben friedlich. Trotzdem hat die Staatsmacht ein Feuerwehrauto in die Demonstration hineinfahren lassen.
 
e.mag Infrastruktur: Wieso ein Feuerwehrauto?
 
Oberdorfer: Das hat mit dem Wasserwerfer die Demonstranten bespritzt. Da sind dann auch Steine und Flaschen an die Scheibe des Autos geflogen, daraufhin wurde das Feuerwehrauto wieder abgezogen. Nur die Menge hat letztlich sichergestellt, dass das Ganze friedlich ausgegangen ist.
 
e.mag Infrastruktur: Die Feuerwehr hat sich hinterher entschuldigt, wie man liest.
 
Oberdorfer: Ein Mann von der Freiwilligen Feuerwehr, Herr Kny, hat sich damals öffentlich entschuldigt und angegriffen, dass sich die Berufsfeuerwehr in dieser Weise eingebracht hat. Herr Kny bekommt in diesem Jahr übrigens den Sächsischen Verdienstorden.
 
Ein Name ist unbedingt zu nennen: Der damalige Superintendant Thomas Küttler. Er hat mit einem Megaphon ganz klar bekundet: Wir ziehen nicht ab, bevor wir die Zusage des Oberbürgermeisters haben, in einen Dialog einzutreten. Der Oberbürgermeister kam nicht aus dem Rathaus heraus, aber er hat zugesagt, sich in der nächsten Woche mit einer Abordnung zu treffen. Das war natürlich schon ein kleiner Sieg.
 
e.mag Infrastruktur: Wieso sagen Sie: "Ein kleiner Sieg"?
 
Oberdorfer: Maßgeblich dafür, dass wir Demonstranten diesen Tag als Sieg verzeichnet haben, war der Abzug des Hubschraubers. Sie müssen sich vorstellen, dass ein Hubschrauber über uns gekreist hat und wie in einem Sturzflug auf uns zugehalten hat. Das war sehr, sehr bedrohlich. Küttler hat dann gefordert, diesen Hubschrauber abzuziehen. Als das dann tatsächlich geschah, haben wir das natürlich mit großem Jubel und Gejohle als einen Sieg verbucht.
 
e.mag Infrastruktur: Wie ging’s weiter?
 
Oberdorfer: Wir haben klargemacht, dass unsere Forderungen auf Reformen, auf Veränderungen bleiben und dass wir nächste Woche wiederkommen. Damit war eingeleitet, dass bis zur Volkskammerwahl im darauffolgenden Jahr an jedem Samstag hier in Plauen demonstriert wurde – in der Spitze mit über 30.000 Teilnehmern.
 

Pfarrer Eppelmann, Berlin: "Nu macht doch mal uff!"Pfarrer Rainer Eppelmann, 66, studierte nach seinem Dienst als Bausoldat Theologie und war bis 1989 Pfarrer in der Berliner Samaritergemeinde. Er organisierte "Bluesmessen" und veröffentlichte 1982 mit Robert Havemann den "Berliner Appell", in dem sie Abrüstung in Ost und West forderten. 1989 war Eppelmann Mitbegründer der Partei "Demokratischer Aufbruch (DA)", in der frei gewählten Regierung de Maizière Minister für Abrüstung und Verteidigung. Eppelmann ist heute Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 Portrait von Rainer Eppelmann Foto: privat Vergrößerung Rainer Eppelmann
e.mag Infrastruktur: Herr Eppelmann, Sie waren am 9. November 1989 an der Bornholmer Straße dabei. Wie kam das?
 
Eppelmann: Ich war am frühen Abend mit meinem Freund Ehrhart Neubert in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt. Die neu entstehenden und entstandenen Parteien, Vereinigungen und Bewegungen hatten dort ihre Programme vorgestellt – für DDR-Verhältnisse eine exotische Veranstaltung. Ich bin beschwingt nach Hause, weil ich merkte: Wir sind ein gewaltiges Stück weitergekommen, die Stasi hat uns nicht verhaftet und gar nichts.
 
Vor dem Gemeindehaus unserer Samaritergemeinde kam mir Wolfram Hülsemann entgegen, damals Stadtjugendpfarrer in Ost-Berlin. "Hast du schon gehört, die Mauer soll auf sein!", fragte er. Hatte ich noch nicht. Wir sagten sofort: "Mensch, das müssen wir uns anschauen!" Wir waren nicht die einzigen, die auf den Gedanken gekommen waren, zum Grenzübergang an der Bornholmer Straße zu gehen. Dort standen auch schon andere – ohne Koffer, ohne Taschen, also offensichtlich ohne gültige Reisedokumente. Es gab kein Gebrüll, kein Gezerre, keine Grenzer, die einen auf einen LKW schmissen, keine Trillerpfeifen oder laute Befehle – bis zu diesem Augenblick alles gar nicht denkbar. Da ging man nur hin, wenn man eine Reiseerlaubnis hatte, ansonsten hatte da keiner etwas zu suchen.
 
e.mag Infrastruktur: Was haben Sie gemacht, als Sie an dem Grenzübergang ankamen?
 
Eppelmann: Wir gingen noch dichter heran und drängelten uns sanft durch, bis wir in der ersten Reihe standen, direkt am Schlagbaum. Neben mir rief einer zu den Grenzern, die uns gegenüberstanden: "Na, nu‘ macht doch mal uff! Der Schabowski hat doch jesagt, wir dürfen rüber." Die rührten sich zwar nicht, aber sie standen anders da als sonst – nicht mehr so wahnsinnig überlegen, als wenn sie den ganzen Globus auf ihren Schultern tragen könnten. An dem Abend standen sie da wie bestellt und nicht abgeholt. Und unbewaffnet.
 
Inzwischen weiß ich, dass der Oberkommandierende da an dem Grenzübergang, ein Herr Jäger, seinen Untergebenen befohlen hat, ihre Waffen in den Waffenschrank zu stellen, nachdem er merkte, dass immer mehr Menschen kamen.
 
Immer mal wieder rief jemand: "Nu‘ mach doch mal uff!" Und so ging die Zeit ins Land, bis wir begriffen: Die dürfen nicht. Wenn die Grenze hier heute aufgeht, dann nur, wenn wir es selber machen. Und dann haben wir es selber gemacht.
 
e.mag Infrastruktur: Wie bitte?
 
Eppelmann: Wir haben den Schlagbaum aufgemacht. Und sind dann stehengeblieben. Die Leute liefen rüber. Andere umarmten sich. Hülsemann und ich sind nicht rüber, sondern wir sind bloß so zehn, 15, 20 Meter in diesen Grenzbereich reingegangen und haben uns dann umgedreht und beobachtet, zugeschaut.
 
Wir sind also nicht nach West-Berlin rüber an diesem Abend. Wir haben uns dadurch vielleicht die freudige Begegnung mit den West-Berlinern entgehen lassen, aber ich habe dafür die Chance gehabt, den schönsten und emotionalsten Abend meines bisherigen Lebens zu erleben.
 
Ich sah, wie sich wildfremde Menschen umarmten, Leute, die jubelten, die kreischten, die fröhlich waren, aber gleichzeitig auch Menschen, die wie erstarrt dastanden, die überhaupt nicht begriffen, was passierte.
Eigentlich war es auch nicht zu begreifen. Wir alle waren seit fast 30 Jahren eingesperrt und jetzt auf einmal... Da hat es Tausende, Millionen gegeben, die sich quälend über Jahre überlegt haben: Haust du ab oder stellst du einen Ausreiseantrag? Und jetzt auf einmal war die Grenze offen.
 
e.mag Infrastruktur: Sie sprachen von der Veranstaltung, bei der ich die neuen oppositionellen Gruppen vorgestellt haben. Sie selbst sind schon lange vor der Friedlichen Revolution zum Oppositionellen geworden. Warum?
 
Eppelmann: Einmal durch den 13. August 1961. Da hat Walter Ulbricht gemeinsam mit Erich Honecker brutal meine Schulbildung unterbrochen. Ich war auf einem West-Berliner Gymnasium, um mein Abitur zu machen, weil ich das in Ost-Berlin nicht durfte. Denn ich war weder Junger Pionier noch FDJler, hatte mich konfirmieren lassen und keine Jugendweihe. Und hatte dann auch noch einen Vater, der im Osten wohnte und in West-Berlin als Zimmermann arbeitete. Das reichte aus, um trotz eines anständigen Zeugnisses nicht auf die Oberschule zu kommen. Ich wollte gerne Architektur studieren, aber das war mit dem 13. August 1961 zu Ende. Ich durfte zunächst nicht mal einen Beruf ergreifen, sondern musste mich als Dachdeckerhilfsarbeiter bewähren und durfte dann ein Jahr später eine Maurerlehre anfangen. Das heißt, die DDR-Regierung hatte massiv in mein eigenes Leben eingegriffen.
 
e.mag Infrastruktur: Gab es weitere Gründe?
 
Eppelmann: Ja. Der zweite Grund war: Die DDR hat nach dem 13. August 1961 die Wehrpflicht eingeführt. Junge Männer, die gesagt haben, wir nehmen keine Knarre in die Hand, haben sie eingesperrt. Nach Gesprächen zwischen Kirche und Politik haben sie dann im Frühjahr 1964 die Anordnung über die Aufstellung von Baueinheiten im Ministerium für Nationale Verteidigung beschlossen. Dadurch konnte man zwar nicht den Soldatendienst verweigern – das hat es in der DDR nie gegeben –, aber man konnte den Dienst mit der Waffe verweigern.
 
Das habe ich gemacht. Ich habe allerdings nicht das Soldatengelöbnis entsprechend dem Fahneneid abgelegt. Weil ich meinte, ich kann keinem Menschen versprechen, das ich alles mache, was er sagt – schon gar nicht als Christ, und schon gar nicht als ein Deutscher, der um Auschwitz weiß und der weiß, dass du in der Nationalen Volksarmee nicht das Recht hast, einen Befehl zu verweigern, selbst wenn er gegen die Menschenwürde verstößt. Ich habe gesagt: Nein, auf dieses Risiko lasse ich mich nicht ein. Dafür bin ich acht Monate ins Zuchthaus eingesperrt worden.
 
Die dritte große Erfahrung war, dass ich mir gesagt habe: Wenn deine Kinder Chancen haben wollen, sich ein Stück weit entfalten zu können, dann muss die DDR anders werden, als sie gegenwärtig ist.
 
e.mag Infrastruktur: Wann ist Ihnen klar geworden, dass die Öffnung der innerdeutschen Grenze im Grunde das Ende der DDR bedeutete?
 
Eppelmann: Am 9. November 1989 nicht. Dass wir uns inzwischen in einer Revolution befanden, das habe ich seit Oktober 1989 mitgekriegt, vor allen Dingen wenn ich nach Dresden oder Leipzig schaute. Da wurde deutlich: Wir sind nicht bloß 600 bis 800 langjährigen Bürgerrechtler, die in dieser DDR etwas verändern wollen, sondern inzwischen ist das eine Massenbewegung geworden – und es gibt eine Fülle von Menschen, die bereit sind, trotz aller Risiken auf die Straße zu gehen und gegen die Regierenden zu demonstrieren.
 
Als ich am 9. November 1989 kurz vor Mitternacht fröhlich nach Hause ging, sagte ich mir nicht, jetzt haben wir die deutsche Einheit oder jetzt hat die Revolution gesiegt. Mir war bloß irgendwie klar: Mein Leben wird ab sofort völlig anders verlaufen. Und das hat sich bewahrheitet.
 
e.mag Infrastruktur: Wann kam die Gewissheit, dass es mit der DDR insgesamt zu Ende gehen würde?
 
Eppelmann: Bei mir erst ganz spät: Als ich merkte, dass wir immer mehr machen konnten, dass wir einen Runden Tisch bekamen, dass deutlich wurde, dass die Grenze tatsächlich nicht bloß drei Stunden auf war. Als wir nach Bonn fuhren und Gespräche zum Beispiel mit Helmut Kohl führten. Aber letzte Sicherheit hatte ich erst in dem Augenblick, als in Strausberg die Generäle und Obristen vor mir strammstanden, deren Oberbefehlshaber ich jetzt war. Der Waffendienstverweigerer, der im Militärknast gewesen ist, war auf einmal ihr Oberbefehlshaber! Dass sie das nicht verhindern konnten, zeigte mir: Wir haben tatsächlich gewonnen.  
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