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Nr. Sonderausgabe 016    10/2009
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Der Weg zum 9. November 1989

Die Berliner Mauer ist mit Graffiti-Figuren besprayt
Vergrößerung
Foto: REGIERUNGonline/Lehnartz
Die Berliner Mauer symbolisierte die deutsche und europäische Teilung

1988

 
17. Januar: Demonstranten von unabhängigen Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen wollen sich in Ost-Berlin der offiziellen SED-Kundgebung zum Gedenken an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts im Jahre 1919 anschließen. Sie werden festgenommen. Einige von ihnen, wie etwa der Liedermacher Stephan Krawczyk und seine Frau, die Autorin und Regisseurin Freya Klier, werden später in die Bundesrepublik abgeschoben.
 
14. März: Die evangelische Kirche befürwortet gesellschaftliche Verhältnisse, "unter denen die Menschen gerne leben können und Anträge auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft nicht mehr stellen wollen".
 
Viele Kirchengemeinden gewähren den Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen staatsfreie "Nischen", in denen sie sich betätigen können.
 
19. November: Mit der offiziellen sowjetischen Monatszeitung "Sputnik", die Stalin als Gehilfen Hitlers bezeichnet hatte, wird in der DDR erstmals ein sowjetisches Druckerzeugnis verboten. Die SED signalisiert damit, dass sie Gorbatschows Reformideen wie "Glasnost" und "Perestroika" ablehnt.
 
Das erstarrte SED-Regime reagiert auf die innere Opposition zunehmend mit Repressalien – mit Verboten, Festnahmen, Ermittlungsverfahren, Zensur und verstärktem Einsatz der Stasi.
 

1989 

 
19. Januar: Staatschef Erich Honecker erklärt, die Mauer werde "in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind".
 
6. Februar: DDR-Grenzsoldaten erschießen an der Berliner Mauer den 20-jährigen Flüchtling Chris Gueffroy. An der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze sterben bis zu ihrem Fall insgesamt über 1.000 Menschen.
 
5. April: In Polen wird die 1980 in Danzig gegründete und 1983 verbotene Gewerkschaft Solidarność wieder zugelassen. Ein Mehrparteiensystem wird ebenso anerkannt wie das Prinzip freier Wahlen und unabhängiger Gerichte. Zu den ersten halbfreien Wahlen kommt es am 4. Juni. Die Solidarność geht daraus als eindeutige Siegerin hervor.
 
2. Mai: Ungarn beginnt mit dem Abbau der Grenzanlagen zu Österreich.
 
7. Mai: In der DDR finden Kommunalwahlen statt. Laut offiziellen Angaben stimmen 98,5 Prozent für die Listen der "Nationalen Front". DDR-Bürgerrechtlern gelingt es jedoch erstmals, durch organisierte Auszählungskontrollen nachzuweisen, dass die offiziellen Wahlergebnisse gefälscht sind. Es kommt zu Bürgerprotesten. Von da an wird an jedem 7. Tag der Folgemonate in Ost-Berlin gegen die Wahlfälschung demonstriert.
 
27. Juni: Die Außenminister von Ungarn und Österreich zerschneiden in einem gemeinsamen symbolischen Akt den Stacheldraht an der ungarisch-österreichischen Grenze.
 
Ab Juli: Hunderte DDR-Bürger suchen in diesem Sommer Zuflucht in den westdeutschen Vertretungen in Prag, Budapest, Warschau sowie in die Ständige Vertretung in Ost-Berlin.
 
Im August werden diese Vertretungen wegen Überfüllung geschlossen.
 
Ungarn: Grenze wird geöffnet
19. August: "Paneuropäisches Picknick": Zum ersten Mal öffnet Ungarn seine Grenze zu Österreich, wenn auch nur für wenige Stunden. Die Paneuropäische Union auf der einen Seite und das oppositionelle Ungarische Demokratische Forum organisieren das Picknick zwischen St. Margareten und Sopron. Eine offizielle Genehmigung beider Regierungen gewährleisten, dass für einige Stunden ein jahrzehntelang geschlossenes Grenztor geöffnet wird. Über 700 Menschen aus der DDR nutzen diese Gelegenheit, um nach Österreich zu fliehen.
 
24. August: 108 Ostdeutsche dürfen aus der bundesdeutschen Botschaft in Budapest in den Westen ausreisen.
In Polen wird unter Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki die erste freie Regierung seit dem Zweiten Weltkrieg gebildet.
 
4. September: Erstes Friedensgebet in Leipzig nach den Sommerferien. Anschließend versammeln sich vor der Nikolaikirche 1.200 Menschen und fordern unter anderem Reisefreiheit und Demokratie. Dies ist der Beginn der herbstlichen Montagsdemonstrationen.
 
9./10. September: Das Neue Forum (NF), die erste landesweite Oppositionsbewegung außerhalb der Evangelischen Kirche, formiert sich. Im Gründungsaufruf fordert das NF einen breiten Dialog über demokratische Reformen. Innerhalb der Oppositions- und Reformbewegung bilden sich weitere Vereinigungen: am 15.September "Demokratie Jetzt" (DJ), am 2. Oktober "Demokratischer Aufbruch – sozial, ökologisch" (DA). Bereits am 26. August tritt in Berlin eine Initiative zur Gründung der SDP (Sozialdemokratische Partei) an die Öffentlichkeit; am 7. Oktober wird sie als erste unabhängige Partei in der DDR gegründet.
 
10./11. September: In der Nacht vom 10. auf den 11. September öffnet Ungarn seine Grenze: Zehntausende Menschen aus der DDR überqueren in den folgenden Tagen diese Grenze in Richtung Westen. Dies ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Fall des "Eisernen Vorhangs".
 
Wenige Tage zuvor hat der ungarische Ministerpräsident Miklos Németh bei einem geheimen Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl auf Schloss Gymnich bei Bonn die Grenzöffnung angekündigt. Ungarn hat für diesen Schritt keine Gegenleistung von der Bundesrepublik Deutschland verlangt.
 
Immer mehr Menschen demonstrieren 
25. September: "Also fürchtet euch nicht!", so beendet Pfarrer Christoph Wonneberger in der Leipziger Nikolaikirche am 25. September  seine Predigt. Die Menschen in der Kirche fassen sich an den Händen und singen das amerikanische Protestlied "We shall overcome" – "Wir werden es überstehen". Singend gehen sie auf die Straße.
 
Bereits seit dem 4. September finden im Anschluss an die Friedensgebete Montagsdemonstrationen statt. Während sich Polizei und Stasi beim ersten Mal noch zurückhalten, weil westliche Medienvertreter anwesend sind, schlagen sie am 11. und am 18. September zu: Sie kesseln die Demonstranten ein, es gibt Verhaftungen und sogenannte Zuführungen.
 
Doch die Menschen lassen sich nicht entmutigen. Nach dem Friedensgebet am 25. September schließen sich 7.000 Menschen dem Demonstrationszug an: Damit hat die Stasi nicht gerechnet. Ihre Taktik der Einkesselung lässt sich nicht mehr anwenden. Die Zahl der Demonstranten steigt nun von Woche zu Woche. 
 
Zentrale Figur bei der Gestaltung und Organisation der Friedensgebete ist Pfarrer Christoph Wonneberger. Bereits 1982 hat er in Dresden die ersten Friedensgebete angeregt. Die Gebete für Gewaltfreiheit als Mittel politischer Auseinandersetzungen übertragen sich auf die Parolen der Straße: "Keine Gewalt!" rufen im Herbst 1989 Demonstranten in der ganzen DDR.
 
Prag: 6.000 dürfen ausreisen 
30. September: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest des Satzes geht im Jubel der fast 6.000 DDR-Flüchtlinge unter, die seit Tagen unter katastrophalen Bedingungen auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag ausharren. Die Worte von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sind das Ticket in die Freiheit.
 
Die Bilder von der abendlichen Balkonszene gehen in alle Welt. Die Ausreiseerlaubnis für die Botschaftsflüchtlinge aus der DDR gilt als eines der Schlüsselereignisse auf dem Weg zum Fall der Mauer am 9. November.
 
1. Oktober: Berlin-Prenzlauer Berg, Wilhelm-Pieck-Straße (heute: Torstraße) 43. In der Privatwohnung des Theologen Ehrhart Neubert treffen sich 17 Bürgerrechtler, um einen Aufruf zur demokratischen Umgestaltung der DDR zu unterzeichnen – die Geburtsstunde des "Demokratischen Aufbruchs". Der Staatssicherheitsdienst setzt alles daran, die Gründung einer weiteren Oppositionsgruppe zu verhindern. Denn der 40. Jahrestag der DDR steht kurz bevor, da soll das offizielle Bild durch möglichst wenig gestört werden. Doch die Geheimpolizei der SED ist nicht schnell genug.
 
2. Oktober: In Leipzig fordern 20.000 Menschen Reformen. Polizei und Stasi lösen die Demonstration gewaltsam auf.
 
4. Oktober: Seit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September den 6.000 Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Nachricht überbracht hat, ihre Ausreise in die Bundesrepublik sei bewilligt, fahren täglich Züge über DDR-Gebiet nach Hof. Der Umweg ist die Bedingung des SED-Regimes, das damit Souveränität beweisen will.
 
Entlang der Fahrtstrecke kommt es immer öfter zu Unruhen. Zwar geben die DDR-Machthaber die Route nicht bekannt. Doch durch die Medien aus dem Westen informiert, versuchen Menschen zu den Zügen zu gelangen und aufzuspringen.
 
In Dresden dann eskaliert die Situation. "Wir wollen raus!" – mit diesem Ruf blockieren am 4. Oktober über 5.000 Menschen den Dresdner Hauptbahnhof. An diesem Tag werden vier Züge in Richtung Hof durch den Hauptbahnhof geleitet. Die Menschen besetzen den Bahnhof und die Gleise. Alle wollen im Zug in die Freiheit mitfahren. Als die Polizei den Bahnhof räumen will, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Bürger werfen mit Pflastersteinen und zünden einen Polizeiwagen an. Die Polizei geht mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor und nimmt zahlreiche Bürger fest. Von 1.800 Verhaftungen ist die Rede.
 
Seitdem fahren die Sonderzüge nicht mehr über Dresden. Fünf weitere werden über Vojtanov und Bad Brambach umgeleitet.
 
Berlin: "Die Lage ist normal"
6. Oktober: Am Vorabend des 40. Jahrestages der DDR huldigen 100.000 Mitglieder der "Freien Deutschen Jugend" mit einem Fackelzug der Staats- und Parteiführung. Aus allen Teilen der Republik sind sie zusammengekarrt. Denn die SED-Führung will demonstrieren, dass die Lage im Land "normal" ist, wie Staats- und Parteichef Honecker behauptet.
 
Unter den Ehrengästen ist Michael Gorbatschow, der durch seine Reformpolitik für viele Menschen in der DDR zum Hoffnungsträger geworden ist. Bei einer Festveranstaltung im Berliner "Palast der Republik" mahnt Gorbatschow die SED, die "Entwicklungsprobleme" der DDR zu durchdenken und zu lösen, in der Gesellschaft gebe es ein "inneres Bedürfnis" zur "ständigen Weiterentwicklung".
 
Honecker geht in seiner Ansprache mit keiner Silbe auf die anhaltende Ausreisewelle und die zunehmenden Proteste gegen das sozialistische Regime ein. Stattdessen spricht er von einer "zügellosen Verleumdungskampagne" gegen die DDR, die darauf abziele, "die Menschen zu verwirren und Zweifel in die Kraft und die Vorzüge des Sozialismus zu säen". Und er kündigt an, die Republik "auch künftig in den Farben der DDR" zu verändern; die Ziele seien im SED-Programm niedergelegt.
 
Damit unterstreicht Honecker, dass er stur an seiner Linie festhalten will – einer Linie, die ZK-Sekretär Kurt Hager zwei Jahre zuvor griffig formuliert hat: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar eine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Eine klare Absage an Gorbatschows Reformen in der Sowjetunion.
 
Honecker und Gorbatschow führen am Rande der Feierlichkeiten ein langes Vier-Augen-Gespräch. Der sowjetische Staatschef sagt später darüber: "Ich war entsetzt. Drei Stunden unterhielt ich mich mit ihm... Und er fuhr fort, mich von den mächtigen Errungenschaften der DDR überzeugen zu wollen."
 
Am Abend berichtet das DDR-Fernsehen in epischer Breite über die FDJ mit ihren Fackeln und Winkelementen. Andersdenkende kommen nur in den ARD-Tagesthemen vor. Hier werden Bilder von einer Veranstaltung in der Berliner Erlöserkirche gezeigt. Rund 2.000 Menschen diskutieren mit Oppositionellen über die Frage "Wohin DDR?". Zu dieser "Zukunftswerkstatt" hat der Ostberliner Stadtjugendpfarrer eingeladen.
 
In Dresden können Stasi und Polizei auch am Vorabend des "Republikgeburtstags" nicht verhindern, dass es zu einer weiteren Demonstration kommt. 10.000 Dresdner rufen nach Gorbatschow. Erneut gibt es Festnahmen. Doch alle Versuche des SED-Regimes, der Lage Herr zu werden, scheitern. Am 6. Oktober finden erstmals Friedensgebete in Görlitz, Lugau und Coswig statt. Der Protest gegen das Regime weitet sich immer mehr aus.
 
Berlin: Tausende demonstrieren am 40. Jahrestag gegen die DDR 
7. Oktober: Die DDR wird 40. Beim Festempfang zeigt sich der SED-Staat von seiner besten Seite, auf den Straßen Ost-Berlins zeigt er sein wahres Gesicht. Stasi-Chef Erich Mielke will verhindern, dass Demonstranten das Jubiläumsbild stören – und befielt, gegen sie vorzugehen. Während die Staatsmacht in der "Hauptstadt der DDR" prügeln und verhaften lässt, steht sie knapp 250 km südlich bereits auf verlorenem Posten: Im vogtländischen Plauen findet an diesem Tag die erste Großdemonstration statt, die Stasi und Polizei nicht mehr auflösen können.
 
An jedem 7. eines Monats treffen sich Regimegegner auf dem Alexanderplatz, um gegen die gefälschte DDR-Kommunalwahl vom 7. Mai zu protestieren. Dieses Mal bilden sie einen Demonstrationszug, dem sich binnen kürzester Zeit mehrere tausend Menschen anschließen. Es gelingt ihnen, in die Nähe des "Palastes der Republik" zu kommen. "Wir sind das Volk!" und "Gorbi, hilf!", rufen sie.
 
Nach etwa einer Stunde setzt sich der Demonstrationszug in Richtung Gethsemanekirche in Bewegung. In dieser Kirche am Prenzlauer Berg halten Menschen seit einigen Tagen eine Mahnwache für die Inhaftierten in Leipzig. Die Polizei errichtet Sperren, Anti-Terror-Einheiten der Stasi prügeln mit Knüppeln auf Demonstranten ein.
 
Bis in die späte Nacht dauert die Jagd an. Polizei und Stasi setzen Wasserwerfer, Reizgas und Schlagringe ein, verschaffen sich brutal Zugang zu Wohnungen, in denen sie geflüchtete Demonstranten vermuten. Am 8. Oktober, einem Sonntag, findet die Gewalt ihre Fortsetzung. Unter denen, die die Brutalität der "Sicherheitsorgane" zu spüren bekommen, sind viele Unbeteiligte.
 
Insgesamt 1.071 "Zuführungen", wie Festnahmen im Stasi-Jargon heißen, gibt es an den beiden Tagen. Die Festgenommenen werden in überfüllte "Zuführungspunkte" gepfercht, teilweise misshandelt, einige müssen ein wahres Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen.
 
Mit dem gewaltsamen Vorgehen gegen die friedlichen Demonstranten wird der Jubiläums-Pomp mit FDJ-Aufmarsch und Militärparade endgültig zur Farce. Kamerateams von ARD und ZDF zeigen Bilder von den Prügelszenen, auch von Verletzten. Viele Zeitzeugenberichte und umfangreiche Gerichtsakten enthalten Belege für das Vorgehen von Polizei und Stasi. Vorermittlungs- und Ermittlungsakten, die die Staatsanwaltschaft später in diesem Zusammenhang anlegt, umfassen 200 Bände *).
 
*) Eine ausführliche Schilderung der Ereignisse vom 7. und 8. Oktober 1989 in Berlin ist im "Deutschland Archiv" Nr. 5/2009 zu finden: Klaus Bästlein: "Der letzte 'Tag der Republik' "
 

Plauen: die erste erfolgreiche Großdemo

 
In Plauen im sächsischen Vogtland sind keine Fernsehkameras dabei. Deshalb erfährt die Öffentlichkeit erst sehr viel später, dass den Plauenern die erste Großdemonstration gelingt, die Polizei und Stasi nicht mehr auflösen können. Zwei Tage vor der Kundgebung der 70.000 in Leipzig, die als erster großer Sieg der Friedlichen Revolution in die Geschichte eingeht, trauen sich in Plauen 15.000 Menschen auf die Straße – und lassen sich nicht mehr vertreiben.
 
Beinahe hätte die Öffentlichkeit von der ersten Großdemonstration, die die DDR-Volkspolizei nicht mehr auflösen konnte, nichts erfahren. Nur eine einzige westdeutsche Zeitung hat darüber berichtet: die "Frankenpost" in Hof. Zwei Augenzeugen hatten mit der Redaktion Kontakt aufgenommen und die Ereignisse geschildert: "Ein Polizist stürzte sich auf einen Mann in der vordersten Reihe und schlug ihn nieder. Es bekam ihm aber schlecht, die Menge riss ihm den Helm vom Kopf und drosch auf den Bullen (wie sie nur noch beschimpft werden) ein. Wieder mahnten die Pfarrer `Keine Gewalt´, `Kein neues China´, `Stasi weg, Stasi weg´", so heißt es in dem "Frankenpost"-Artikel, der am 10. Oktober erscheint.
 
Detailliert und ergreifend berichten die beiden Zeitzeugen in der "Frankenpost" über den Verlauf der Demonstration, den Mut der Menschen, die Feigheit des Bürgermeisters von Plauen, die Brutalität von Polizei und Kampftruppen und die beruhigenden Worte von Kirchenvertretern.
 
Mit dieser Demonstration wird die Friedliche Revolution in der DDR erstmals zu einer Massenbewegung, der die Staatsmacht nicht mehr standhalten kann.
 
Dresden: Die Gruppe der 20 
8. Oktober: Nach Tagen der Gewalt wendet sich in Dresden das Blatt. Seit die Züge der Prager Botschaftsflüchtlinge durch Dresden fahren, knüppelt die Polizei den Protest der Ausreisewilligen nieder. Daneben demonstrieren die Dresdner für Freiheit, darunter Friederike Beiers Freunde. Sie gehen stets gemeinsam. Gemeinsam suchen sie die Polizeiwachen ab, wenn einer nicht nach Hause kommt: Dieser Tage "verschwinden" hunderte von der Straße. Prügel und Stunden qualvollen Stehens sind gemeinsame Erinnerung vieler Dresdner. 
 
20.000 demonstrieren am 8. Oktober. Viele werden auf der Prager Straße eingekesselt. Aus der Menge wenden sich zwei Seelsorger, Frank Richter und Andreas Leuschner, an den Einsatzleiter der Polizei: Keine Gewalt. Man könne miteinander reden.
 
Die Demonstranten wählen 23 Männer und Frauen aus ihrer Mitte: die "Gruppe der 20". Handwerker, Studenten, Krankenschwestern. Sie werden mit dem Oberbürgermeister sprechen – für alle. Vor Ort sammeln sie erste Forderungen: Reise-, Presse-, Wahl- und Demonstrationsfreiheit, Legalisierung des Neuen Forums, offener und gewaltfreier Dialog, Freilassung der politischen Gefangenen. Nach der Aussprache geschieht das Unbeschreibliche: Die Polizisten legen ihre Schilde nieder.
 
Am nächsten Tag geht Friederike Beier mit bewegtem Herzen über die Augustusbrücke. Die Gruppe der 20 hat verhandelt. In den Kirchen hatten sie es verkündet: Es wird nicht geschossen! "Dieser Tag war für mich der Höhepunkt", sagt Beier. "Ich war stolz, eine Dresdnerin zu sein".
 

Eine DDR-Mark für die Freiheit

 
Die Gruppe ist Mittler zwischen Volk und Staat, doch offizielle Anerkennung bleibt ihr versagt. Trotz ihrer Wahl wollen sie ihre Legitimation schwarz auf weiß. Unterschriftenlisten müssten genehmigt werden. Also kommt ihnen eine Idee: Als Zeichen seines Einverständnisses soll jeder Bürger eine Mark auf ein bestimmtes Bankkonto überweisen. Zeitweise sperrt der Generalstaatsanwalt das Konto; auch Sammlungen müssen genehmigt sein. Dennoch ergeben die Einzahlungen ein klares Mandat: Mehr als 100.000 Mark für die Gruppe der 20. Das genügt, um Büromaterial zu kaufen, den Rest bekommt ein Altenheim.
 
Am 30. Oktober wird die Gruppe der 20 im Rathaus anerkannt. Sie erhält das Recht zu demonstrieren, bildet Arbeitskreise für verschiedenste Belange. Später folgen andere Städte dem "Dresdner Modell".
 
Friederike Beier lebt bis heute in ihrem alten Haus. DDR-Baubehörden hätten das halbe Viertel abgerissen, wäre ihnen nicht die Revolution zuvorgekommen.
 
Leipzig: Zehntausende auf der Straße
9. Oktober: Zu Recht ist der 9. Oktober als der erste Höhepunkt der Friedlichen Revolution in die Geschichte eingegangen. Denn in Leipzig findet etwas statt, was nach den Ereignissen am 7. und 8. Oktober in Berlin undenkbar erscheint: Während Polizei und Stasi dort noch auf Demonstranten eingeprügelt haben, müssen Staats- und Parteiführung in Leipzig vor der Menschenmenge kapitulieren. Die Bilder gehen um die Welt – und kündigen das Ende des SED-Regimes an.
 
Seit dem 4. September haben in Leipzig Woche für Woche Montagsdemonstrationen stattgefunden. Obwohl sie von Mal zu Mal größer geworden sind, haben Volkspolizei und Staatssicherheit die Lage bis Anfang Oktober noch im Griff. Sie kesseln die Demonstranten ein, gehen mit Gewalt gegen sie vor, nehmen etliche von ihnen fest. Doch die Menschen lassen sich nicht mehr einschüchtern.
 
Die SED-Bezirksleitung weiß, dass am 9. Oktober wieder eine Montagsdemonstration im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche geplant ist. Um "mögliche Provokationen im Keim zu ersticken", lässt die SED 3.000 bewaffnete und 5.000 "gesellschaftliche" Kräfte in Bereitschaft versetzen. 700 treue Genossen werden zur Nikolaikirche beordert, um die Kirchenbänke zu blockieren.
 

Aufrufe zur Gewaltlosigkeit

 
Am Vormittag veröffentlichen drei kirchliche Arbeitskreise einen Aufruf zur Gewaltlosigkeit. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur gelingt es, den 1. SED-Bezirkssekretär für Kultur sowie zwei weitere Bezirkssekretäre ebenfalls zu einem gemeinsamen Appell zu bewegen. Beteiligt sind auch der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und der Theologe Peter Zimmermann. Im Aufruf der "Leipziger Sechs", verlesen von Masur selbst und per Stadtfunk verbreitet, heißt es: "Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch." Man wolle sich gemeinsam für den Dialog einsetzen und bitte dringend um Besonnenheit.
 
Friedensgebete finden an diesem Montag in mehreren Kirchen statt, erstmals auch in der Thomaskirche, der Kirche Johann Sebastian Bachs. Anschließend versammeln sich mehr und mehr Menschen auf dem Karl-Marx-Platz, der heute wieder Augustusplatz heißt. Volkspolizei und Stasi sehen sich 70.000 Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, die "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt!" rufen. Die Menge setzt sich auf dem Leipziger Stadtring in Bewegung.
 

"Nu sin se rum!"

 
Der amtierende Chef der SED-Bezirksleitung, zugleich oberster Einsatzleiter, ist ratlos und versucht, Egon Krenz in Berlin zu erreichen. Erfolglos. Der Leiter der Volkspolizeidirektion holt sich vom Innenminister der DDR die Genehmigung, sich auf "Eigensicherung" zu beschränken – und den Demonstrationszug nicht anzugreifen. Erst gegen 19:30 Uhr ruft Krenz zurück. Da hat die Bezirksleitung der SED bereits kapituliert. Um 19:10 Uhr soll der SED-Bezirkschef gesagt haben: "Nu brauchen se nich mehr anzurufen. Nu sind se rum." Übersetzt: Den Demonstranten ist es gelungen, die gesamte Innenstadt zu umrunden, jetzt lohnt es sich nicht mehr einzugreifen.
 
Gegen 20:30 Uhr löst sich die Demonstration auf. Sie ist friedlich geblieben. Und zum ersten Mal haben Volkspolizei und Stasi keinen Versuch unternommen, sie aufzulösen. Auch 1.500 NVA-Soldaten, die außerhalb der Stadt auf ihren Einsatz gewartet haben, sind nicht eingesetzt worden. Und anders als beim Volksaufstand vom 17. Juni 1953 sind auch die sowjetischen Panzer in ihren Kasernen geblieben. Der "große Bruder" kommt dem SED-Regime nicht mehr zur Hilfe.
 

Sieg der Leipziger macht Mut

 
Die westdeutschen Medien verbreiten die Nachricht von der friedlichen und ungestörten Demonstration noch am selben Abend. Vielen Menschen in der DDR macht der Sieg der Leipziger über den SED-Machtapparat Mut. In Leipzig selbst sind es am darauffolgenden Montag, dem 16. Oktober, bereits 120.000 Menschen, die auf die Straße gehen.
 
Wenige Wochen später sieht sich das SED-Regime gezwungen, zunächst seine Macht am "Runden Tisch" zu teilen und dann ganz abzugeben. Ohne den 9. Oktober in Leipzig wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen. Im Spätherbst bekommen die Ortsschilder an den Eingangsstraßen Leipzigs den Zusatz "Heldenstadt". Inoffiziell, aber berechtigt.
 
11. Oktober: Die Staatspartei SED fordert zum Bleiben in der DDR auf und bietet einen "Dialog" über die weitere Entwicklung an.
 
16. Oktober: Eine Woche nach der Großdemonstration in Leipzig sind es bereits 120.000 Menschen, die in Leipzigs Innenstadt demonstrierten. Die Sicherheitskräfte greifen wiederum nicht ein.
 
18. Oktober: Erich Honecker wird - nach 18-jähriger Amtszeit - zum Rücktritt von der Staats- und Parteispitze gezwungen. Neuer SED-Generalsekretär wird Egon Krenz. In seiner Fernsehrede gebraucht er zum ersten Mal den Begriff "Wende". Krenz will statt "Glasnost" und "Perestroika" einen "deutschen Begriff", wie er sagt. Er soll "sowohl eine Hinwendung auf das Bewährte aus 40 Jahren DDR" zulassen als auch deutlich machen, "dass wir uns abwenden von allem, was unser Land in die gegenwärtige Situation gebracht hat".
 
23. Oktober: 300.000 Menschen bei der Montagsdemonstration in Leipzig.
 
24. Oktober: Egon Krenz wird von der Volkskammer auch zum Vorsitzenden des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates gewählt. Hiergegen demonstrieren am Abend 12.000 Menschen in Berlin. 
 
 
Grafik der Gesamtverteilung der Demonstrationen von August 1989 bis April 1990
In der ganzen DDR demonstrierten mutige Menschen gegen den Staat und für ihre Freiheit. Sie erreichten damit ein schnelles Ende der SED-Herrschaft.
 
Berlin: Die Öffnung der Mauer 
4. November: Am 4. November findet auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz die größte systemkritische Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Schätzungen gehen von über 500.000 Teilnehmern aus. Sie fordern demokratische Rechte und die Abschaffung der Einparteienherrschaft.
 
Viele Demonstranten sind aus anderen Städten angereist. Auf der Tribüne sprechen Künstler, Bürgerrechtler, aber auch Angehörige der staatlichen Führungselite. Mit den Worten "Wir nehmen uns die Freiheit, die uns zusteht" spricht der Vertreter des Neuen Forums aus, was viele denken. Die meisten Redner der SED dagegen werden ausgepfiffen.
 
Jens Reich sagt in einer Rede am 4. November: "Wir haben die Sprache wiedergefunden und die Welt kennt seitdem dieses verschlafene Land nicht wieder." Ein aus Aschersleben angereister Demonstrant schreibt am 7. November in einem Brief an die Organisatoren der Veranstaltung: "Es war ein großer Tag... Die Gesichter blickten frei".
 
Während der Demonstration wird der Palast der Republik gesichert. Auf allen Etagen sind – vor den Demonstranten verborgen - Angehörige der paramilitärischen Kampfgruppen verteilt.
 
7. November: Die Regierung der DDR, der Ministerrat unter Führung von Willi Stoph, tritt geschlossen zurück.
 
8. November: Das Politbüro des Zentralkomitees, das oberste Gremium der SED, tritt zurück. Bundeskanzler Helmut Kohl knüpft wirtschaftliche und finanzielle Hilfe für die DDR an Bedingungen: Zulassung der Opposition, Zusage freier Wahlen, Verzicht der SED auf ihren Führungsanspruch.
 
9. November: In der Nacht vom 9. zum 10. November fällt die Berliner Mauer. Auslöser ist die ungenaue Ankündigung einer neuen Reiseregelung auf einer Pressekonferenz. Unter dem Druck Tausender Menschen öffnen sich die Schlagbäume, zuerst am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße. Nach 28 Jahren ist die Grenze nach Westen endlich wieder offen.
 
10. November: Millionen von Menschen überqueren die Grenze.
 
Bundeskanzler Kohl erreicht die Nachricht von der Öffnung der Mauer in Warschau, wo er sich in Gesprächen mit der polnischen Führung um eine neue Grundlage im beiderseitigen Verhältnis und um weitreichende Absprachen bemüht. Er unterbricht für einen Tag seinen Besuch in Polen und wirbt in einer Rede am 10. November vom Balkon des Schöneberger Rathauses in Berlin um Besonnenheit und Klugheit. Die neue Situation in Deutschland soll und darf nicht zu unkontrollierten Ereignissen und zu Konflikten mit der Sowjetunion führen, die in der DDR mit einer halben Million Soldaten präsent ist.
 
13. November: Die Sperrzonen an den DDR-Grenzen werden aufgehoben.
 
17. November: Hans Modrow (SED), am 13.November von Willi Stoph durch die Volkskammer zum neuen DDR-Ministerpräsident gewählt, stellt am 17. November das Programm seiner "Regierung des Friedens und des Stalinismus" vor. Er lehnt eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ab und schlägt eine "Vertragsgemeinschaft" in "kooperativer Koexistenz" vor.
 
Der Weg zur Wiedervereinigung 
28. November: Bundeskanzler Helmut Kohl stellt im Deutschen Bundestag den sogenannten Zehn-Punkte-Plan zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas vor. Er umfasst Sofortmaßnahmen humanitärer Art, umfassende Wirtschaftshilfen, den Ausbau der Zusammenarbeit beider Staaten, eine Vertragsgemeinschaft, die Schaffung konföderativer Strukturen, die Einbettung des deutschen Einheitsprozesses in die gesamteuropäische Entwicklung, den EG-Beitritt reformorientierter Ostblockstaaten, die Forcierung des KSZE-Prozesses, Abrüstung und Rüstungskontrolle und schließlich – als 10. Punkt – die Deutsche Einheit. Kohl spricht von einer Konföderation.
Damit ergreift die Bundesregierung die Initiative. Erstmals seit der Maueröffnung ist die Deutsche Einheit offiziell als Ziel genannt.
 
4./5. Dezember: Demonstranten besetzen im ganzen Land die Stasi-Gebäude und sichern die Akten. Nur die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit bleibt einstweilen in der Hand der noch amtierenden Regierung. Am 15. Januar 1990 erstürmen Bürgerrechtler auch dieses Gebäude, um die weitere Vernichtung von Akten – und damit von Beweismaterial – zu verhindern.
 
7. Dezember: Der zentrale "Runde Tisch" tritt zu seiner ersten Sitzung zusammen. An ihm nehmen neben Vertretern des Staatsapparates auch Mitglieder der Bürgerbewegung und der neu entstandenen Parteien Platz. In zähen Verhandlungen werden bis März 1990 wesentliche Voraussetzungen für die Demokratisierung geschaffen. Erstmals sollen in der DDR freie Wahlen stattfinden.
 
11. Dezember: Auf der Leipziger Montagsdemonstration wird der Ruf nach der Wiedervereinigung Deutschlands laut.
 
19./20. Dezember: Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Hans Modrow treffen sich in Dresden, um über eine Vertragsgemeinschaft zu verhandeln. Von der Bevölkerung wird Kohl bei einer Kundgebung stürmisch gefeiert. Vor der Frauenkirche sagt er: "Was ich sagen möchte, ist ein Wort der Anerkennung und der Bewunderung für diese friedliche Revolution in der DDR. Wir erleben, dass eine solche Umwälzung sich zum ersten Mal in der deutschen Geschichte so gewaltlos, mit so großem Ernst und im Geist der Solidarität vollzieht. Dafür danke ich Ihnen allen ganz herzlich." Unter dem Jubel tausender Menschen sagt er weiter: "Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation."
 
22. Dezember: Öffnung des Brandenburger Tores. Um 0:30 Uhr wird das erste Betonteil aus der Verankerung gelöst.
 
31. Dezember: Hunderttausende feiern am offenen Brandenburger Tores in Berlin Silvester.
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