Technologie Ost

Genutzte Chancen zwischen Ostsee und dem Thüringer Wald

In der Mecklenburger Metallguss GmbH (MMG) reinigt ein Mitarbeiter auf dem Frässtand einen Schiffspropeller mit einem Durchmesser von 7,80 Metern
Erfolgreiche Technologien in den neuen Ländern
Foto: picture-alliance / dpa

Auf den Weltmeeren und im All: Technologie Ost

Als der Diplomingenieur Ralf Griffel mit seinem Verein Deutscher Schiffsingenieure zu Rostock e.V. die Mecklenburger Metallguss GmbH in Waren besuchte, staunte er nicht schlecht. Hier an der Müritz, so erfuhr er, werden die größten Schiffsschrauben der Welt hergestellt.

Aus einer 1875 gegründeten Maschinenfabrik und Eisengießerei ist eine Firma geworden, die rund 180 Propeller pro Jahr fertigt. Sie erreicht damit einen Anteil von 25 Prozent auf dem Weltmarkt. Seit der Wiedervereinigung hat sich das Unternehmen ständig vergrößert, sowohl bei den Aufträgen wie in der Betriebsfläche. Neue Hallen wurden gebaut, um bis zu 200 Tonnen Metall gleichzeitig einzuschmelzen und Propeller von mehr als 10 Metern Durchmesser zu gießen. Immerhin kreuzt die Queen Mary II mit zwei Schiffspropellern der Mecklenburger Metallguss GmbH über die Meere.

Überhaupt wurde der größte jemals gegossene Schiffspropeller hier in Waren gebaut und ausgeliefert. Der Riese hat ein Gewicht von mehr als 130 Tonnen und einen Durchmesser von 9,6 Metern. Von der Konstruktion bis zum fertigen Erzeugnis, so lernte Ralf Griffel, vergeht rund ein Jahr.

Der Umsatz der Firma wird sich bis 2009 auf etwa 100 Millionen Euro erhöhen.

Diese "Präsenz" auf den Weltmeeren ist nur ein Beispiel genutzter Chancen in den neuen Ländern nach der friedlichen Revolution. So schickt ein Unternehmen aus Brandenburg/Havel Mitte August fünf neue Satelliten ins All.

Das Satellitensystem der Firma RapidEye ist neu und einzigartig. Die Satelliten sollen am Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan starten und jeden Punkt der Erde einmal täglich beobachten können. Von den gewonnenen Daten sollen weltweit auch staatliche Stellen und Unternehmen aus dem Energie- und Umweltbereich profitieren. Geräte der Firma RapidEye können unsere Erden bis auf fünf Quadratzentimeter genau vermessen. Sie sollen weltweit bei der Analyse und Erfassung von Naturkatastrophen helfen und Daten für die Land- und Forstwirtschaft liefern.

Bei erneuerbaren Energien: Ostdeutschland auf der Überholspur

Wo ist eigentlich der weltweit größte Hersteller von Solarzellen angesiedelt? Die Antwort überrascht: in Thalheim im Landkreis Bitterfeld. Die Q-Cells SE liefert Solarzellen an 67 Kunden in 32 Ländern. Die Zahl der Beschäftigten ist Ende 2008 auf 2.300 gestiegen.

Aber auch kleinere Unternehmen sind auf Erfolgskurs: seit 15 Jahren entwickelt die Odersun AG ihre Dünnschichtsolartechnologie in Frankfurt(Oder). Mit rund 60 Beschäftigten produziert Odersun dort seit 2007 im Vierschichtbetrieb jährlich bis zu 6.000 Kilometer Solarbänder – eine Distanz Brandenburg – New York. 

Überhaupt hat sich zwischen Ostsee und Thüringer Wald auf dem Feld der erneuerbaren Energien Herausragendes getan. Die Firma Choren Industries in Freiberg ist ein interessantes Beispiel. Sie bietet ihren Kunden und Partnern auf diesem wachsenden Markt sämtliche Bausteine auf dem Weg von der Biomasse zur Energie. In das europäische Forschungsprojekt OPTFUEL, das den Weg zu industriellen Großanlagen mit Jahreskapazitäten von 200.000 Tonnen synthetischen Biokraftstoffs der 2. Generation vorbereitet, ist Choren maßgeblich eingebunden.

Die aktuell weltweit größte und effizienteste Biogasanlage, die Biomethan in das Erdgasnetz einspeist, entsteht derzeit in Güstrow. Als landwirtschaftliches Zentrum bietet die Region ideale Voraussetzungen, um die Anlagen mit Rohstoffen zu versorgen. Der Bauherr, die Firma Nawaro Bioenergie, hat ihren Sitz ebenfalls in den neuen Ländern, in Leipzig.

Schon viel erreicht, noch viel zu tun

Auch 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution und 19 Jahre nach der Wiedervereinigung sind noch nicht alle Probleme gelöst. Noch sind viele Regionen der neuen Länder von Strukturschwächen, von Arbeitsplatzmangel oder von Abwanderung gezeichnet.

Andererseits hat sich der Abstand zwischen den neuen und den alten Ländern zwischen 1991 und 2008 erheblich verringert. Besonders das Verarbeitende Gewerbe ist dynamisch gewachsen, seit 2000 um fast 55 Prozent. Ostdeutschland hat damit in den vergangenen Jahren wieder einen international vergleichbaren Industrialisierungsgrad erreichen können, gemessen am Anteil an der Bruttowertschöpfung. 2008 lag er bei 19,6 Prozent.

Diese gute wirtschaftliche Entwicklung zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Seit Ende 2005 hat sich die Arbeitslosigkeit in den neuen Ländern um fast eine halbe Million verringert. Im November 2008 erreichte sie mit 1,003 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von 11,8 Prozent den niedrigsten Stand seit 1991. Gleichwohl blieb die Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie im Westen. Gerade die gegenwärtige Wirtschaftskrise zeigt aber, dass viele Unternehmen im Osten Deutschlands flexibler reagieren und sich besser behaupten als manche Betriebe in den alten Ländern.