Ein Europa – Eine Gesetzgebung. Doch wie wirkt sie in den einzelnen EU-Mitgliedsländern? Was bedeuten die Entscheidungen des Europäischen Parlaments konkret und für den einzelnen Bürger? Welche Veränderungen haben sie bewirkt? Und wo ist Europa für seine Bürger im täglichen Leben und am eigenen Leib spürbar?
Journalisten berichten aus verschiedenen Ländern. Heute Folge 3 aus Slowenien von Nataša Kramberger
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Redakteurin Natasa Kramberger
Foto: privat
Nataša Kramberger wurde 1983 in Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens, geboren. Für ihre schriftstellerische Tätigkeit wurde sie 2006 mit dem slowenischen Nachwuchsliteraturpreis ausgezeichnet. Ihr Roman Heaven in a blackberry bush, a novel in stories erhielt 2008 eine Nominierung als bester slowenischer Roman des Jahres (Kresnik Preis). In demselben Jahr gewann Kramberger den internationalen Kurzgeschichtenwettbewerb A Sea of Words der Anna Lindh Foundation.
Nataša Kramberger arbeitet als Reporterin für die Tageszeitung Večer Daily und schreibt wöchtentlich Reportagen für das Magazin 7dn dieser Zeitung. Kramberger hat auch eine monatliche Kolumne in dem Magazin Kažin und führt ein literarischen Tagebuch für das Magazin Mentor.
Richtlinie 2008/98/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über Abfälle und Richtlinie 2006/66/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 6. September 2006 über Batterien und Akkumulatoren sowie die Rücknahme und das Recycling von Altbatterien und Akkus
Der Müllmann Ivan trägt eine rote Mütze, rot sind auch seine Wangen. Nicht vom Wein, er trinkt nicht. Sehr witzig: Alle denken, dass er vom Alkohol so rot ist. In Slovenske gorice haben die Leute gern einen in der Krone, was will man machen, die Trauben liegen einfach so rum. Einmal schüttete ein eleganter Herr mit Schlips eine halbe Tonne Kies in die Plastiktonne, woraufhin ihn der Müllmann Ivan ermahnte, das ginge so nicht, ganz Europa trenne schließlich seinen Müll, Kies unter Plastik sei sogar strafbar (und überhaupt, heb du mal ne halbe Tonne Kies aufn Laster, wenn du kannst). Der beschlipste Herr wies ihn elegant zurück: »Schaff mir die Tonne weg, und ich geb dir ne Weinschorle aus.«
Heute morgen ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Am Makadam tummeln sich ein paar Frösche, eine Häsin macht sich in Windeseile aus dem Staub, Rehe weiden im Tau der Felder, am Bach sitzt ein Iltis (das ist doch ein Rieseneichhörnchen, rufe ich, aber das Ding stinkt). Auf den Wiesen gehen Fasane spazieren. Unser Lastwagen hat dreizehn Tonnen und breite Hüften, die Straße dagegen Millionen Kurven.
Der einzige Mensch, den wir sehen, mistet in Gesellschaft von Kühen und Pferden einen Stall aus, und als wir irgendwo unterwegs zwischen engen Mauern einem Schulbus begegnen, kippt eben dieser beim Manövrieren fast in den Graben.
Graben – Kurve – Hang. Um sechs Uhr früh ist Fahrer Miro so munter wie ein Sturmangriff, mal fahren wir bis zu fünfhundert Meter auf gut slowenisch »rikverc«, also rückwärts, weil wir in den Wäldern und auf dem Weideland nicht umdrehen können. Mein Magen jauchzt, und ich singe zur Entspannung ein dem Augenblick angepasstes Volks- und Fastnachtslied: Von Tür zu Tür, von Haus zu Haus, wir holen den Müll und die Stinkerei auch.
»Vor 20 Jahren, als wir das Müllsammeln auf dem Land hier in der Steiermark einführten, rannten uns die Bauern mit Messern und Äxten hinterher, wenn wir auch nur erwähnten, dass sie sich im Haus einen Behälter anschaffen sollten, um darin Müll zu sammeln. Und dafür auch noch bezahlen? Ein guter Witz! Sie waren es gewöhnt, den Müll zu verbrennen, einzugraben oder in den Wald zu bringen. Eine Waschmaschine in der Schlucht oder ein Fernseher im Johannisfeuer, einfach und billig! Viele sehen darin heute noch immer nichts Falsches.“ Janez Letnik, Geschäftsführer der Firma Saubermacher Slovenija im Städtchen Lenart im Nordosten Sloweniens, half bereits als Jugendlicher seinem Vater, der mit seinem Unternehmen überhaupt erst begann, im Buckelland von Slovenske gorice Sammelsysteme für die Müllabfuhr einzurichten.
„Veränderungen werden nur langsam akzeptiert, die Leute sind misstrauisch, abgekämpft, ein wenig faul, manche spielen uns auch böse Streiche“, sagt Letnik. „Ein paar Mal fanden wir Tierhäute und Baumaterial in den Papiertonnen, sogar Asbestdachziegel oder alte Autoreifen. Das kann man nicht recyceln. Man kann nur die gefährlichen Stoffe beseitigen und zur Deponie fahren, wo dann die Müllberge wachsen. Am 15. Juli 2009 werden in Slowenien 23 Mülldeponien wegen Überfüllung geschlossen. Wohin dann mit dem Müll? Gewöhnlich lautet die Antwort: Weg, so weit weg wie möglich, nach Indien zum Beispiel, oder besser auf den Mars.“
Wir bleiben vorerst im Dorf Partinje: der rote Müllwagen von Saubermacher kriecht bergauf durchs steile Wäldchen, gingen wir zu Fuß, müssten wir auf Knien kriechen. Im Fahrerhaus sieht man auf dem kleinen, mit der Sicherheitskamera verbundenen Bildschirm, was im Hinterteil des Lkws vor sich geht: Müllmann Ivan springt an den Kreuzungen und Höfen von seiner Treppe, flink, flink, holt die Tonne, bringt sie zum Wagen, koppelt sie an einen speziellen Hebel, kippt den Müll aus, flink, flink, bringt die Tonne zurück. Einmal, fünfmal, hundertmal. Miro Korošec am Lenkrad und Ivan Karmel hinten auf der Treppe sind aufeinander abgestimmt und schwungvoll wie bei einer Polka, hopp, Schwenken zum Hang (mit diesem fetten Autoarsch!), schnell weiter, weiter, Tonnen: hopp hopp.
Nicht, dass der Ausblick nicht grandios wäre. Grüne, mit Wiesenblumen verzierte Auen, an den Straßenecken stehen Marterln mit Pappeln. Aber der Wind im Haar! Vom Makadam steigen so üble Staubwolken auf, dass unsere Augen Murmeln gleichen, und die Sonne zwirbelt den Magen des Müllwagens, dass selbst er den Gestank kaum verdauen kann.
„Man kann sich bei dieser Arbeit nicht entspannen, Gott bewahre, man sollte nie auf der Treppe stehen, als hätte man einen Stock verschluckt.
Wenn du nicht aufpasst, wirst du sofort von einem Zweig am Ohr gezwackt, und wenn es dann noch Winter ist und du vor Kälte sowieso schon ganz steif bist, wirst du so einen Rutenhieb dein Lebtag nicht vergessen“, sagt Ivan. Hinter ihm knurrts. Na, das ist ja ein Heidenspaß. Kein Hof ohne geifernden Köter. Laut unserer eintägigen Statistik lieben die Bewohner von Slovenske gorice riesige Bestien und große Schnauzen. Die kläffen kräftig. „Beißen tun sie auch“. Ivan spricht aus Erfahrung.
Manchmal endet die Straße vor uns abrupt im Nichts. Beziehungsweise im Wald. Oder sie führt so steil bergab, dass wir alle Heiligen des Mülls anrufen, die Bremsen mögen durchhalten. Das hier sind echte Panzer. Neuzeitliche Soldaten im Müllkrieg fahren jeden Tag 200 bis 270 Kilometer über Stock und Stein, um den Abfall von jedem Hof einzusammeln. Von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends.
Am Buchenforst vorbei biegen wir in einen Hof ein. Durch die Küchengardine linst eine ältere Dame, sie scheint wütend zu sein, als wären wir tatsächlich Soldaten. Sie kontrolliert, ob ihre schwarze Tonne ordentlich geleert wird. Die Tonne ist proppenvoll, auf dem Deckel liegt eine riesige Plastiktüte voller Asche und Werbeprospekte. Ivan packt die Tüte und wirft sie in den Wagen, doch sie öffnet sich noch in der Luft und die Prospekte fliegen samt rieselnder Asche wie große Vögel durch die Gegend. Müllmann Ivan zuckt leicht melancholisch mit den Schultern, sammelt alles ein, hinterlässt einen sauberen Hof und winkt schließlich zum Abschied, aber die Dame löst sich hinter der Gardine in Luft auf.
Weder Asche noch Werbeprospekte noch Plastiktüten gehören laut Gesetz in die „Restmüll“-Tonne. Wäre die gesetzwidrige Tonne nicht geleert worden, hätte die Kontrolldame sicher den Chef angerufen. Wären wir dagegen zum Inspektor gegangen, hätte sie gesagt, die Nachbarn füllten ihre Tonne, oder der kleine, ungezogene Enkelsohn. Das passiert regelmäßig: Nur selten wird ein Verstoß gegen das Gesetz der Mülltrennungspflicht in Slowenien tatsächlich mit Bußgeld geahndet – die Aufsichtstellen hätten Probleme bei der Beweisführung, heißt es.
„Viele sind der Auffassung, sie hätten bereits etwas Gutes und uns einen Gefallen getan, indem sie sich einen hauseigenen Müllbehälter angeschafft haben. Mülltrennung ist darum ein stetiger Kampf... In Gebieten mit dünner Besiedlung ist es kaum durchzusetzen, dass jedes Haus fünf Trennmülltonnen hat, und aus dem Grund haben wir ‚Ökoinseln‘ mit größeren Containern eingeführt, wo die Bewohner einer kleinen Siedlung Plastik, Glas, Metall und Altpapier lagern sollen. Im schlimmsten Fall sind die nächsten Recyclingcontainer fünf Kilometer von einem Haus entfernt, also eine Stunde zu Fuß oder fünf Minuten mit dem Auto...“
Mitten im Satz hüpft der kleine Bildschirm im Fahrerhaus. Ojemine! Irgendetwas Flüssiges kam aus dem Müllwagen geschossen. Ivan sprang federnd von der Treppe, auf gut Slowenisch: wie eine „fedrca“. War es Öl? Cola? Sprit? „Eins zu Null für meine Reflexe!“ lacht unser Müllmann. „Ich bin im letzten Moment abgesprungen, es hat mich nicht erwischt. Was denn für ein Mülltrennungsgesetz! Die Menschen schmeißen alles Mögliche in den Müll, auch Plastikflaschen mit allerlei Flüssigkeiten. Lösungsmittel, Erdöl, verbranntes Öl, denk dir was aus. Wenn die Müllpresse im Wagen die volle Plastikflasche zerdrückt, explodiert sie wie eine Bombe! Wenn du nicht schnell genug abspringst, bist du nass wie ein Pudel.“
Ivans schlimmstes Bombenerlebnis war eine volle Tüte mit noch volleren Babywindeln. Das Opfer war nicht Ivan, sondern ein unbenannter Kollege: „Kannste nichts machen. Der Fahrer und er hielten beim ersten Gasthof an und er wusch sich ein bisschen, damit es nicht so stank. Oder damals, Miro, weißt du es noch, als uns aus dem Papiercontainer ein gackerndes Huhn entgegen flog?“ Gacker, gacker, sie hatte in der Wellpappe wohl Eier gelegt, tja, man steckt nicht drin“.
Je höher die Sonne am Himmel steht, desto schwerer geht unser Atem. Auch der Müllwagen röchelt; unterwegs nach Malna trägt er vier Tonnen mehr als heute morgen, und das Gewicht merkt man ihm an.
Kurz vor dem Ende unserer täglichen Route halten wir völlig schlapp vom Magenkarussell unter der ersten Linde. Wir öffnen die Klappe am Wagen und begutachten die Ausbeute des Tages: Würste auf zerbrochener Sonnenbrille und ein paar zerhäckselte Pullover sind das Erste, was wir sehen. Eine regelrechte Minestrone aus Materialien und Farben: abgenagte Eisbeine, Kinderspielzeug, ein zerbrochener Spiegel, eine zerlegte Stereoanlage und ein Beefsteak-Bissen mit Salatbeilage. Je tiefer wir mit unseren Augen dringen, desto mehr sehen wir solche Abfälle, die eigentlich in Recyclingtonnen gehören, etwa Plastikflaschen, Obstreste, sogar ein kaputter Pingpongtisch! Unser Kopf ist wirr, unsere Knien schwach.
Der Staat Slowenien verpflichtete sich durch Annahme der europäischen Direktive dazu, den Anteil der abbaubaren Stoffe im Restmüll bis zum Jahr 2015 auf 22 Prozent zu senken, da diese auf den Deponien zur Entstehung von Treibhausgasen führen. Janez Letnik erwartet uns nach dem langen Arbeitstag am Sitz des Unternehmens. „Das Problem liegt darin“, doziert er, „dass die Bewohner ländlicher Regionen einem romantischen Glauben an die Lösungen aus der guten alten Zeit anhängen, als es Müll eigentlich nicht gab… Alle, die mit dem Müllsammeln zu tun haben, richten sich nach dem Gesetz, und doch scheint das nicht auszureichen. Unsere Verantwortung ist riesig. Wir versuchen, die Kinder zu erziehen, wir arbeiten mit Kindergärten und Schulen zusammen, Studenten besuchen uns. Doch am schwierigsten ist es, die Gewohnheiten der Erwachsenen zu ändern“.
„Ich finde es okay, ein Müllmann zu sein, denn immerhin hab’ ich Arbeit“, sagt Ivan. „Ja, besonders weil es heutzutage gut ist, wenn man weiß, dass einem die Arbeit nie ausgeht. So ist es ja mit dem Müll, es gibt jeden Tag mehr davon. Und in erster Linie ist mir bewusst, dass ich eine Tätigkeit ausübe, die der ganzen Gesellschaft nützt. Ich bin ein Vorbild. Wenn ich meinen Müll nicht trenne – wer dann? Müllmann war früher ein schmutziger Job. Er stinkt immer noch. Aber es gibt immer mehr Menschen, die wissen, wie wichtig wir sind. Vor allem im Dezember vor den Feiertagen stellt man uns kleine Geschenke hin, zum Beispiel eine Flasche Wein oder Kaffee. Früher tat man das, weil man uns ‚bestechen‘ wollte, damit wir, sagen wir mal, ein bisschen mehr abholen würden, als erlaubt war. Heute tun sie es aus wahrer Dankbarkeit, als Dank dafür, das es uns gibt, und dass wir beharrlich weitermachen.“
Mit edlen Gedanken im Kopf und (zugegeben) elendig ächzenden Beinen fahren wir ans andere Ende von Slowenien, zur Adriaküste, ins Städtchen Piran. In Piran spannen sich zwischen einem Haus und dem nächsten nicht fünf Kilometer Hügel, sondern ein halber Meter Wäscheleine. In Piran fährt die Müllabfuhr keine großen Lkws, sondern eine kleine elektrische Jolly, die in enge Durchgänge hineinschlüpfen und steile, gepflasterte Wege empor klettern kann. Piran hat im Sommer so viele Touristen, dass die waschechten Piranesen jeden Überblick verlieren.
„Wegen der extrem spezifischen Situation hier haben wir in der Altstadt ein Müllsammelsystem von Tür zu Tür eingeführt“, erklärt uns Milica Maslo, Vorstandsmitglied des Unternehmens Okolje (Die Umwelt), das in Piran für die Müllabfuhr sorgt. „Jeder Einwohner von Piran erhält diverse Müllsäcke, mit denen er den Müll trennen kann. Die grünen Müllsäcke sind für den Restmüll, die gelben für Plastik und Dosen, die roten für Papier und die Säcke aus Maisstärke für den Biomüll. Die Müllsäcke müssen nur vor die Tür gestellt werden, und wir holen sie ab, pausenlos, jeden Tag. Die Ergebnisse sind von Jahr zu Jahr besser, die Menschen reagieren langsam auf uns. Doch leider haben wir im Sommer, wenn die Touristen kommen, erhebliche Schwierigkeiten. In den Sommermonaten bricht unser System praktisch zusammen, es gerät gänzlich außer Kontrolle. Je mehr Mühe wir uns geben, desto größer wird das Chaos.“
„Die Touristen sind keine Touristen mehr.“ Müllmann Ademi, Crewleiter in Piran, begrüßt uns streng und deutlich: „Man braucht sich nur den Abfall anzusehen, um zu verstehen, dass es eine Krise gibt. Die Touristen von heute kaufen ihr Essen im Laden, nicht mehr im Hotel. Da entsteht natürlich mehr Abfall. Vor Jahren haben wir mehr Touristen gehabt und weniger Müll. Jetzt haben wir weniger Touristen und so viel Müll, dass wir die Container in der Hochsaison fünfmal am Tag leeren und es immer noch so aussieht, als ob wir eine ganze Woche Urlaub gemacht hätten. Überhaupt gab es früher weniger Plastik. Jetzt ist alles aus Plastik, kein Mensch trinkt mehr Leitungswasser.“
Wir laufen über den zentralen Tartiniplatz, ich kremple schon mal die Ärmel hoch. An die Arbeit, was sonst. Von irgendwoher kommt ein kleiner elektrischer Wagen mit einem Fahrer und zwei Hilfsarbeitern angebraust. „Jolly ist unser kleines Auto, und für uns ist sie weiblich. Sie wird von zwei Geliebten begleitet, die den Müll dort abholen, wo unsere arme Jolly nicht hin kann.“
Ademi kommt aus dem Kosovo. Alle Müllmänner in Piran kommen aus dem Kosovo. „Am 15. März 1980 habe ich diesen Job bei den Stadtwerken von Piran bekommen, und ich bin immer noch da. Ich habe einen 26-stündigen Arbeitstag, jeden Tag zwei Überstunden, haha, das ist der Müll. Wie alt ich bin? 260! Aber mach dir keine Sorgen, im Herzen bin ich jung! Jeder, der bei den Stadtwerken arbeitet, feiert einmal im Monat Geburtstag. Also, das eine sag ich dir, ein Tag bei den Stadtwerken ist schlimmer als ein Monat auf dem Bau. Wenn du auf der Baustelle eine Grube heute nicht ausgehoben hast, machst du es morgen. Was du heute nicht ausbetoniert hast, betonierst du eben morgen. Doch beim Müll gibt es kein Morgen. Heute, heute, und zwar sofort. Die Leute können ihren Müll nicht im Haus behalten. Da wird noch wer krank von. Ordnung ist Ordnung, und deshalb sind wir da.“
Ademi geht vorne, wir arbeiten hinten. Wir springen auf den schmalen Straßen auf und ab, laufen Treppen rauf und runter, sammeln Müllsäcke ein, die Sonne arbeitet an unseren Sommersprossen, der Schweiß fließt uns den Rücken herab. „Wir Müllmänner von Piran kennen jede Straße, jede Wohnung, wir ziehen jeden Tag von Tür zu Tür. Montags ist Sintflut. Müll überall. Jeden Montag schaffen wir vierzehn, fünfzehn Mal den Müll weg, an normalen Tagen nur achtmal. Und nichts ist getrennt. Übers Wochenende denken die Leute wirklich kaum ans Recyceln.“
Echt witzig. In Slovenske gorice beklagen sich die Menschen über weit entfernt gelegene Müllcontainer, hier in Piran packt sie die Wut, weil sie ihre Müllsäcke vor die Tür stellen sollen. „Sie sagen, es stinkt. Stimmt ja auch. Die Hitze ist schrecklich und der Sommer lang. Und so kommt es, dass sie den Müll von ihrem Haus weg tragen, irgendwohin auf die andere Seite der Straße. Das sieht dann ein Nachbar und macht es nach. Und noch einer. Und plötzlich steht am Morgen mitten auf der schmalen Straße so ein großer Berg, dass selbst die Katzen nicht vorbeikommen“, sagt Ademi, während er den Besen schwingt und von Tür zu Tür die Straße kehrt. „Wir machen alles. Wir kehren die Straße, spritzen sie ab, sammeln Papierschnipsel ein. Ins Meer? Na, ins Meer springen wir nicht, aber die Leute werfen ihren Müll auch dorthin. Das größte Problem sind dann die Algen, sie schwimmen in der Bucht von Piran hin und her, je nachdem, wie der Wind weht. Bei Bora werden sie ans andere Ufer getrieben, so leihen wir sie den Kroaten aus. Bei Schirokko schicken die Kroaten sie wieder zurück. So sind wir uns einig, und so lange es auf beiden Seiten Müll geben wird, gehen wir nicht vors Gericht.“
Es ist heiß, eine Affenhitze, dabei ist erst Mai. Langsam geht es los, die Saison wird ein Irrsinn. Ademi ist jetzt schon nervös, zwar bekommt die Crew im Sommer massive Verstärkung, doch es hilft nichts. Jolly wird schnell voll und fährt die eingesammelten Müllsäcke aus der verkehrsfreien, meerumringten venezianischen Altstadt „an Land“. Dort werden sie von größeren Müllwagen in die Recyclinganlage nach Koper oder auf die Deponie bei Dragonja an der Grenze zu Kroatien gefahren. Wir machen eine kleine Kaffeepause und fragen die Kellner aus, sagen Sie mal, wie ist es denn so mit dem Müll in Piran? Sie rufen wie aus einer Kehle: „Oje, furchtbar. Wir trennen den Müll. Aber die Müllmänner kippen ihn wieder zusammen“.
Milica Maslo erklärt uns: „Es gibt diese fixe Idee, fast ist es ein Mythos, dass unsere Müllmänner den Trennmüll wieder zusammenkippen und das Ganze auf die Mülldeponie bringen. Ich weiß nicht, woher das stammt, aber es ist schwer auszurotten. Es spricht wohl für sich. Ich glaube, das öffentliche Bild der Müllmänner ist proportional zum Kulturgrad unseres Verhältnisses zur Abfallwirtschaft. In diesem Punkt erwartet uns noch viel Arbeit.“
Und sieh an. Schon kommt Jolly zurück, wir gehen in Startposition. Fahrer Isa kurvt auf dem Küstenfels von Kap Punta, die zwei Arbeiter sammeln Müllsäcke auf. Der jüngste in der Crew spritzt die Straße mit Wasser ab, das macht man im Sommer, um den Gestank wegzuspülen. Just als er den Wasserschlauch von dem Hydranten am Hauptplatz abschraubt (bis dorthin sind es fünf Minuten zu Fuß), rast ein Typ auf einer Vespa vorbei und verteilt sein Eis über die ganze Straße.
Eine alte Dame im feinen Kostüm beäugt die Müllcrew und brüllt den Jungen an: „Du verfluchter Faulpelz! Hast diesen Mist hier nicht weggespült. Wozu haben wir dich denn überhaupt?“ Die zornige Frau zischt ihn an, ob er sich bald in Bewegung setzt oder was, und geht mit erhobener Hand schimpfend weiter. Ich bleibe staunend stehen, doch der Junge im Blaumann zwinkert mir heiter zu: „He, Kollegin, na, hast du zufällig ein bisschen Wasser in der Tasche?“
Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Uljana Wolf