
Von Hanna Middendorf
Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Und nach zwölf Monaten mit dem europäischen Bildungsprogramm Erasmus in Coventry konnte ich wirklich viel erzählen. Über das Studium, die Stadt, die Briten, eine gute Tasse Tee und über das Wetter sowieso. In den berühmten Büchern von C.S. Lewis entdecken die vier Kinder, dass sie durch einen alten Kleiderschrank die Welt von Narnia betreten können. So ähnlich ist es mit einem Erasmus-geförderten Auslandsstudium. Erasmus ist der Schrank, durch den Studentinnen und Studenten in eine fremde Welt eintauchen.
Es gibt in England die Redewendung „to be sent to Coventry“, was so viel bedeutet, wie verbannt zu werden. Im September 2006 „verbannte“ mich die Uni Münster für ein Jahr nach Coventry. Allerdings empfand ich die Verbannung als Glücksfall und nicht als Strafe. Auch wenn man die Stadt nicht als architektonisches Kleinod bezeichnen und das englische Bier mit einem deutschen Pils nicht mithalten kann, so hatte ich in England eine richtig tolle Zeit. Das Erasmusprogramm hat die Planung, Durchführung und Finanzierung des Auslandsaufenthaltes ungemein erleichtert und ist absolut empfehlenswert.
Vor Beginn des Semesters nahm ich an der Welcome Week für internationale Studenten teil. Falls die Gastuniversität so etwas anbietet, kann ich nur empfehlen, daran teilzunehmen. Das vielfältige Programm umfasste Führungen, Ausflüge und natürlich viele Gelegenheiten, andere Studentinnen und Studenten aus aller Herren Länder kennenzulernen. So kam es auch, dass in meinem Freundeskreis fast die halbe EU vertreten war. Das Schöne an Erasmus ist, dass man neben den Menschen und der Kultur des Gastlandes auch auf Menschen vieler anderer Nationen trifft.
Die Universität in Coventry war ein wirklicher Glückstreffer. Zugelassen für das Masterprogramm für Kommunikationswissenschaft hatte ich die Möglichkeit, innerhalb eines Jahres einen Master-Abschluss zu machen. Als Erasmusstudentin war ich glücklicherweise von den 3000 Pfund Studiengebühren befreit. Die Studienbedingungen waren sehr gut. In meinem Studiengang hatte ich nur zwölf Kommilitoninnen und Kommilitonen, in manchen Seminaren saßen wir oft nur zu sechst. Von solchen Verhältnissen kann man an deutschen Universitäten nur träumen.
Im kleinen Kreis kamen viele Diskussionen zustande und häufig haben wir in Kleingruppen verschiedene Themen erarbeitet. Das Verhältnis zu den Dozentinnen und Dozenten sowie die individuelle Betreuung, vor allem bei der Masterarbeit, waren hervorragend. Inhaltlich gab es große Unterschiede zwischen den Unis in Münster und Coventry, sodass ich einen anderen wissenschaftlichen Zugang zu dem Fach kennengelernt habe. Das ist sicherlich ein großer Vorteil von Erasmus. Das Wissen, das ich mir in Coventry angeeignet habe, konnte ich danach in Münster häufig anwenden. In sprachlicher Hinsicht hat mir das Jahr in England viel gebracht. Mein Wortschatz und Sprachstil haben sich durch das viele Lesen und das Verfassen von Dutzenden von Essays deutlich verbessert. Die Anerkennung der Scheine aus England stellte überhaupt kein Problem dar, sodass ich trotz des Auslandsstudiums kein Semester verloren habe.

Damit neben dem wissenschaftlichen Studium das „Studium“ des Gastlandes nicht zu kurz kam, bot das International Office der Universität verschiedene Ausflüge in die Region an. Auf dem Programm standen unter anderem Oxford, Cambridge und London. Zusätzlich habe ich mit Freunden verschiedene Städte besichtigt. Das Streckennetz der Reisebusse ist sehr gut ausgebaut und die Fahrkarten sind wirklich erschwinglich. Die britische Bahn bietet für Studenten Railcards an, mit denen man 30 Prozent Rabatt auf die Fahrkarten erhält. Auch lohnt es sich, vorab zu buchen, um ein günstiges Ticket zu bekommen.
Wenn ich auf die Zeit in Coventry zurückblicke, bin ich unglaublich froh, dass ich mich für den Erasmusaufenthalt entschieden habe. Die Zeit war so toll, dass ich ein ganzes Jahr geblieben bin – obwohl nur ein Semester eingeplant war. Und nach zwölf Monaten hatte ich meinen Master in der Tasche. Der wurde bei der Graduation natürlich standesgemäß mit Robe und Hut gefeiert. Meine „Verbannung“ nach Coventry war also ein Glückstreffer. Das Jahr dort war großartig.
Ich habe viel gelernt und viel gelacht, tolle Freunde gefunden und viele Erfahrungen gesammelt. Obwohl ich in meiner Kindheit in England gelebt habe, habe ich das Land von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Und ich habe viel über Europa gelernt – nicht über die Organe der EU, sondern über die Leute und wie sie in ihrer Heimat leben. Es war ein Jahr voller Bereicherungen in menschlicher, kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht. Ich kann es jedem Studenten nur empfehlen. Es war wirklich super – und das Bier schmeckte eigentlich auch ganz gut...