Europa jenseits von Brüssel

Europäische Gesetzgebung in der Praxis

Logo des Young-Euro-ConnectBild vergrößern Reporter berichten aus Europa Foto: Young Euro Connect e.V.

Ein Europa – Eine Gesetzgebung. Doch wie wirkt sie in den einzelnen EU-Mitgliedsländern? Was bedeuten die Entscheidungen des Europäischen Parlaments konkret und für den einzelnen Bürger? Welche Veränderungen haben sie bewirkt? Und wo ist Europa für seine Bürger im täglichen Leben und am eigenen Leib spürbar?

Journalisten berichten aus verschiedenen europäischen Ländern. Heute Folge 1 aus Polen.

Witold SzablowskiBild vergrößern Witold Szablowski Foto: Gabriele Minz

Witold Szablowski                 Polen

Witold Szablowski, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaften in Warschau und Istanbul. Er arbeitete zunächst zwei Jahre lang als Reporter für den Nachrichtensender TVN 24 und ist seit 2006 fest bei der Gazeta Wyborcza angestellt, wo er für das Magazin Duzy Format schreibt. Szablowski ist Gewinner des Polnischen Radiopreises Melchior, des Amnesty International Awards 2008 und des Journalistenpreises For Diversity. Against Discrimination der Europäischen Union. Zurzeit arbeitet er an einer Sammlung von Reportagen aus dem neuen Europa (Tanczace niedzwiedzie) und an einem Buch über die Türkei.




Gesetzliche Grundlage

Verordnung (EG) 562/2006 des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 15. März 2006 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen (Schengener Grenzkodex)

Schreib an Herrn Schengen!

Wenn der Fluss über die Ufer tritt, sollte man weder im Sterben liegen noch krank sein. Also liegen wir nicht im Sterben und werden auch nicht krank.

Seitdem wir Polen in der EU sind, gibt es am Bug weniger Ukrainer und Belarussen. Dafür gibt es mehr geschützte Vögel. Es gibt weniger illegale Zigaretten, aber mehr Tschetschenen, Kurden und sogar Chinesen.Weniger Gewalt, aber immer mehr Menschen, die sich das Leben nehmen.

In sechs Tagen legte ich mit dem Kajak 150 km auf dem Fluss Bug zurück. 150 Grenzkilometer, an denen die Europäische Union endet und der Rest der Welt beginnt. Bei meinen Landgängen fragte ich jeden, der mir über den Weg lief, was sich seitdem am Fluss verbessert und was verschlechtert hat. Wie bewähren sich die Brüsseler und Straßburger Gesetze eigentlich am Bug?

Dolhobyczow oder zwei Leichen am Strand

„Auf dem Bug? Mit dem Kajak? Dafür brauchen Sie eine Genehmigung aus Warschau“, behauptete der Dienst habende Offizier aus Dolhobyczow am Telefon. Er irrte sich.

Seit anderthalb Jahren sind keinerlei Genehmigungen mehr nötig, um zu paddeln, zu angeln, ein Zelt aufzuschlagen oder auch nur die Füße in den Fluss zu tauchen. Man muss lediglich den entsprechenden Grenzposten darüber informieren. Allerdings gibt es am Bug vierzehn solcher Grenzposten, und auch wenn alle das Gesetz kennen, gilt das Prinzip: je weniger Menschen am Bug, umso weniger Probleme...

„Überlegen Sie es sich gut, es ist ein gefährlicher Fluss“, sagt man in Terespol. „Wenn Sie abgetrieben werden, müssen wir dann die Botschaft bemühen, um Sie von drüben herauszuholen.“ „Vor einem Jahr hat der Fluss zwei Leichen an den Strand gespült“, fügt man in Slawatycze hinzu. Ich bleibe bei meinem Entschluss. Nun telefoniere ich alle Grenzposten ab und schmeiße mein Kajak aufs Wasser.

Der erste Rückruf kommt eine Viertelstunde später. Terespol: „Bei uns haben die Biber eine Biberburg gebaut. Sie reicht bis nach drüben auf IHRE Seite. Es ist besser, wenn Sie Ihr Kajak herüber tragen“. Eine Weile später ruft Dorohusk an: „Sie müssen sich links halten! Sonst schießen sie womöglich. Wieso denn, wer?! Na DIE da drüben!“

Jeden Morgen, noch bevor ich meine Zähne geputzt und das Lagerfeuer angezündet habe, teile ich dem Grenzschutz mit, um wie viel Uhr ich losfahre. Jeden Abend, bevor ich das Zelt aufgeschlagen und eine Flasche Kirschlikör geöffnet habe, melde ich mich telefonisch an. Der Grenzschutz ruft immer zurück. Manchmal über zehn Mal am Tag. „Sind Sie schon bei uns? Ist Ihnen vielleicht etwas aufgefallen?“ fragen sie als erstes. Dann unterhalten wir uns wie alte Bekannte: „Haben Sie schon ein Bett für die Nacht?  Haben Sie genug zu essen? Brauchen Sie Hilfe?“

Ich beschreibe ihnen die Landschaften, durch die ich fahre. Die Grenzer hören gebannt zu. Sie haben den Bug noch nie aus der Perspektive eines Kajaks gesehen. „Das muss wunderschön sein“, sagen sie. 

Der Besitzer eines Ferienbauernhofs in Wlodawa staunt über meine guten Beziehungen zu den Grenzern: „Bevor wir der EU beigetreten sind, durften meine Gäste nicht mal einen Stock in den Bug tauchen. Wenn einer hinging, musste er sich vor der Patrouille im Gebüsch verstecken. Kaum ist hier die EU-Grenze, da ist plötzlich alles erlaubt. Fische, Krebse und sogar ein Kajak. Aber wissen Sie was? Das macht Sinn. Angler kommen in Scharen vor Sonnenaufgang. Sie melden sich an, und wenn sie etwas Auffälliges sehen, rufen sie sofort an. Es ist doch klar, wo die Leute angeln, wird niemand den Schmuggler spielen“.

Bereznica oder die Teufel im Wald

Der Bug betritt das polnische Grenzland wie ein junger Ziegenbock, der sich alles anschauen, alles beschnuppern will. Er dreht sich von links nach rechts. Er hat die Schwungkraft eines Bergbachs, obwohl sein Ursprung unter kleinen ukrainischen Hügeln liegt. Es fährt sich hervorragend, das Paddel benutze ich nur einmal in der Viertelstunde.

Unsere Grenze verläuft schnurgerade bis zu dem Punkt, wo sie sich mit dem Bug vereint. Hier ist die EU-Grenze gewunden wie ein Bändchen im Wind. Der Fluss ist manchmal launisch, vor zwei Jahren änderte sich sein Bett und Polen, und damit die ganze EU, gewann auf Kosten der Ukraine 30 Hektar Land. Die Menschen, die am kapriziösen Bug leben, erzählen seit einigen Jahren merkwürdige Geschichten. Ein paar davon hörte ich auf meiner Reise.

Angela aus Bereznica, eine rüstige 70-jährige, ging einmal im Sommer Pilze suchen. „Die Sonne ging gerade auf. Ich war kaum aus dem Dorf, da sehe ich plötzlich – einen Teufel! Das Blut stockt mir in den Adern. Ich will weg, aber meine Beine sind wie angewurzelt … Der Teufel bemerkt mich auch, schmeißt seine Zigarette weg und schaut mich an. Da erscheinen neben ihm noch ein zweiter, dritter, vierter... Acht Teufel waren es insgesamt und alle so schwärzlich. Ich rannte nach Hause, mein Sohn rief die Grenzer an. Sie schrieben alles auf und bedankten sich. Später stand es in der Zeitung, dass sie mit der Thermoskamera beobachtet wurden…“ - „Thermografiekamera, Mama“ verbessert ihr Sohn Janusz. „Und diese Teufel waren Flüchtlinge aus Tschetschenien“.  - „Früher hatte der Mensch Angst vor Geistern. Er ahnt ja nicht, was ihm heute im Wald alles begegnen kann“ nickt Angela.

Andrzej Wlodek fährt mit seinem LKW nach Belarus: „Wenn man durch den Wald fährt, sieht man manchmal ihre Lager. Ein kleines Lagefeuer und ein paar Gestalten. Die Grenzbewohner nehmen sie auf, bis ein Schmuggler kommt und sie über die Grenze schleust. Die Belarussen pfeifen darauf. Was geht sie das an, dass jemand in die EU flieht?“

Noch vor sechs Jahren warnte der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko, als er sich von Europa gekränkt fühlte, seine Soldaten würden die Grenze jetzt nicht mehr bewachen. Er drohte der Europäischen Union mit 150.000 illegalen Emigranten. Es blieb bei der Drohung. Heute arbeitet Belarus offiziell mit der EU zusammen.

Inoffiziell ist es jedoch schwierig, wie die Grenzer sagen, sich mit den Kollegen jenseits des Bugs zu verständigen. Anfang März zum Beispiel erwischten sie in Zberez einen Ponton mit sechs Passagieren aus Dagestan. Die Belarussen standen am Ufer und grinsten. Zwei Wochen später wurden zwei Libanesen festgenommen, die belarussische Reaktion war ähnlich. Mitte Mai fasste man einen Piloten, der eine Gruppe von Afghanen mit dem Hubschrauber über die Grenze fliegen wollte. Vor Gericht sagte er, er hätte den „armen Menschen aus dem kriegserschütterten Land helfen wollen“. Er verschwieg, dass er von jedem dieser armen Menschen fünfhundert Euro nahm.  

Mit Pontons, Hubschraubern und LKWs machen sich Tausende von Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Irak, Iran, Afghanistan, China, Vietnam, und zuletzt auch aus Afrika auf den Weg in ein besseres Leben diesseits der Grenze. Voriges Jahr wurden sogar zwei… Kubaner aufgegriffen.

Wie viele Menschen überschreiten illegal die Grenze? Niemand weiß es. 2008 wurden 280 Flüchtlinge bei dem Versuch gefasst, den Bug zu überqueren. Ist das viel? In derselben Zeit nahm der ukrainische Grenzschutz in den am Bug gelegenen Dörfern fast 30.000 Flüchtlinge fest.

„Kann schon sein, dass die Ukrainer fast alle Flüchtlinge schnappen. Vielleicht lassen wir auch unzählige einfach durch. Wie dem auch sei, passen Sie bloß gut auf sich auf“, mahnte mich ein Grenzer.

Skryhiczyn oder was ist los mit den Zöllnern

Auf der Höhe von Skryhiczyn mäandert der Bug von links nach rechts, als ob er sich selbst mit dem aus der Ukraine geschmuggelten Wodka betrunken hätte.

Ich verstecke mein Boot im Gebüsch und schaue mich im Dorf um. 2004, kurz nach Polens EU-Beitritt, wurde hier die Elite der lokalen Grenzer inhaftiert. Mariusz S., der Kommandant des Grenzschutzes und Piotr S., sein Stellvertreter waren am Menschenschmuggel beteiligt. Sie informierten Mittelsmänner über die Patrouillen von Grenzsoldaten, ja, sie fuhren sogar persönlich Patrouillen den Bug entlang, damit ihre Untergebenen die Aktionen nicht störten.

Das war einer der ersten Vorboten einer Affäre, die die polnischen Grenzen erschütterte. Die Skryhiczyner Zollgewerkschafter nehmen mich ins benachbarte Chelm. Dort erzählen sie beim Grillen über die Probleme eines EU-Zollbeamten.

Janusz (alle Namen wurden geändert), ein stattlicher Mann mit Schnurrbart, arbeitet an der Grenze seit 12 Jahren, Wanda, seine Kollegin, seit acht Jahren. „Als wir der EU beigetreten sind, wollten unsere Chefs einen schnellen Erfolg im Kampf gegen die Korruption haben“ sagen sie. „Und wie konnte man einen schnellen Erfolg erreichen? Indem man alle einsperrt. Schuld kann man immer nachweisen.“

Seit 2004 wurde einigen Tausend Angestellten des polnischen Grenzschutzes Korruption oder Beihilfe zu einer Straftat vorgeworfen. Allein im Zolldienst wurden 600 Mitarbeiter entlassen. Janusz: „Die meisten Angeklagten sitzen aufgrund von Aussagen inhaftierter Straftäter ein. Weißt du, was das heißt? Die werden doch nicht ihre Kumpel verpfeifen. Sie verpfeifen diejenigen, die ihnen ans Leder wollten, die den Schmuggel bekämpft haben. Mein Kollege sitzt ein, weil ein Schmuggler aussagte, dass er ihm Treibstoff in den Tank gefüllt und zweihundert Zloty in die Tasche gesteckt  hätte. Das hat dazu geführt, dass jetzt an der Grenze nur noch Grünschnäbel arbeiten, und dass die Schmuggelaufklärungsquote sinkt, statt zu steigen.

Am 17. Dezember 2008 nahm sich ein junger stellvertretender Kommandant des Grenzschutzes in Skryhiczyn das Leben. Das ist innerhalb einer kurzen Zeit schon der fünfte Selbstmord eines Kollegen an unserer östlichen Grenze.

Wanda: „Die Leute wurden von der deutsch-polnischen Grenze hierher versetzt. Seitdem das Schengener Abkommen gilt, werden sie dort nicht mehr gebraucht. Sie arbeiten jetzt in einer Region, wo sie weder Machtverhältnisse noch Menschen kennen. Viele halten das psychisch nicht aus. Hier sehen die Seilschaften nämlich oft so aus, dass ein Grenzer und ein Schmuggler in einer Schulbank saßen.“

Janusz: „In Przemysl hätten sie beinahe eine Zollbeamtin in einem Restaurantklo ertränkt. Einem anderen Kollegen haben sie das Auto in Brand gesetzt“.

Wanda: „Wenn sich nichts ändert, sind weitere Selbstmorde sicher.“

Kolemczyce oder das Sterbeverbot

Der Bug ist launisch wie eine alte Jungfer. Hinter Skryhiczyn wird er deutlich langsamer, er fließt ruhig, geradezu träge. Ich rauche eine Zigarette, lese in der Zeitung, langweile mich. Doch dann regnet es leicht und der Fluss beschleunigt plötzlich wie ein Formel1-Bolide. Der Wasserspiegel steigt innerhalb weniger Minuten um einen halben Meter.

„Ein halber Tag Regen reicht, dass ich den Fluss neu kennen lernen muss. Wird das Wasser  an einer Stelle seichter, ziehen dort die Brassen aus. Wird es an einer anderen Stelle tiefer, gefällt das wiederum den Hechten nicht. Es gibt für einen Angler kaum einen anspruchsvolleren Fluss als diesen“, sagt Józef Kazimieruk, der am Bug seit einem halben Jahrhundert angelt.

Der Bug wurde nie begradigt. Das ist ein Segen für Naturliebhaber, das Gegenteil aber für die Bewohner des Dorfes Kolemczyce. Zwei bis drei Mal im Jahr schneidet sie der Fluss von der restlichen Welt ab. Ich übernachtete in Kolemczyce eine Woche nachdem die einzige Straße, die ins Dorf führt, wieder passierbar geworden ist.

„Wir leben von Überschwemmung zu Überschwemmung“ sagt Lech Prucnal, der Bürgermeister. „Die EU hätte uns die Straße bauen sollen. Es kam der Gemeindevorsteher mit einer Kommission zu Besuch, Versprechen wurden abgegeben, aber von der Straße gibt es bis heute keine Spur. Einmal fiel ein Junge vom Fuhrwagen – der Arzt war einen halben Tag unterwegs. Ein anderes Mal sollte ein Sarg zum Friedhof gebracht werden. Mitten im Überschwemmungsgebiet brach ein Unwetter los. Beinahe wäre ich mit dem Sarg versunken. Die Menschen haben deshalb gelernt: Wenn der Fluss über die Ufer tritt, sollte man weder im Sterben liegen noch krank sein. Also liegen wir nicht im Sterben und werden auch nicht krank.“

Kostomloty oder manchmal hört man SIE

SIE sind unsichtbar. Wir wissen nicht, wie alt und wie viele sie sind. Ob sie uns mögen oder nicht. Ob sie überhaupt etwas von uns wollen. Sechs Tage lang, die ich auf meinem Kajak verbracht habe, konnte ich es nicht glauben, dass SIE da sind. Ich habe keine Spur von IHRER Anwesenheit gesehen. Ich spitzte die Ohren, strengte die Augen an. Nichts außer Gras und vom Wind umgestoßene Bäume.

Nach zwei Tagen machte ich mir nichts mehr aus der Grenze. Sie verlief mitten durch das Flussbett. Da die schnelle Strömung öfter auf der belarussischen Seite war, wagte ich mich immer frecher nach Belarus vor. Und? Weit und breit niemand zu sehen. Halb so schlimm. Aber Jacek, Landwirt aus Pratulin, der am Bug seit 26 Jahren lebt,  hat all die Jahre nicht mal einen von IHNEN gesehen. „Manchmal höre ich nur, dass dort irgendwo ein Trecker fährt“, sagt er. „Hier ist das wahre Ende der Welt“.

In Kostomloty sagt man aber, dass manchmal Glocken von IHREN orthodoxen Kirchen zu hören sind. Einer überquerte den Fluss zum Liebeswerben um eine Lehrerin in Koden.

Dabei wimmelte es von IHNEN noch vor fünf Jahren. Von Przemysl bis nach Hajnowka verkauften sie auf jedem Basar Rasierapparate, Tauchsieder, Ferngläser, Feuerzeug, Angeln, Nagelnecessaires und alles, was sie über den Bug transportieren konnten. Die Menschen haben IHRE Zigaretten geraucht (sie waren 3/4 billiger als unsere) und IHREN Wodka getrunken (er war um die Hälfte billiger). Manche Männer haben Frauen von jenseits des Flusses geheiratet. Bis eines Tages irgendein Schengen kam. Und SIE verschwanden.

Terespol oder das halb gebaute Haus

Jadwiga aus Terespol musste wegen dieses plötzlichen Verschwindens ihren Laden schließen: „Sie kauften bei uns Fleisch und Wurstwaren. Sie sagten, sie hätten keine so guten wie die unseren. Goldene Zeiten waren das damals. Wir konnten uns sogar ein Haus bauen. Und jetzt? Mein Mann hilft Gurken einlegen, ich bin arbeitslos. Nur die, die an der Grenze arbeiten, können sich irgendwie über Wasser halten. Alle anderen – es ist nicht der Rede wert“.

Janusz Biegaj schaffte es nicht mal, sein Haus fertig zu bauen: „Die Ukrainer haben es gebaut. Die Polen konnte ich mir nicht leisten. Die Besten arbeiten sowieso schon längst in England. Die Ukrainer sind super Fachleute, und dazu noch billig. Aber dann hat der eine kein Visum bekommen, der andere durfte nicht über die Grenze, und so ist die ganze Mannschaft auseinander gefallen. Ich muss weiterhin mit meinen Schwiegereltern zusammen wohnen“.

Nur IHRE Zigaretten raucht man im Grenzgebiet. Jeder Raucher, der am Bug lebt, holt aus seiner Tasche eine Schachtel Zigaretten mit dem Steuerband in kyrillischer Schrift. Fast täglich entdeckt der Grenzschutz auf dem Bug einen beladenen Ponton, im Zug eine doppelte Wand oder im privaten Auto ein raffiniertes Versteck. 

Marzena Siemienik von der Zollkammer in Biala Podlaska: „Allein in der einen Nacht, in der das Schengener Abkommen in Kraft getreten ist, fanden wir in einem PKW 19.500 Schachteln und in einem Zug 11.000 Schachteln Zigaretten. Seitdem steigt die Zahl der Schmuggelversuche stetig.“

Warszawa oder schreibe an Herrn Schengen

Während ich mich auf meine Kajaktour auf dem Bug vorbereitete, führte die Warschauer Stefan Batory Stiftung eine Untersuchung durch, wie sich die polnische Visa-Politik nach dem Beitritt zum Schengen-Raum geändert hat. Die Ergebnisse dieser Untersuchung waren schockierend: Innerhalb von anderthalb Jahren sank die Anzahl der erteilten Visa um die Hälfte. „Mit dem Schengener Abkommen droht die Errichtung eines neuen Eisernen Vorhangs“, warnte Grzegorz Gromadzki, Experte der Stefan Batory Stiftung. „Unsere ukrainischen und belarussischen Nachbarn müssen stundenlang Schlange stehen, um ein Visum zu bekommen. Leute, die bis vor kurzem das Visum problemlos bekommen haben, ziehen mit leeren Händen ab. Freundschaften, Familien und Geschäftsbeziehungen gehen zu Bruch“.

Jadwiga, die ihren Laden in Terespol schließen musste, sagt zu mir: „Sie sind doch ein Mann von Welt. Finden Sie doch bitte diesen Herrn Schengen und schreiben Sie ihm einen Brief. Dass es so nicht weiter geht. Dass die Menschen doch von irgendetwas leben müssen.“

Janow oder kommunistische Nomaden

IHR Land zieht sich vom Bug hin bis nach Japan. SIE wollen unser Land betreten und von unserem Reichtum profitieren. Wir wollen IHNEN das nicht erlauben. Deshalb bauen wir immer modernere Wachtürme, kaufen Wärmebildkameras, richten unsere Hunde ab.

Einen der Grenzwächter IHRES Landes sah ich an der Sandbank in der Nähe von Janow. Stolz, ernst und regungslos stand er da wie der Wächter von Mordor. Hinter seinem Rücken zog sich feindselig der Stacheldraht, mit dem die Verwalter des Kreml ihr weltgrößtes Land umgeben wollten.

Ich erinnere mich an die Zeiten, als ich mit meinen Eltern in die Sowjetunion reiste. Ich war sechs, dann sieben Jahre alt. Ich erinnere mich an die langen Wartestunden auf der Grenzbrücke, an die Herren in Mützen, die größer als eine Parabolantenne waren, und an die Dollar, die ich unter meinem T-Shirt versteckt hielt, und auch an den Geschmack von Ersatzschokolade, einer sowjetischen Antwort auf westliche Süßwaren.

Wir fuhren mit unserem kleinen Fiat zurück, der mit Antennen, Strumpfhosen, zwei Fernsehern der Marke „Slawuticz“ und anderen Dingen des täglichen und nicht alltäglichen Bedarfs randvoll gefüllt war.

Mein Vater fuhr auf diese Art ein paar Mal im Jahr hin und her. Kurz vor dem Zusammensturz des Kommunismus unternahmen Hunderte von Männern aus Ostrow Mazowiecka, meiner Heimatstadt, solche Reisen. Die Nomaden der kommunistischen Endphase. Früher verkehrten sogar Busse von Ostrow nach Minsk, Brzesc (Brest) und Lwow (Lemberg). Heute kann man von Ostrów nach Paris, London, Berlin, München und ein Mal in der Woche nach Rom reisen. Alle Buslinien nach Osten wurden dagegen gestrichen.

Ich lächelte den Grenzwächter freundlich an und winkte ihm mit der Hand. Er erinnerte mich an meine absurde wie sehr schöne, sozialistische Kindheit. Der Grenzer verzog keine Miene.

Rudawiec oder die eingewanderten Kühe

Zwischen Janow und Nemirow wird der Fluss immer breiter. Bei Windstößen kommt Wasser in mein Kajak. Es entstehen Wellen wie auf einem See.  Auf einmal, gleich hinter einer Biegung, tritt das Wasser weit bis zum Horizont aus. Es ist eine Furt, die vor drei Jahren beinahe zum Grund für einen diplomatischen Skandal geworden wäre. 242 Kühe machten sich von einem belarussischen Sowchos auf den Weg und landeten in Rudawiec auf der polnischen Seite.

„Um nichts in der Welt wollten sie zurückgehen“ erzählt Radomir Bansko, der Kreistierarzt aus Biala Podlaska. „Wir versuchten sie wegzutreiben. Ohne Erfolg. Es wäre das Einfachste gewesen, sie wären zurück durch den Fluss gelaufen. Aber so musste man diese ganze Prozedur in Gang setzen“. Erst mal nahm das berühmte Staatliche Gestüt in Janow Podlaski,  das auf die Zucht von arabischen Vollblütern spezialisiert ist, die Kühe auf. Nach zwei Wochen in der EU wurden die Kühe mit speziellen Wagen nach Belarus zurück transportiert. Der Grenzschutz eskortierte sie bis zur polnisch-belarussischen Grenze. „Es war grotesk!“, sagt Maciej Walicki aus Janow. „Der Grenzschutz fuhr mit Blaulicht vor und die Kühe liefen hinterher.“

Minsk Mazowiecki oder der Epilog

Hinter Janow schlug ich mein Zelt an der Waldgrenze auf. Am Abend kam ein Biber angeschwommen. Neugierig schaute er mein Kajak an. Am nächsten Morgen gaben die Vögel ein Konzert, das Bach und Chopin in Staunen versetzt hätte. Zwei Störche stolzierten auf der Wiese, als wären sie deren Verwalter. Am Waldrand lernten kleine, noch blinde Füchse laufen. Mit einem Wort, es war ein Paradies.

Ich trank meinen Kaffee aus und brach schweren Herzens zur letzten Etappe meiner Flussfahrt auf. In Sarpelice traf ich den Kajakbesitzer direkt am Ufer. Wir rechneten ab. Dann brachte er mich mit dem Auto zum Bus. Nach sechs Tagen auf  einem gewundenen Fluss ist es nicht leicht, sich an einen schnurgeraden Weg zu gewöhnen.

In Minsk Mazowiecki steigen vier Tschetscheninnen aus dem lokalen Flüchtlingsheim ein. Sie wollen ihre Bekannten in Warschau besuchen. Sie sind jung, schön, fröhlich und redselig. Sie sprechen auch mich an. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, bis eine von ihnen fragt, woher ich denn komme. Ich antworte, dass ich von einer Kajaktour auf dem Bug zurückkehre und dass es ein sehr schöner Fluss ist. Die jungen Frauen werden ernst. „Wir kennen diesen Fluss“ sagt die älteste. Von diesem Moment an schweigen wir bis zur Ankunft in Warschau.

Aus dem Polnischen von Dorota Stroinska