„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Die Worte des damaligen Bundesaußenministers Hans-Diedrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag gingen im Jubel von nahezu 6000 Menschen unter. Sie reisten am 4. Oktober mit dem Zug über das Territorium der damaligen DDR in die Bundesrepublik aus. Genau ein Jahr später war die DDR Geschichte.
Die abendliche Szene auf dem Balkon ging über das Fernsehen in alle Welt und gilt als eine der Schlüsselereignisse auf dem Weg zum Fall der Mauer am 9. November 1989. Genscher und seine Begleitung sind im Dunkel des Abends nur undeutlich zu erkennen, seine Worte aber umso deutlicher zu hören. Noch heute lassen diese Fernsehbilder den Betrachter nicht unberührt.
Die Flucht vieler Menschen aus der damaligen DDR in bundesdeutsche Botschaften in den Ostblockländern oder in die Ständige Vertretung in Ost-Berlin war kein neues Phänomen. Das hatte es immer wieder gegeben und war auf diplomatischem Wege meistens gelöst worden. Im Sommer 1989 bekam diese Entwicklung eine neue Dimension.
Die Unzufriedenheit der Menschen in der DDR mit dem System einerseits und die Liberalisierungstendenzen in Polen und Ungarn andererseits waren Anstoß für eine immer stärker anschwellende Fluchtbewegung. Der Weg führte zunächst über Ungarns inzwischen offene Grenze nach Österreich. Als die DDR die Ausreise nach Ungarn verbot, blieb nur noch die damalige Tschechoslowakei (CSSR) als Reiseland für DDR-Bürger übrig.
Nachdem bereits im Sommer 1989 die deutsche Botschaft in Budapest von vielen Flüchtlingen aufgesucht worden war, bot sich nun die Botschaft in Prag an. Binnen weniger Tage im September 1989 hatten sich nahezu 6000 Menschen auf das Botschaftsgelände geflüchtet. Die Polizei der CSSR versuchte nur halbherzig diese Fluchtbewegung zu stoppen. In der Botschaft selbst herrschten nach kurzer Zeit katastrophale Zustände. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Botschaft versuchten ihr möglichstes, die Menschen zu versorgen.
In einem Gespräch mit dem damaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse in New York bei der UN-Vollversammlung gelang es Außenminister Genscher, die Ausreise der Flüchtlinge aus der Botschaft zu erwirken. Genscher verkündete diese Nachricht den Menschen persönlich. Eine danach seitens der DDR eingeführte Visumspflicht für die CSSR wurde bald wieder aufgehoben. Die Regierung der CSSR ließ schließlich die wieder steigende Zahl von Flüchtlingen aus der DDR direkt ausreisen. Am 3. November waren es erneut ungefähr 5000 Menschen, die sich in die Prager Botschaft geflüchtet hatten, die von dort in die Bundesrepublik ausreisten. Am 9. November konnte die DDR-Regierung nicht mehr umhin, ihren Bürgerinnen und Bürgern die Reisefreiheit einzuräumen. Damit war die Mauer gefallen.