Deutschland und die Vereinten Nationen

Als Freiwilliger am Hindukusch

(Foto: Jesko Johannsen) UN-Volunteers Jesko Johannsen vor der Blauen Moschee in Mazar-i-Sharif/AfghanistanBild vergrößern UN-Volunteer Johannsen vor der Blauen Moschee in Mazar-i-Sharif Foto: Jesko Johannsen

Ein Erfahrungsbericht von Jesko Johannsen

Als Berufstätiger ins Ausland. Auch ohne gleich dauerhaft Entwicklungshelfer zu werden. Abseits vom Urlaub, seinen Beruf über die Grenzen Deutschlands wegtragen. Das haben mir die Vereinten Nationen mit ihrem Freiwilligenprogramm "UN-Volunteers" (UNV) ermöglicht.

Ich habe als Journalist in Deutschland gearbeitet. Da kam für mich vor einigen Jahren die Möglichkeit, für UNV nach Afghanistan zu gehen. Kaum hatte sich die Organisation von meiner Qualifikation überzeugt, kam das Angebot: sechs Monate Kabul.

Als Public Information Officer sollte ich für das Entwaffnungsprogramm Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR) arbeiten. Es wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und der afghanischen Regierung gefördert. Streng genommen ist das ein Job in der Pressestelle, aber die Aufgaben sind andere.

Überzeugungsarbeit und Geduld

Bergung eines Panzers, UN-Volunteer Jesko Johannsen bei einem Pressetermin vor einem Panzer in Afghanistan

Ein Land wie Afghanistan, das seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte erlebt, braucht Überzeugungsarbeit, die Waffen niederzulegen. Die Menschen dort müssen erst den Glauben an eine andere Zukunft gewinnen. Die Zielgruppe meiner Arbeit sollte daher weniger die nationale und internationale Presse sein, sondern die Afghanen selber.

Nach Kabul zu kommen, war ein großer Schritt. Ein Land voller Gewalt, Terror und internationaler Truppen lag hinter dem Flughafen. Ich hatte keine Ahnung, was mir wirklich begegnen wird.

Wie viel Normalität in Afghanistan steckt, erfuhr ich noch auf dem Parkplatz. Der Fahrer, der mich abholte, sagte vor der Abfahrt: „Entschuldigung, ich muss beten.“ Dann nahm er seinen Gebetsteppich, breitete ihn neben dem Auto aus und betete. Ich saß im Auto, sah ihn, hörte afghanische Musik im Radio und spürte eine ganz alltägliche Normalität. In diesem Moment habe ich mich mit dem Land angefreundet. Bis heute ist das eine der intensivsten Erfahrungen geblieben.

Trotzdem: Teile der Stadt liegen in Trümmern, gleich am zweiten Abend schlägt eine Rakete in der Nähe meines Hotels ein. Während meiner Zeit werden UN-Mitarbeiter entführt, erfahre ich so genannte Lockdowns – Ausgangssperren. In der Hauptstadt und auf meinen Reisen durch das Land habe ich immer wieder Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit und dem uns vertrauten Komfort hinnehmen müssen.

Hilfreich war dabei die Anwesenheit weltoffener afghanischer Kollegen und das gemeinsame Wohnen mit anderen „expats“ – Expatriats – wie die ausländischen Helfer in aller Welt genannt werden. In Kabul selber war das UNV-Büro eine wichtige Anlaufstelle für mich. Dort half man mir mit alltäglichen Fragen und hatte immer ein offenes Ohr für Probleme.

Helfen und verstehen

(Foto: Jesko Johannsen) Überzeugen, die Waffen niederzulegen: Afghanen im Entwaffnungsprogramm Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR) von Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP und der afghanischen Regierung.

Schon vor meiner Ankunft in Kabul war mir eines klar: Als UN-Mitarbeiter komme ich nicht, um zu erklären, sondern um zu helfen und zu verstehen. Meine Aufgabe war es, Bewaffnete und Zivilbevölkerung über DDR zu informieren und sie davon zu überzeugen, an dem Prozess teilzunehmen. Für viele ist das Leben unter Waffen das einzige, was sie kennen.

Im DDR-Programm legen sie zuerst die Waffen nieder, werden demobilisiert und bekommen unterschiedliche Reintegrationsmöglichkeiten. So können sie sich eine neue Zukunft aufbauen, zum Beispiel als Lehrer, Handwerker oder Soldat in der neuen, regulären Armee. Für viele ist das Programm ein Schritt in eine Zukunft, die sie sich nicht vorstellen können. In vielen Gesprächen mit Soldaten habe ich aber auch gehört, wie sehr sie sich Frieden und Stabilität für ihr Land wünschen. Manchmal fiel es mir schwer, mir vorzustellen, dass mein Gegenüber viele Jahre gekämpft haben muss.

Dass das Programm erfolgreich sein kann, habe ich bei vielen reintegrierten Soldaten gesehen. Einer zum Beispiel ist Schneider geworden. Von ihm habe ich mir eine landestypische Schalwar Kamiz nähen lassen, ein Gewand aus einer weiten Hose und einem knielangen Hemd. Für mich symbolisieren dieser Schneider und meine Schalwar bis heute einen neuen Anfang für Afghanistan.

Habe viel gelernt

Bergung eines Panzers; Schwertransporte gestalten sich in Afghanistan oft sehr schwierig

Ich habe viel über Afghanistan und von meinen afghanischen Kollegen gelernt. Mindestens ebenso viel, wie ich versucht habe, zu vermitteln. Ich habe viel Kontakt mit Journalisten und Soldaten gehabt, regelmäßige Newsletter geschrieben und Videomaterial für die nationale und internationale Presse produziert. Wir haben den Beginn der Panzerbergung im Panjirtal – der ehemaligen Festung des afghanischen Widerstands - begleitet, Munitionslager im Nordwesten des Landes besucht und DDR-Informationsmaterial für die Afghanen hergestellt.

Im Laufe des halben Jahres habe ich viele engagierte und begeisterte Menschen kennengelernt. In- und Ausländer, die hart am Wiederaufbau des Landes arbeiten. Besonders wichtig war es mir, Teil der zivilen Wiederaufbaukomponente gewesen zu sein.

Ich hatte durch die Vereinten Nationen die Möglichkeit, ein anderes Land, eine andere Kultur und eine andere Sicht auf einen der derzeit immer noch größten Konflikte in der Welt zu bekommen. Und ich habe immer noch Kontakt zu meinen afghanischen und internationalen Kollegen. Bis heute ist das eine Bereicherung für mich.

Kontext