Bereits im letzten Jahr hatte das Magazin über die Aktivitäten des Vereins "Projekt Schwarz-Weiß" in Kenia berichtet. In Msambweni, an der Südküste Kenias, wurde mit dem Bau einer Praxisklinik begonnen. Sie soll dazu beitragen, die medizinische Versorgung der rund 17.000 Einwohner sowie der Menschen im Umkreis von rund 20 Kilometern zu verbessern. Denn die derzeitigen Verhältnisse sind schwierig, wie der folgende Bericht von Heike Dreher vom Verein "Projekt Schwarz-Weiß" zeigt:
Wir sitzen in unserem Kinderdorf "Nice-View-Children’s Village" in Msambweni gemütlich beim Abendessen. Plötzlich verdreht der zwei Jahre alte Joshua die Augen. Seine linke Gesichtshälfte hängt nach unten, heftigste Krämpfe schütteln den kleinen Körper. Er zerbeißt uns die Finger, als wir versuchen zu verhindern, dass er sich auf die Zunge beißt. So schnell es geht, fahren wir mit ihm über schlechteste Wege ins nächstgelegene Krankenhaus.
Zu wenig Transportmittel
Dabei haben wir Glück. Für uns sind es nur wenige Kilometer ins nächste Krankenhaus, und uns steht ein Auto zur Verfügung. Viele Patienten müssen kilometerweit transportiert werden. Krankenwagen gibt es keine, und oft steht nicht einmal ein Fahrrad als Transportmittel bereit. Trotzdem erscheint uns die Fahrt endlos lange. Tiefe Löcher und große Steine erlauben kein schnelles Vorwärtskommen.
Das Gerät im Krankenhaus, das Joshuas Schleim absaugen soll, ist kaputt. Joshua droht zu ersticken. In unserer Verzweiflung stellen wir ihn auf den Kopf. Doch glücklicherweise wirken die zwischenzeitlich verabreichten Medikamente. Der kleine Körper entspannt sich. Trotzdem muss Joshua einige Tage im Krankenhaus bleiben.
Mangelnde Hygiene
Wir schicken eine Mitarbeiterin nach Hause, um Putz- und Desinfektionsmittel sowie frische Bettlaken zu holen. Als wir das Bett frisch überziehen wollen, krabbeln Maden aus der Matratze. Wir lassen die Oberschwester holen und bekommen eine neue Matratze. Das Kind im Nachbarbett leidet an grünlichem Durchfall. Die Mutter säubert das Kind notdürftig mit einem Tuch. Das Tuch steckt sie in ihre Tasche. Wir befürchten, dass Joshua im Krankenhaus erst richtig krank wird und sind froh, als wir ihn nach ein paar Tagen nach Hause holen können.
Der von uns betreute Joseph, 11 Jahre alt, hat sich beim Fußballspielen den Ellbogen ausgekugelt. Wir fahren mit ihm wieder ins nächstgelegene Krankenhaus. Es ist kein Arzt da. Wir müssen bis zum nächsten Morgen warten. Provisorisch bandagieren wir seinen Arm und geben ihm Schmerzmittel.
Der Gesundheitszustand der Mutter eines Mitarbeiters verschlechtert sich abends dramatisch. Wir beschließen daher, sie noch nachts kilometerweit durch den Busch ins nächste Krankenhaus zu transportieren. Die ganze Nacht kümmert sich niemand um die Frau. Am nächsten Morgen stirbt sie an eigentlich gut zu behandelnder Malaria - sofern die notwendigen Medikamente verfügbar und für den Patienten erschwinglich sind.
Fälle wie diese haben uns darin bestärkt, den kenianischen Arzt Dr. Mashanga bei seiner Vision, eine medizinische Versorgung für alle Bewohner Msambwenis einzurichten, zu unterstützen.
Das Wartezimmer der derzeitigen Praxis ist äußerst beengt. Nicht alle finden einen Sitzplatz auf den primitiven Holzbänken. Die meisten stehen beengt aneinander oder hocken auf dem Boden. Ein Großteil der Patienten muss außerhalb in der prallen Sonne warten. Im Sprechzimmer von Dr. Mashanga scheint noch weniger Platz zu sein. Bis an die Decke gestapelte Bücher und Medikamente füllen den Raum. Daneben sind eine Liege und verschiedenste Geräte gezwängt. Wir haben kaum Platz zum Stehen, geschweige denn zum Sitzen. Dr. Mashanga selbst sitzt an einem winzigen Schreibtisch.
Foto: Projekt Schwarz-Weiß e.V.
Blutabnahme für den MalariatestEr untersucht Joshua, welcher erneut hohes Fieber hat, und wir werden zum Malariatest geschickt. Das Labor, ausgestattet mit Geräten von uns, befindet sich in einem kleinen Gebäude hinter der Praxis. Der Verdacht bestätigt sich, und Joshua bekommt die entsprechenden Medikamente. Schon nach ein paar Stunden ist Joshua weitestgehend fieberfrei.
Dr. Mashangas Vision – Das Nice-View-Kari-Medical Center
Bereits im Jahre 2003 begann Dr. Mashanga, ein Allgemeinmediziner, Gynäkologe und Anästhesist, mit dem Bau einer kleinen Klinik.
Als einziger niedergelassener Arzt in Msambweni arbeitet Dr. Mashanga häufig rund um die Uhr – es bleibt oft nicht einmal Zeit zum Essen. Dabei kann er in seiner Praxis nur als Allgemeinmediziner arbeiten, da ihm nur wenige Geräte und Mittel zur Diagnostik zur Verfügung stehen. Zudem ist seine Praxis viel zu klein, um weitere Kollegen oder Spezialisten hinzuzuziehen.
Auch in den nächstgelegenen Krankenhäusern sind viele Untersuchungen und Behandlungen aufgrund fehlender Mittel nicht möglich. Daher müssen sich viele schwerstkranke Patienten auf den beschwerlichen Weg in eines der Krankenhäuser in Mombasa machen. Mombasa ist rund 65 Kilometer entfernt und der größte Teil des Weges muss in völlig überfüllten Sammeltaxis zurückgelegt werden. Viele der Patienten können sich jedoch weder die Fahrt noch die Untersuchungen und Behandlungen leisten.
Foto: Projekt Schwarz-Weiß e.V.
Rohbau der KlinikAufgrund stetig steigender Kosten, konnten allerdings lediglich drei Gebäude im Rohbau errichtet werden. Die finanziellen Mittel des außergewöhnlich engagierten Arztes reichten nicht aus, um das Bauvorhaben weiterzuführen. Deshalb war es traurige Realität, dass der Bau 2003 zum Stillstand kam. Die Bausubstanz wurde bereits nach kurzer Zeit aufgrund der Witterungsverhältnisse beschädigt.
Nachdem uns mehrere deutsche Ärzte ihre Unterstützung zugesagt haben, haben wir die Bauarbeiten vor ein paar Monaten wieder aufgenommen. Wir hoffen, die Praxisklinik bis September 2010 eröffnen zu können.
(Autorin: Heike Dreher, Projekt Schwarz-Weiß e.V.)