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Verstehen lernen: Museen zeigen die Artenvielfalt und ihre Geschichte
Foto: Museum für Naturkunde Berlin
Von Professor Reinhold Leinfelder
Seit den großen Entdeckungsreisen sind Forscher von der Vielfalt der Natur fasziniert und wollen sie verstehen. Der Nutzen der Natur war zwar schon damals für die Gesellschaften wichtig - seltene Gewürze waren wertvoll wie Gold.
Alexander von Humboldt oder Charles Darwin waren jedoch weniger von den nützlichen Anwendungen angetan. Sie waren vielmehr von der Fülle der Formen und Funktionen der Natur fasziniert, die Vielfalt machte sie emotional, neugierig und wissensdurstig. Der Wissensdurst eines Charles Darwin erlaubte ihm, die biologische Vielfalt als Produkt der Evolution, also als Ergebnis von Variabilität, Selektion und Anpassung zu erklären.
Vermutlich wäre der Vater der Evolutionstheorie über unsere derzeitige menschengemachte Selektion entsetzt. Überfischung der Meere, Riffsterben, enormer Landflächenverbrauch, Überdüngung, Raubbau an Wäldern, menschengemachte Klimaveränderung und Weiteres haben die Welt seit Darwin enorm verändert.
Immerhin, das Umweltbewusstsein ist nicht nur in Deutschland stark gestiegen. Wir sind uns des Kapitals der Natur zunehmend bewusst. Wissenschaft und Politik sind derzeit dabei, dieses Kapital in Euro und Dollar zu berechnen. Sie wollen damit den Homo oeconomicus in uns überzeugen, nur die Rendite, nicht aber das Stammkapital zu verwenden. Denn auch noch Generationen nach uns sollen ein menschenwürdiges Leben führen können.
Gerne wird auch betont, dass die Natur gleichzeitig eine Risikolebensversicherung darstellt. Denn wer weiß, wie viele wichtige medizinische Produkte und technische Vorbilder noch auf ihre Entdeckung warten.
Auch der Politik ist bewusst, dass wir Zusammensetzung und Zusammenspiel der komplexen Natur noch besser erforschen müssen. Nicht nur um dies als sensibles Frühwarnsystem verwenden zu können, sondern auch um vorhersagen zu können, was uns in Zukunft noch blühen wird und was nicht.
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Worte mit Gewicht: Die Bundeskanzlerin auf der Auftaktveranstaltung zum Internationalen Jahr der Biologischen Vielfalt
Foto: REGIERUNGonline/Kugler
Erfreulich ist, dass die Einsicht zum Erhalt der biologischen Vielfalt in den höchsten politischen Ebenen angekommen ist. Beim Festakt zur Eröffnung des UNO-Jahrs der Biodiversität 2010 im Museum für Naturkunde Berlin fielen deutliche Worte. Sowohl die Bundeskanzlerin und der Bundesumweltminister als auch die höchsten UN-Vertreter gaben ein eindeutiges Bekenntnis zum Biodiversitätsschutz ab.
Warum kommen aber die Rücksichtnahme und der pflegliche Umgang mit unserem Naturerbe dennoch nicht richtig voran? Fischfangquoten werden oft nicht eingehalten, künstlich geschönt oder gar nicht erst gemeldet. Andere Beispiele ließen sich fast beliebig anschließen. Man traut sich gegenseitig nicht über den Weg, vermutet, dass sich die anderen nicht an die Regelungen halten. Deshalb wurde auch beim wichtigen UN-Ziel „gerechter Vorteilsausgleich beim Zugang zu genetischen Ressourcen“ bis heute keine Regelung erreicht.
Die an genetischen Ressourcen reichen Länder befürchten Biopiraterie, also Ausbeutung der Naturstoffe durch Pharmafirmen, ohne dass Gelder zurückfließen. Pharmafirmen führen die komplizierten Entwicklungsprozesse von Arzneien ins Feld, welche Kompensationsverrechnungen sehr erschweren.
Leidtragende sind die Länder mit hoher biologischer Vielfalt gleich in zweifacher Hinsicht: sie erhalten keine Kompensationsgelder, aber sie verhindern auch die weitere Erforschung der biologischen Vielfalt. Denn Zugangs- und Sammelrechte wurden oft sehr stark eingeschränkt. So ist nicht einmal erforschbar, welche biologische Vielfalt sich dort überhaupt findet.
Es gibt aber doch Hoffnung. Biologische Vielfalt bedeutet uns ja noch ganz anderes, was in der aktuellen Diskussion oft vergessen wird. Wir lieben die Natur, sind in ihr emotional eingebunden, verbinden damit Freude, Erholung und Lebenslust.
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Gesundes Korallenriff
Foto: ZMT Bremen, Soledad Luna
Warum empfinden wir eine blühende Wiese als schön? Warum lieben wir Tiger, Koalas oder Murmeltiere und verschenken Blumen als Freundschaftszeichen? Die Natur birgt eben einen Wertmaßstab, einen Sinn für sich. Und diese Faszination für Natur gilt es zu fördern.
Wie ginge dies besser als durch Einbindung der Bevölkerung in die wissenschaftliche Beobachtung und Erforschung der Natur. Wir lieben nur, was wir kennen, also müssen wir es wieder kennen lernen.
So notwendig die Verhandlungen zu nationalen und internationalen Regelungen zum Biodiversitätsschutz sind, so notwendig es ist, einen Weltbiodiversitätsrat zu etablieren. So notwendig die Mahner aus den Umweltverbänden erscheinen - zusammengefügt und vermittelt werden kann dies nur, wenn wir eine gemeinsame Wissens- und Erfahrungsebene schaffen.
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Raubbau und Meeresverschmutzung: Totes Korallenriff:
Foto: Mark Kochzius/Vrije Universiteit Brussel, Abteilung Meeresbiologie
Naturwissenschaftler und Bürger arbeiten gemeinsam an der wissenschaftlichen Erfassung der Natur und ihrer Veränderung, betreiben gemeinsam Frühwarn- und Beobachtungsstationen?
Das klingt nach Utopie? Nein, all dies gibt es bereits, wenn auch noch wenig untereinander koordiniert: Seit 13 Jahren erfassen Sporttaucher und Riffwissenschaftler in der ReefCheck-Initiative die Veränderungen von Korallenriffen nach wissenschaftlichen Methoden.
Vogelbeobachtungen, Biodiversitätschecks am Tag der Artenvielfalt, europaweite Erfassung der Vielfalt ausgewählter Schnecken im „Evolution Megalab“ - die Beispiele sind zahlreich.
Jede Schule, vielleicht auch manche Firma, könnte zusammen mit Wissenschaftlern eine eigene Biodiversitätsstation betreiben, in welcher die Veränderung der biologischen Vielfalt erfasst wird. Jedes Jahr könnte das Vorkommen bestimmter Schlüsselarten, der Bodenzustand und weitere Parameter analysiert werden. Diese Zeitreihen könnten dann in einem globalen Wissensnetzwerk zur Verfügung stehen. Mit historischen Zeitreihen, wie sie die forschenden Naturkundemuseen liefern können könnten sie dann querverglichen werden.
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Lernen und forschen für die Vielfalt
Foto: Museum für Naturkunde Berlin
Bürgerpartizipation in der Umwelt- und Biodiversitätsforschung hilft nicht nur der Wissenschaft, sie wird auch vom Handeln zum Wissen führen. Durch die persönliche Beteiligung schafft sie auch Vertrauen in die Wissenschaft. Der Schritt zum Umdenken und zu Verhaltensänderung - mit Vorbildcharakter für andere- ist dann nicht mehr weit.
Und vielleicht das Wichtigste: Wenn jeder sich an der Erforschung der Welt beteiligt, jeder den Erhalt einer gesunden Natur zu seiner eigenen Sache macht, geht es voran. Dann wird sich auch die nationale und internationale Politik leichter tun, notwendige Abkommen und Vereinbarungen zu erzielen.
(Autor: Professor Dr. Reinhold Leinfelder, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, Professor für Paläontologie und Geobiologie an der Humboldt-Universität. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, WBGU)
BiodiversitätsforschungRede Bundeskanzlerin Merkel zum Internationalen Jahr der Biodiversität 2010ReefCheck-InitiativeEvolution MegalabWissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung globale UmweltveränderungenWanderausstellung: „abgetaucht“WBGUBroschüre zur Konvention zur Biologischen Vielfalt (PDF, englisch)Museum für Naturkunde BerlinUmweltbundesamt