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Nr. 82    1/2010
11 | 16

Namibia

Fahrräder für Namibia

Gruppe von Kindern umringt einen Fahrradfahrer mit großem Anhänger
Vergrößerung
Foto: BEN Namibia
Fahrräder als Transportmittel
Als Michael Linke vor fünf Jahren in Windhoek ankam, hatte er lediglich einen Rucksack dabei. Darin befand sich ein Fahrrad-Reparatur-Set. Im Sinn hatte er, einen Container mit Fahrrädern nach Nord-Namibia zu überführen. Er hatte vor, dort ein Jahr zu bleiben, um dann zu seinem "normalen Leben" zurückzukehren. Bald aber bemerkte er, dass es ein Problem gab. Da es nicht viele Fahrradmechaniker in diesem Land gab, war abzusehen, dass durch den fehlenden Reparaturservice die Fahrräder nicht lange in Gebrauch sein würden. Ein Gedanke nahm immer mehr Gestalt an: Er beschloss, eine Kette von Fahrradwerkstätten in Namibia ins Leben zu rufen.
 
Die Idee klang verrückt. Er wollte eine Kette von Containern, über das ganze Land verstreut, betreiben, in denen Wartung und Reparatur  durchgeführt werden sollten. Diese Werkstätten sollte es nicht nur in Windhoek und allen anderen größeren Städten geben, sondern auch in den kleinen Dörfern. Er wollte Männern und Frauen Arbeit geben. Mädchen und Jungen sollten zur Schule radeln.
 
Michael Linkes Plan war, Leute darin auszubilden, ebenso ein Fahrrad reparieren zu können wie auch ein Unternehmen zu führen.
 
Im Mai 2005 gründete sich eine gemeinnützigen Organisation, um durch privates Engagement einen Beitrag zur Lösung des Transportproblems zu leisten. Sie nennt sich Bicycling Empowerment Network Namibia (kurz: BEN Namibia).
 
Jeder weiß: Fahrräder sind umweltfreundlich und schonen Ressourcen und Klima. Besonders in armen Ländern spielen sie als bezahlbare und leicht zu reparierende Transportmittel eine wichtige Rolle. 
 
Studien über den Zusammenhang zwischen Transport und Entwicklung zeigen: Fahrräder sind häufig das sinnvollste Verkehrsmittel mit den niedrigsten Kosten für kurze Entfernungen. Fahrräder können sowohl auf Teerstraßen als auch auf unbefestigten Wegen von großen Teilen der Bevölkerung genutzt werden. Ein Fahrrad befördert viermal mehr Gewicht und bewegt sich doppelt so weit und so schnell fort wie ein Fußgänger.
 
Namibia ist zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, hat aber nur zwei Millionen Einwohner. Bei ausgedehnten Savannen und Halbwüsten sind bezahlbare Transportmittel lebenswichtig. Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit sind weit verbreitet. Über die Hälfte der Bevölkerung hat nicht mehr als 1,30 Euro pro Tag zum Leben. Vierzig Prozent sind arbeitslos oder betreiben Subsistenzwirtschaft (landwirtschaftliche Güter werden für den Eigenbedarf produziert).  Ein Fünftel der Einwohner ist an HIV/AIDS erkrankt. Durch die großen Entfernungen zu Gesundheitseinrichtungen können sie Hilfsangebote nicht nutzen und sind vom gesellschaftlichen Leben abgeschnitten.
 
In der Entwicklungsunterstützung kann das Fahrrad also eine wichtige Rolle spielen.
 

Starthilfe und neues Selbstvertrauen

 

Das Bicycling Empowerment Network Namibia (BEN Namibia) ist eine gemeinnützige Organisation, die durch privates Engagement einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten möchte. BEN will lokalen Nichtregierungsorganisationen und von Armut betroffenen Namibiern Starthilfe und neues Selbstvertrauen geben. Dies geschieht durch die Bereitstellung von Fahrrädern und Verdienstmöglichkeiten im Radfahrbereich.
 
BENs Hauptaufgabe ist der Aufbau von so genannten Bicycle Empowerment Center (BEC). Das sind sechs mal acht Meter große Standardcontainer, jeweils vollständig ausgerüstet mit etwa 300 gebrauchten Fahrrädern, Werkzeugen und Ersatzteilen. Vor Ort bildet BEN die Fahrradmechaniker und Manager für ihren Einsatz in den BEC aus, um den Betrieb sicherzustellen.
 
Diese mobilen Fahrradreparaturwerkstätten ermöglichen eine Einkommensquelle für lokale Hilfsorganisationen oder Existenzgründer. Die BEC operieren dabei als unabhängige Kleinunternehmen, die sich durch nachhaltiges Wirtschaften - Reparatur und Verkauf von Fahrrädern - selber tragen müssen und somit dauerhafte Arbeitsplätze schaffen.
 
Ein Teil der Räder wird an lokale Organisationen verteilt, die häufig in der Heimpflege für HIV/AIDS-infizierte Menschen sowie der Betreuung von Waisen und benachteiligter Kinder aktiv sind. Ebenso stellt BEN Kindern in ländlichen Gebieten Fahrräder zur Verfügung, um ihnen den täglichen Weg zu ihren Schulen und somit den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.
 

Fahrradambulanzen für den Krankentransport

 

Zwei Sanitäter mit Spezialanhängern zum Krankentransport, ein Anhänger ist belegtFoto: BEN Namibia Vergrößerung Sicherer und schneller: Krankentransport mit dem Spezialanhänger

Zur Zeit arbeitet BEN Namibia auch an der Bereitstellung von Fahrradambulanzen für lokale Hilfsorganisationen. Diese Ambulanzen sind normale Fahrräder, die zu "Tragen auf Rädern" umgebaut werden. Sie ermöglichen den Transport von Kranken oder Schwangeren zur nächstgelegenen Klinik. Die ersten der in Namibia entworfenen und gebauten Ambulanzen wurden bereits erfolgreich eingesetzt und konnten Menschenleben retten. Die Nachfrage in Namibia ist groß.
 
Die Herstellung der Ambulanzen überlässt BEN nach der erfolgreichen Einführung einer privaten Firma, vielleicht einer Ausgründung von Mitarbeitern, in Namibia. 
 

Training für Fahrradmechaniker

Sechs Frauen in blauer Montur mit einem Ausbilder in der MitteFoto: BEN Namibia Vergrößerung Fahrräder reparieren - eine Perspektive auch für Frauen 

BEN Namibia bietet verschiedene Kurse zur Ausbildung von Mechanikern an. Die Schüler und Schülerinnen erlernen die notwendigen Fertigkeiten "am Objekt" durch die Instandsetzung von gebrauchten Fahrrädern. Wenn sie in ihre Heimatorte zurückkehren, sind sie in der Lage, Reparatur- und Wartungsarbeiten durchzuführen. Das  wiederum unterstützt die Nachhaltigkeit der regionalen Projekte. Zusätzlich ermöglichen ihnen diese Fähigkeiten, selbst für ein Einkommen zu sorgen. BEN Namibia hat bereits 150 zuvor arbeitslose Namibier durch namibische Trainer ausgebildet. Auch angehende Fahrradmechaniker aus Mosambik, Sambia und Botswana haben an den Kursen bereits teilgenommen. Besonders Frauen können von dieser Ausbildung profitieren. So gibt es beispielsweise eine Kooperation mit der kirchlichen Organisation King's Daughters, die Frauen mit Hilfe von BEN ein Ausbrechen aus der Prostitution ermöglicht.
 

Sister Shops

 
BEN Namibia will Fahrradläden in Zusammenarbeit mit lokalen Unternhmen aufbauen. Damit kommt es dem Ziel der nationalen Versorgung mit Fahrrädern und der zum Erhalt notwendigen Infrastruktur näher. Die Fahrradläden und ihre Kunden profitieren durch den Zugang zu erschwinglichen Rädern, während die Fahrradmechaniker für die Aufarbeitung der gebrauchten Räder Geld verdienen. Erste erfolgreiche Partnerschaften mit einem unabhängigen Fahrradhändler in Swakopmund und Walvis Bay, sowie in Okahitu sind bereits entstanden.
 

Spin for Life/ TEAM BENN

 

Zwei namibische Radsportler vom Team BENN vor AIDS-Aufklärungs-PlakatFoto: BEN Namibia Vergrößerung AIDS-Aufklärungskampagne mit Hilfe des Radsports

Im ganzheitlichen Ansatz von BEN Namibia hat auch die AIDS-Aufklärungskampagne Spin for Life einen wichtigen Platz. Zusammen mit den Partnerorganisationen Intrahealth und Nawatrust verlost BEN Fahrräder unter den Teilnehmern von AIDS/HIV-Tests. Durch diese Aktionen konnte eine deutliche Steigerung der Teilnahmequoten in den zwölf bisher besuchten dörflichen Kommunen erreicht werden. Als Werbe- und Sympathieträger für die AIDS-Aufklärung wurde auch TEAM BENN als Amateur-Radrennteam gegründet, welches bereits einige Erfolge im südlichen Afrika erzielen konnte.
 

Mit kleinen Schritten die Welt verändern

 

Der deutsche Partner und Unterstützer von BEN Namibia ist der Verein Nachhaltige Entwicklung in Afrika (NEIA) e.V. Dieser unterstützt BEN Namibia im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten projektorientiert auf der Basis eingereichter Vorschläge und Budgets. Im engen Kontakt werden zukünftige Projekte gemeinsam entwickelt und bereits geleistete Unterstützung überwacht.
 
Im März 2009 konnte NEIA e.v. die sechswöchige Ausbildung von fünf Fahrradmechanikern für das BEC in Okakarara am Waterberg von "Steps for children" unterstützen.
 
Am 27. Juli 2009 – fünf Jahre nach Michael Linkes Ankunft in Windhoek – fand dank der Unterstützung von NEIA die erste BEN Namibia Network Conference statt. Sie brachte Menschen aus allen Teilen des Vielvölkerstaates Namibia zusammen. Im Konferenzsaal in Ongwediva saßen 51 Personen. Darunter waren 47 Fahrradmechaniker, 23 davon waren Frauen. Sie kamen aus 22 Fahrrad-Workshops aus allen 13 Regionen Namibias.
 
Seit 2005 hat BEN die Gründung von 22 Bicycle Empowerment Center im ganzen Land unterstützt. Das 12.000ste Fahrrad wurde Ende des vergangenen Jahres an eine lokale Organisation in Namibia gegeben.
 
Michael Linkes Vision ist Wirklichkeit geworden.
 
(Autor: Jörg Bauer, ehrenamtlicher Projekt-Koordinator BEN Namibia bei NEIA e.V., Frankfurt)

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