Feuerstellen in armen Ländern durch effiziente Herde zu ersetzen, das wäre eine Entwicklungsleistung, die Hunderttausende Menschenleben rettet und den Nutzungsdruck auf die Wälder mindert. Nur ist das gar nicht so einfach.
Wenn die moderne Frau und der Mann von heute kochen wollen, dann holen sie die Zutaten aus dem Kühlschrank. Nur ein Dreh, und die Kochplatten werden heiß. Kochen muss heute schick sein, Vergnügen bereiten und schnell gehen.
Wenn Claire Namukasa in Uganda das Essen für ihre sechsköpfige Familie kochen will, schließt sie die Haustür. Dann wandert sie mit ihren Töchtern zum vier Kilometer entfernten Staatsforst. Dort schlägt sie Äste, fällt kleine Bäume, schichtet das Holz aufeinander und bindet daraus Bündel. Die der Töchter wiegen 15 Kilo, ihr eigenes 40 Kilo und mehr.
Auf ihren Köpfen balancieren sie das Holz kilometerweit zu ihrer Kochhütte. Drei Steine stehen in einer Ecke, dazwischen entzündet die Mutter das Feuer. Mit der Hand wedelt sie den beißenden Rauch aus ihrem Gesicht. Claire Namukasa hustet, ihre Augen tränen. Kochen ist für die junge Frau eine Last.
Bild vergrößern
Giftiger Rauch fordert mehr Opfer als Malaria
Foto: GTZ
So, wie Claire Namukasa kochen mehr als drei Milliarden Menschen ihr Essen – über Pflanzenresten, Kuhdung oder Feuerholz. Geschmack, Raffinesse oder Ausgewogenheit spielen in ihrer Küche kaum eine Rolle. Brennholz müssen sie finden und den Qualm der offenen Feuer ertragen.
Wer einmal im Rauch eines Lagerfeuers saß, der hat eine Ahnung von dessen Giftigkeit. Der weiße Rauch ist ein Cocktail aus unverbrannten Gasen, Rußpartikeln und chemischen Substanzen wie Karbonmonoxyd, Stickstoffoxide, Formaldehyd, Benzol.
Frauen, die in so einer Wolke kochen, inhalieren täglich so viele Schadstoffe wie ein Kettenraucher. "Indoor Air Pollution" nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Phänomen. Die WHO schätzt, dass an der Innenraumluft-Verschmutzung jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen sterben. Anders gesagt: Kochen tötet fast ebenso viele Frauen und Kinder wie Malaria.
Hinzu kommt der Holzverbrauch. Jeden Tag verbrennen geschätzte drei Millionen Tonnen Holz unter Töpfen und Pfannen. Für den Transport dieser Menge wäre eine Lkw-Kolonne von Hamburg bis Marseille notwendig. Gerade in dicht besiedelten Regionen verschwinden die Waldflächen heute in beängstigender Geschwindigkeit.
Bild vergrößern
Holzeinschlag und radikale Brandrodung:
Foto: GTZ/Marlies Kees
Holz ist das Öl armer Leute. In vielen Ländern deckt es zwei Drittel des gesamten Energiebedarfs. Zudem entstehen fünf Prozent der weltweiten Methangas- und bis zu 14 Prozent der Kohlenmonoxid-Emissionen beim Kochen. Das heißt auch: Mit effizienten Herden ausgestattet, könnte eine Familie pro Jahr etwa die Emission von zehn Tonnen Karbondioxid vermeiden.
Wie die Welt kocht, ist also nicht nur eine Frage des Geschmacks. Moderne Herde verbessern die soziale und ökonomische Lage der Menschen und schützen darüber hinaus die Umwelt.
Das Thema Kochen ist komplex. Stadtbewohner kochen anders als Menschen auf dem Land. Die geografische Lage und die vorhandenen Lebensmittel prägen regionale Kochkulturen. Welche Herde die Menschen nutzen, hängt von ihrer Kaufkraft und dem Brennmaterial ab, aber auch von der Fähigkeit, mit moderner Technik umzugehen.
Bild vergrößern
Werbung für Energiesparherde
Foto: GTZ
Agnes Klingshirn entwickelte als eine der ersten 1983 in Kenia ein Projekt für effiziente Herde im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Mittlerweile unterhält das Unternehmen der Bundesregierung ein eigenes Kochenergie-Programm. Die GTZ zählt in Sachen Kochenergie zu den führenden Entwicklungsorganisationen auf der Welt. In Zeiten des Klimawandels hat das Thema Kochenergie zudem deutlich an Gewicht gewonnen.
"Anfangs wussten wir noch zu wenig über die unterschiedlichen Kochkulturen. Weder hatten wir moderne Herde noch Methoden, diese auch effektiv zu verbreiten", sagt Agnes Klingshirn. Inzwischen gibt es Herde für Familien, Kantinen, Restaurants und Bäckereien, die nur noch einen Bruchteil des Brennstoffs verbrauchen und kaum noch Rauch erzeugen.
Bild vergrößern
Beim Holz sammeln geht immer die Angst mit
Foto: Oxfam Deutschland e.V.
Vor allem aber sind es Frauen, die am Qualm sterben. Und sie leiden besonders unter der Brennstoffkrise. Nicht selten müssen sie mehrmals die Woche Feuerholz suchen. Sie fehlen bei der Feldarbeit und müssen ihre Kinder stundenlang allein lassen. Wer ineffizient kocht, wird ärmer – und kocht anders.
Wird der Brennstoff knapp, verschwinden lange kochende Gerichte vom Speiseplan oder Familien verzichten gleich auf regelmäßiges warmes Essen. Die Holzsuche aber wird für die Frauen immer gefährlicher. In Uganda etwa werden Frauen, die in privaten Schonungen von den männlichen Wärtern beim Holzstehlen erwischt werden, verprügelt und nicht selten vergewaltigt.
(Autor: Michael Netzhammer, freier Journalist, Hamburg)
Hinweis der Redaktion:
Bei dem Artikel handelt es sich um den ersten Teil einer gekürzten Reportage. Der zweite Teil beschreibt Alternativen zum Kochen auf offenen Feuerstellen: „Auf das richtige Konzept kommt es an“.
Michael Netzhammer gewann mit seiner Reportage „So kocht die Welt“, veröffentlicht im Online-Magazin „brand eins“, den Medienpreis Entwicklungspolitik 2009. Der Preis wird vom Bundespräsidenten und vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) ausgelobt. Den vollständigen Artikel finden sie im Wirtschaftsmagazin "brand eins".