Vor drei Jahren habe ich eine der besten Entscheidungen meines Lebens getroffen: In der 11. Klasse habe ich einen Jahresaustausch nach Mexiko gemacht, um Kultur, Sprache, Land und Leute besser kennen zu lernen.
So ein Austausch will gut überlegt sein. Ein Jahr vorher sollte man damit beginnen. Ich suchte verschiedene Angebote heraus, bis ich auf das Austauschprogramm von Rotary stieß.
Rotary ist eine Organisation von Angehörigen aller Berufe, die sich weltweit vereinigt haben, um humanitäre Dienste zu leisten und sich für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Paul P. Harris gründete den ersten Dienstclub der Welt, den Rotary Club of Chicago, Illinois, am 23. Februar 1905. Der Name "Rotary" leitet sich aus der frühen Praxis ab, sich im Rotationssystem in den verschiedenen Büros der Mitglieder zu treffen.
Ich entschied mich für Lateinamerika, da ich in der Schule angefangen hatte, Spanisch zu lernen. Ich füllte die Bewerbung aus und von den angegeben Wunschländern bekam ich einen Platz in Mexiko – in der kleinen Küstenstadt Coatzacoalcos im Bundesstaat Veracruz. Die Aufregung stieg bis ins Unendliche, die Zeit bis zum Abflug zog sich ewig, bis endlich der große Tag da war.
Den ersten Tag vergesse ich nie. Direkt nachdem ich angekommen war, fuhr ich mit meiner Gastfamilie zu einer Beerdigung. Ich hoffte inständig, dass dies nicht als böses Omen für das ganze Jahr zu sehen war. Es stellte sich jedoch heraus, dass meine Sorgen ganz umsonst waren – es sollte die einzige Beerdigung dieses Jahres bleiben.
Coatzacoalcos ist eine, für mexikanische Verhältnisse kleine Stadt an der Küste. Sie hat etwa 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Wegen der großen Ölvorkommen sind viele Leute aus den unterschiedlichsten Regionen hinzugezogen und die Stadt wächst in allen Bereichen. Das Klima ist tropisch feucht und heiß.
Meine Zeit in Mexiko war so geplant, dass ich in mehreren Gastfamilien leben sollte, um verschiedene kulturelle Aspekte kennen zu lernen. Die Schule bildete den ruhenden Pol – sie sollte nicht gewechselt werden.
Mit meinen Gastfamilien hatte ich riesiges Glück. Mit allen habe ich mich sehr gut verstanden und fühle mich heute noch als Teil von ihnen. Jede Familie für sich war ganz eigen und irgendwie war auch alles sehr mexikanisch: Sehr herzlich und immer bereit für eine Fiesta! Die mexikanische Familie besteht nicht nur aus Vater, Mutter und Kindern, sondern einem zusätzlichen Dutzend Tanten und Onkel und noch mehr Cousinen und Cousins. Gar nicht so einfach, alle richtig zu zuordnen, wer nun ersten, zweiten oder dritten Grades verwandt ist.
Bei Familientreffen dreht sich meistens alles um das Essen. Davon gab es viel und lecker, sodass die für den Austausch typische Gewichtszunahme vorprogrammiert ist. Aus Erfahrung weiß ich: An viel Chili kann man sich mit ein bisschen Übung gut gewöhnen.
Wie bei den meisten Austauschschülern regelte sich bei mir das „Problem“ Sprache, relativ schnell. Wenn man muss, dann kann man auf einmal jede Sprache der Welt sprechen. Die Alternative wäre ansonsten, ein ganzes Jahr zu schweigen und niemanden kennen zu lernen.
Nach drei Monaten kann man die wichtigsten Sachen ausdrücken, nach einem halben Jahr kann man schon zu jedem Thema etwas sagen. Würde deshalb ein halbes Jahr nicht ausreichen? Ein klares Nein!
Denn die Sprache zu lernen, ist nur einer von vielen Aspekten. Viel wichtiger ist es, die Kultur des Gastlandes verstehen zu lernen. Dies geht nur, wenn man genügend Zeit und den Willen mitbringt, ganz einzutauchen.
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morgendliches Ritual - Fahnenehrung
Foto: Riccarda Langer
Außer dem Leben in der Familie gibt es noch den Schulalltag. Der ist nun wirklich schwerlich mit dem deutschen Ablauf zu vergleichen. Zunächst einmal gibt es da die Schuluniform. Meine bestand aus einem blauen T-Shirt und einer grauen Hose. Ich stellte fest, dass die Qual der Wahl vor dem Kleiderschrank somit entfiel und man fünf Minuten länger im Bett bleiben konnte. Die brauchte ich auch, denn die Schule fing schließlich schon um 7 Uhr morgens an.
Entweder begann der Tag direkt mit dem Unterricht oder aber man musste zur Fahnenehrung. Dort wurden die mexikanische Nationalhymne gesungen und die wichtigsten Neuigkeiten verkündet.
Da ich auf einer Privatschule war, lief es während des Unterrichts weitgehend locker ab. Wenn man müde war, schlief man, wenn man keine Lust hatte und schon geschlafen hatte, schaute man gelangweilt in der Gegend umher oder tippte auf seinem Handy rum.
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Schule in Mexiko - manchmal anders
Foto: Riccarda Langer
Dafür brach dann umso mehr Stress vor den Examen aus, wenn man dann schnell versuchte, das Nötigste noch auswendig zu lernen. Ich war in der 12. Klasse, der Abschlussklasse, deren Niveau ungefähr unserem neunten Schuljahr ähnelt. Aus der Gewohnheit heraus zu lernen, war ich schnell Klassenbeste, sehr zum Ärger meiner Klassenkameraden und zum Erstaunen der Lehrer. Dies war ein Teil des Austausches, den ich persönlich schwierig fand, mir letztlich aber auch ganz klar vor Augen geführt hat: Andere Länder, andere Sitten!
Nach der Schule wird in Mexiko erst einmal ausgiebig Siesta gehalten.
Zwischendurch hatte ich die Möglichkeit, viel von Mexiko zu sehen. Entweder mit den Gastfamilien oder bei den Reisen, die von der Austauschorganisation organisiert wurden. Ich lernte das Mexiko der Mayas und Azteken, aber auch das koloniale Mexiko der Spanier kennen. Beides ist sehr schön und hat deutliche Spuren in der Kultur Mexikos hinterlassen.
Man könnte jetzt meinen, mit dem Rückflug wäre der Austausch nun zu Ende und alles ist so wie vorher. Ist es aber nicht. So viel Erlebtes will mitgeteilt werden. Leider musste ich feststellen, dass sich die Daheimgebliebenen damit schnell überfordert fühlen, vor allem, wenn es ums Detail geht.
Ich brauchte Zeit, um mich wieder einzuleben, das Erlebte zu verarbeiten und mich neu auszurichten. Durch die Erfahrung des Austausches bin ich toleranter, höflicher und respektvoller geworden. Ich habe gelernt, dass meine Meinung nicht die einzig richtige sein kann. Das „Richtige“ hängt von vielem ab. Viele meiner deutschen Ideen, Werte und Vorstellungen passen in Mexiko nicht, sind aber auch nicht notwendig.
(Autorin: Riccarda Langer, Austauschschülerin im Rahmen des Rotary-Programms)