Als Jugendlicher war Kasembe ein so genannter Kindersoldat im Ostkongo. Heute ist er Tischler und hat ganz andere Pläne und Ziele. Er ist klein und schmächtig, spricht leise und präzise französisch. Kasembe ist erst 21 Jahre alt. Doch er hat schon fast ein ganzes Leben hinter sich. Eine Waffe wird er nie wieder in die Hand nehmen, sagt er.
Wir sitzen in der Sonne vor Kasembes Tischlerei, und er beginnt zögernd von seinem Leben zu erzählen. Er war gerade 14 Jahre alt geworden, als die Maï-Maï-Milizen in seinen Ort im Süden der Provinz Maniema in der Demokratischen Republik Kongo eindrangen.
Das war 2001, und der Krieg tobte noch immer im Osten des Landes. Die Soldaten stellten den Menschen im Dorf ein klares Ultimatum: die Kinder könnten ihnen folgen oder würden getötet werden. Zusammen mit seinem Freund Amisi verabschiedete sich Kasembe von seinen Eltern und zog in den Krieg. Die Ausbildung dauerte drei Tage und wurde von Fetischeuren begleitet, die die Kinder nach den Hexereien für unverwundbar erklärten.
Kasembe und Amisi hatten sich versprochen, möglichst keine Menschen zu töten. Doch eines Tages erhielt Kasembe die Nachricht, dass seine Eltern von den gegnerischen Soldaten ermordet worden waren. Danach bemühte er sich, so viele wie möglich von ihnen zu töten. Er hat inzwischen vergessen, wie viele es waren und möchte auch nicht darüber sprechen.
Er wird aber nie den Tag vergessen, an dem er aus Versehen seinen Freund Amisi erschoss. Er warf damals alles von sich und rannte stundenlang davon, bis er das Haus seines Bruders in der Provinzhauptstadt Kindu erreichte. Ein Jahr lang versteckte er sich dort. Das Haus verließ er so gut wie nie.
Dieses Haus lag in direkter Nachbarschaft zu einer Schule, die mit deutschen Geldern geschaffen wurde. Ehemalige Kindersoldaten und andere junge Kriegsopfer konnten dort ihren Grundschulabschluss nachholen.
Zusätzlich erhielten die Schülerinnen und Schüler dort auch eine psycho-soziale Betreuung. Finanziert wurde dieses Programm vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Für die Umsetzung war die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zuständig.
Kasembe nahm langsam Kontakt auf. Er traf auf einen Lehrer, der in dem deutschen Vorhaben ehemalige Kindersoldaten und jugendliche Kriegsopfer zu Tischlern ausbildete. Kasembe begann eine Ausbildung – zunächst nur mit einigen Brettern und einem Werkzeugkasten.
Nach drei Monaten hielt er ein Zertifikat in der Hand. Doch diese Maßnahme reichte ihm nicht. Er wollte sich weiter entwickeln und erkundigte sich über weiterführende Ausbildungen, die das deutsche Projekt ermöglichte.
Einige seiner Freunde entschieden sich, Schiffbauer zu werden, andere Dachdecker, Klempner, Automechaniker oder Elektriker. Kasembe blieb bei der Tischlerei. Neben Theorieunterricht für Fortgeschrittene erhielt er nun auch eine Ausbildung an Elektromaschinen.
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Wiedereingliederung: Kasembe will Schreiner werden
Foto: GTZ/A. Koch
Nach neun Monaten belegte er einen zusätzlichen Kurs für junge Kleinunternehmer. Er lernte, ein Kassenbuch anzulegen, kleine Werbeaktionen zu betreiben und den Markt nach den Kaufbedürfnissen der Kunden zu untersuchen. Schließlich gründete er mit vier Freunden seine eigene Tischlerei.
Sehnsüchtig schaut er jetzt zu einem hundert Meter entfernten Strommast, an dem die Kabel enden. Ein eigener Stromanschluss würde Kasembes Werkstatt ganz neue Möglichkeiten bieten. Deshalb hat er sich an die örtlichen GTZ-Experten gewandt, um einen der angebotenen Mikrokredite zu erhalten. Da sich Kasembes Nachbarn am Kredit für einen Stromanschluss beteiligen wollen, wird er demnächst Strom in seiner Werkstatt haben.
Die ersten gebrauchten Elektrogeräte liegen schon auf seiner Hobelbank. "Dann bauen wir Büroschreibtische in zwei Tagen", schwärmt er. Jetzt braucht die Tischlerei noch eine Woche für einen solchen Schreibtisch.
Der Krieg kommt Kasembe heute vor wie die Vorstellung aus einem anderen Leben. Er hat geheiratet, sein erstes Kind ist gerade geboren worden. Die Waffe ist für ihn keine Alternative zu seiner neuen Lebensplanung.
Gleiches gilt für die rund 2.000 anderen ehemaligen Kindersoldaten in Maniema, die das von Deutschland finanzierte Ausbildungsprogramm absolviert haben – keiner von ihnen ist je wieder zur Armee oder zu einer der Milizen zurückgekehrt.
Gemeinsam mit 5.000 anderen jungen Kriegsopfern, die mithilfe deutscher Entwicklungsgelder ausgebildet wurden, folgen sie heute einem anderen Lebensplan. Sie bauen sich eine friedliche Existenz in einer neuen Zivilgesellschaft auf.
(Autor: Achim Koch, Teamleiter Wirtschaftliche Reintegration benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener, Maniema/Kongo, Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, Eschborn)