Kambodscha

Siem Reap: Gefahr durch explosiven Fund 

vier Granaten, die sich in einem Container befinden, in Nahaufnahme
Gefährlicher Fund
Foto: Peter Willers

Peter Willers vermittelt den Eindruck eines aufrechten und effizienten Soldaten. Er ist pensionierter Oberstleutnant der Bundeswehr, aber die letzten 18 Monate seines „Ruhestands“ waren in Kambodscha alles andere als ruhig und entspannt. Im Gegenteil: Er war sehr beschäftigt. Willers ist nämlich Projektleiter im „Cambodian Mine Action Centre“. 

Sein Verband, Demining Unit 6 (DU6), ist 24 Stunden am Tag erreichbar. Er ist damit beauftragt, Munition wie Artillerie- und  Mörser-Granaten, Panzergeschosse, Bomben, aber auch Minen in der Provinz Siem Reap mit der gleichnamigen Hauptstadt im Nordwesten Kambodschas zu räumen.

Letzte Woche erreichte ihn ein Notruf der Polizei von Siem Reap: Straßenarbeiter, die mit Bauarbeiten an der Hauptdurchgangsstraße, dem Sivatha Boulevard, beschäftigt waren, hatten ihn ausgelöst.

Die Arbeiter sollten Schlamm, Abfall und Müll, der das Kanalsystem der Stadt blockierte, entfernen.

Mitarbeiter von  EOD und Polizei am Eingang zum  Kanalsytem Bild vergrößern Lagebesprechung am Fundort Foto: Peter Willers

Bei ihren Arbeiten stießen sie unerwartet in einer alten Kanalröhre auf eine große Artillerie-Granate. Sofort stoppten sie die Bauarbeiten und riefen Willers Bombenräumdienst.

Der deutsche Oberstleutnant und sein Kampfmittel-Räumkommando handelten sofort. Die Granate wurde geortet: mitten in der Stadt Siem Reap, die  nur fünf Kilometer vom Weltkulturerbe Angkor Wat entfernt liegt, also im Zentrum der kambodschanischen Tourismusindustrie. Der Fundort war nur wenige Meter von beliebten Hotels und Restaurants entfernt.

Als der Schlamm aus dem Loch in einen Tankwagen gepumpt war, kletterte ein EOD-Spezialist (Explosive Ordnance Disposal, Kampfmittelräumdienst) hinunter, um die Granate zu überprüfen.

Mitarbeiter des  EOD birgt die Granate aus dem KanalBild vergrößern Bergung durch den Spezialisten Foto: Peter Willers

Es stellte sich heraus, dass es sich um eine amerikanische Artillerie-Granate handelte. 40 Kilogramm schwer, über einen halben Meter lang und vollgepackt mit TNT. Der Zünder war noch scharf. Das bedeutete: Die kleinste Berührung mit einem Bagger oder einer Pfahlramme hätte zur Explosion führen können – mit verheerenden Konsequenzen.

Das war schon erschreckend genug. Aber es kam noch schlimmer: Als die Fachleute die Granate vorsichtig in einem Eimer an einem Seil aus dem Loch heraus geholt hatten, entdeckten sie eine weitere Granate – und noch weitere.

Insgesamt wurden acht Granaten mit einem Gewicht von etwa 150 Kilogramm mit aktivem TNT gefunden. Das hätte gereicht, um zu einer Katastrophe im Stadtzentrum von Siem Reap mit unzähligen Toten zu führen.

Mitarbeiter des Minenräumdienstes mit vor ihm auf dem Boden aufgereihten 18 GranatenBild vergrößern Fertig zur Sprengung Foto: Peter Willers

Die Granaten wurden später an einem sicheren Platz zur Detonation gebracht. „Wir mussten fünf Kilogramm unseres eigenen Sprengstoffs verwenden, um sie alle in die Luft zu jagen“, so Willers.

Vier Tage später wurde eine weitere Granate im gleichen Straßenabschnitt gefunden. Oberst Mean Sarun, einer von Willers Kollegen bei DU6: „Es war das erste Mal, dass wir alte Munition im Stadtzentrum gefunden haben. Aber es ist durchaus möglich, dass noch weitere Granaten im Kanalsystem liegen. Wir finden diese gefährlichen Überreste der verschiedenen kriegerischen Konflikte im Land meist außerhalb des Stadtgebietes in der ganzen Provinz.“

Tödliches Erbe

Durch das vom Auswärtigen Amt geförderte Räumen von Minen und Blindgängern profitiert zum einen der Tourismus in der Provinz Siem Reap, zum anderen wird dringend benötigtes Land zur Wiederansiedlung von Familien gewonnen. Zahlreiche Opfer gab es bisher deshalb, weil sich Familien wegen der Landknappheit auf ungeräumten Flächen angesiedelt haben.

Das Auswärtige Amt hat seit 1999 Kambodscha mit über acht Millionen Dollar beim Minen- und Kampfmittelräumen unterstützt. Insgesamt sind von den internationalen Gebern in den letzten zehn Jahren etwa 137 Millionen Euro für diese wichtige Arbeit bereitgestellt worden.

„Wir finden jeden Monat ungefähr 1.000 nicht explodierte Granaten und Bomben und im Schnitt über 400 Minen“, sagt Willers, dessen DU6-Verband 330 Minenräumer und EOD-Spezialisten leitet.

 

Wie kamen diese gut erhaltenen amerikanischen Granaten in das Kanalsystem von Siem Reap? Willers vermutet, dass es sich womöglich um Munition des Militärregimes von General Lon Nol in den frühen 70er Jahren handelt. Dies wurde von den Amerikanern unterstützt und ausgerüstet. Als dann die Streitkräfte der Roten Khmer Kambodscha in kurzer Zeit überrannten, haben – so wird angenommen -  das alte Militär oder Zivilisten die Munition in das Kanalsystem der Stadt geworfen. Sie befürchteten, sie würde sonst in die Hand der Roten Khmer fallen.

Kambodscha ist Unterzeichnerstaat der Ottawa Konvention von 1999 und hat sich darin verpflichtet, alle Minen innerhalb von zehn Jahren auf seinem Territorium zu beseitigen. Diese Vorgabe konnte nicht erfüllt werden und so hat die Regierung jetzt darum gebeten, ihr weitere zehn Jahre zu geben, dieses Ziel zu erreichen.

„Es ist unwahrscheinlich, dass selbst bis dahin alle Minen geräumt werden können“, sagt Willers. „Machen Sie sich klar, dass Kambodscha nach  Afghanistan und Angola eines der meist verminten Länder der Welt ist.“

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