Der elfjährige Tony hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Wie so oft hatte er stumm vor dem Eingang des Einkaufszentrums in Manila gebettelt. Aber heute hatte er Pech und bekam nichts. In seiner Verzweiflung ging er nachmittags in die Shopping-Mall hinein und sprach Passanten an – das war verboten.
Ein Ladenbesitzer rief den Sicherheitsdienst und Tony wurde ins Stadtgefängnis gebracht. Ohne viel Federlesens wurde er eingesperrt und erst nach vier Monaten wieder freigelassen – einen Richter oder Anwalt hat er nicht gesehen. Seine Entlassung haben Sozialarbeiter bewirkt, die ihn dort gefunden hatten.
Seine Haft hat Tony in schlimmer Erinnerung. Er war mit zahlreichen anderen Straßenkindern und Erwachsenen in einer viel zu kleinen Zelle eingesperrt. Nachts konnten sich noch nicht einmal alle gleichzeitig auf den Betonboden hinlegen, sie mussten abwechselnd schlafen. Essen gab es nur einmal am Tag. Tony war einer der Jüngsten in der Zelle und deshalb wurde er mit Prügeln gezwungen, den verdreckten Toilettenkübel für alle zu leeren.
Tony ist kein Einzelfall. Schätzungsweise eine Million Kinder in aller Welt sind im Gefängnis, besonders in Entwicklungsländern und unter grauenhaften Umständen. Die wenigsten sind inhaftiert, weil sie schwere Verbrechen begangen hätten.
Meist sind es Bagatellen, die empfindlich bestraft werden. Wenn Straßenkinder stehlen, um zu überleben. Wenn sie betteln, wo es verboten wurde. Wenn sie aus Verzweiflung Klebstoff schnüffeln oder andere Drogen nehmen.
Der Kölner Verein „Tatort – Straßen der Welt e.V.“ wurde 2004 auf die schätzungsweise 20.000 Kinder aufmerksam, die in dem asiatischen Land eingesperrt sind. Die philippinischen Partnerorganisation Preda hatte sich damals an den Kölner Verein gewandt. 2005 startete die Kölner Kinderrechtsorganisation in Deutschland eine Kampagne mit dem Ziel, diesen Kindern zu helfen.
Die bekannten „Tatort“-Schauspieler Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und Joe Bausch fuhren nach Manila, besuchten mehrere Gefängnisse und halfen sogar, einige Kinder zu befreien.
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Menschenunwürdige Bedingungen im Gefängnis
Foto: Tatort-Verein
"Diese Haftbedingungen sind nur noch vergleichbar mit der Käfighaltung von Hühnern", empörte sich Behrendt, "aber da sind junge Menschen weggesperrt, sogar viele Kinder!" Dr. Joe Bausch erklärte: "Die Bedingungen der Haft sind absolut inhuman und dürfen nicht hingenommen werden. Dort leben bis zu vier Menschen auf einem Quadratmeter.
Alle leiden unter Parasitenbefall und Hautkrankheiten. Ich habe noch nie so viele Tuberkulose-Fälle auf einmal gesehen!" Er schilderte, dass für 800 Gefangene nur einmal in der Woche für wenige Stunden ein Arzt kommt.
Der Verein startete 2007 ein Bildungsprojekt mit dem Titel „Knastkinder“, bei dem sich deutsche Schüler über die Zustände informieren und sich für die Interessen der Gleichaltrigen einsetzen können. "Bildung und Sensibilisierung für die Belange ärmerer Länder und Menschen sollte integrierter Teil jedes entwicklungspolitischen Engagements sein. Wir wollen ein Bewusstsein für das viele Unrecht schaffen, das Kindern weltweit angetan wird“, meint Martin Block, Geschäftsführer des Tatort-Vereins.
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Auseinandersetzung mit dem Thema beim Theaterspielen
Foto: Tatort-Verein
Mit mehreren Partnerorganisationen bietet Tatort e.V. interessierten Lehrern ein eigens verfasstes Theaterstück an, das mit Schülerinnen und Schülern einstudiert und aufgeführt werden kann. Das Drama handelt von einem deutschen Jungen philippinischer Herkunft, der bei einem Besuch in den Philippinen durch widrige Umstände im Gefängnis landet. Er kommt erst nach längerer Zeit wieder frei, seine neu gefundenen Freunde muss er aber zurücklassen.
„Die Idee dahinter ist, dass die jungen Darsteller sich bei den Proben und der Vorbereitung auf die Aufführung intensiv mit den tatsächlichen Hintergründen befassen, so Martin Block.
Projektunterstützung durch die Bundesregierung
Mit Mitteln aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt InWEnt das Bildungs-Vorhaben „Knastkinder“.
InWEnt (Internationale Weiterbidung und Entwicklung gGmbH) ist im Auftrag der Bundesregierung und der Länder und in Kooperation mit der deutschen Wirtschaft tätig.
So konnte unter anderem ausführliches Hintergrundmaterial produziert, eine Lehrerfortbildung organisiert, ein Internetauftritt ins Netz gestellt und die Beratung der beteiligten Schulen ermöglicht werden. Das Förderprogramm Entwicklungspolitische Bildung (FEB) bietet eingetragenen Vereinen, Museen und ähnlichen Einrichtungen finanzielle Zuschüsse für Aktivitäten, Kampagnen und innovative Ansätze im Bereich der entwicklungspolitischen Informations- und Bildungsarbeit.
Die Projekte machen die globalen Zusammenhänge und Ursachen von politischen, ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen in den Industrie-, Entwicklungs- und Transformationsländern sichtbar. Das Interesse der Bürgerinnen und Bürger für entwicklungspolitische Themen soll geweckt werden. Dabei werden Handlungsmöglichkeiten für jedermann aufgezeigt.
Die finanzielle Unterstützung von "Knastkinder" zahlte sich aus, denn tatsächlich sind es bis heute rund 1.500 Jugendliche in rund 80 Schulen und anderen Theatergruppen, die das Stück aufführten oder eine Aufführung planen. Knapp 200-mal brachten sie das Stück des Autoren Rüdiger Bertram auf die Bühne, ein einsamer Rekord, wie Theater-Experten bestätigen.
Doch nicht nur die Kinder und Jugendlichen, die als Schauspieler auf den Skandal der Kindergefängnisse hinweisen, haben dabei viel gelernt. Auch weit über 20.000 Zuschauer erfuhren von dem Schicksal der Knastkinder.
Ungeplant, aber sehr willkommen ist eine Ausweitung des Projektes: Der Rowohlt Verlag hat vom Erfolg des Theaterstücks erfahren und beauftragte den Autoren Rüdiger Bertram, das Theaterstück zu einem Roman umzuarbeiten. Ebenfalls unter dem Titel „Knastkinder“ erschien es Anfang Juni. Ein Schulbuchverlag veröffentlichte gleichzeitig Material zum Einsatz des Buchs im Deutschunterricht.
Sogar als Hörbuch – gelesen von Schauspieler Dietmar Bär – ist der Roman erhältlich. Das Theaterstück, ein Begleitheft mit einer DVD und Plakate können kostenfrei beim Tatort-Verein bestellt werden. Information und Bestellung: www.knastkinder.de, http://www.tatort-verein.org/