Kinderrechte sind fast 20 Jahre nach der Verabschiedung der UN-Konvention über Kinderrechte in vieler Munde. Im schwül heißen Klassenraum einer Dorfschule der Gemeinde Israel in der bolivianischen Kokaanbauregion Chapare hält Carmen Tórrez einen Vortrag. Sie arbeitet als Rechtsanwältin für die "Stiftung für menschliche Entwicklung Ayni". In einem Vortrag über Kinderrechte bringt sie es fertig, zwei Stunden über Kinderrechte zu reden, und dabei das Wort selbst nur einmal auszusprechen.
Fast alle im Raum sind bereits hier im Dorf geboren. Ihre Eltern kommen aus unterschiedlichsten Regionen Boliviens, sind Quechua- oder Aymara-Indianer. Die Kinder sprechen häufig nur noch Spanisch. Dass eine Pflanze ohne Wurzeln keine Ernte bringt, muss man ihnen aber nicht erklären. Es gehe nicht darum, ob man Sportschuhe oder traditionelle Sandalen trage. Das seien Äußerlichkeiten, erklärt Tórrez. Es gehe um Werte. Kulturelle Identität sei kein Selbstzweck, sondern diene dazu, gut leben zu können.
Obwohl die Konflikte in der Region deutlich nachgelassen haben, sind die Folgen des Drogenkrieges noch immer zu spüren. Weil jahrelang die Nahrungsmittelproduktion vernachlässigt wurde, ist in einigen Familien heute das Essen knapp. Auch sind die Fischbestände durch Chemieabfälle aus der Drogenproduktion oder aus der Landwirtschaft beeinträchtigt.
Die bei den Auseinandersetzungen mit Drogenpolizei und Militär erlebte Gewalt prägt den Umgang vieler Eltern mit ihren Kindern. An der Überlandstraße gibt es immer noch einige Bordelle und Diskotheken, in denen trotz Razzien und Aufklärungsarbeit immer wieder auch Minderjährige missbraucht werden.
Die Jugendlichen beschreiben die Situation völlig ungeschminkt: „Die häufigsten Probleme sind Alkoholkonsum, frühe Schwangerschaften, Abtreibungen, Bandenbildung, Prostitution, Raub und Vergewaltigung.
Die Eltern haben manchmal aber auch Schuld, weil sie die Kinder alleine lassen und ihnen keine Orientierung geben.“
Durch die langen Abwesenheiten der Eltern in den Jahren des Konflikts hatten sich die Generationen zusätzlich entfremdet. Wenn die Eltern sich etwa nur im Quechua, das sie beherrschen, wohl fühlen, die Kinder aber nur Spanisch sprechen, ist Verständigung ohnehin erschwert. Die kulturellen Brüche und Konflikte werden so zu einem Schlüssel bei der Durchsetzung von Kinderrechten.
Umso wichtiger ist es, dass die Bauernorganisationen in der Region auf Tórrez, die aus der Stadt kommt, vertrauen. Denn die Juristin versteht die Rechte der Kinder als einen Anspruch, den es aus der eigenen Kultur heraus und von den staatlichen Stellen zu verwirklichen gilt. Sie benutzt Menschenrechte aber nicht, um diese Kulturen wegen offensichtlicher Probleme mit dem erhobenen Zeigefinger als rückständig zu diskreditieren.
So werden etwa zwei Fälle sexuellen Missbrauchs pro Woche im staatlichen Kinderbüro angezeigt, mit dem Tórrez eng zusammenarbeitet. Doch trotz aller Anstrengungen im vergangenen Jahr ist es zu keiner Verurteilung eines Täters gekommen. Bei einer Einwohnerschaft von 47.000 Personen ist das Büro vollkommen überlastet.
Dass es hier überhaupt ein Büro gibt, ist auch Tórrez früherem Arbeitgeber, dem bolivianischen Kinderschutzbund DNI, zu verdanken. Mehrere tausend Fälle von Kinderrechtsverletzungen pro Jahr wurden früher in den Ombudsstellen des DNI in fünf der größten Städte des Landes betreut. Nie reichten die Kapazitäten aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Doch dann reduzierte der DNI die direkte Fallbetreuung und kümmerte sich verstärkt darum, dass der Staat diese Aufgabe übernimmt. Heute gibt es fast 190 Ombudsstellen in immerhin der Hälfte aller bolivianischen Stadt- und Landverwaltungen.
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Mit Rollenspielen aufklären
Foto: terre des hommes
Doch weil die beste Hilfe die Vorbeugung ist, bildet Ayni 2.400 Kinder und Jugendliche aus den öffentlichen Schulen in Kinderrechten fort. Auch mit 150 Sprecherinnen und Sprechern der Bauernorganisationen wird gearbeitet. Gemeinsam werden dann Aufklärungskampagnen in 250 Dörfern durchgeführt, mit denen bis Projektende etwa 10.000 Menschen erreicht werden, hofft Tórrez.
Und dann soll es auch keine Ausnahme mehr sein, dass Kinder an Sitzungen des Gemeinderats teilnehmen, wenn über ihre Belange verhandelt wird. In der institutionenübergreifenden Kinderkommission sind Schüler bereits vertreten. Dass sie darauf vorbereitet sind, sich ihrer Wurzeln bewusster sind und mehr Klarheit haben, was sie erreichen wollen, auch dafür sorgt Ayni mit seinen Kursen.
terre des hommes unterstützt die Arbeit von Ayni im Chapare mit jährlich rund 20.000 Euro.
(Autor: Peter Strack, terre des hommes Deutschland e.V., Osnabrück)