Kinder haben Rechte! Gemäß dem UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes von 1989, werden Kinder völkerrechtlich verbindlich als eigenständige Träger von umfassenden Menschenrechten anerkannt. Mittlerweile haben 193 Staaten das Abkommen ratifiziert und sich damit verpflichtet, die Kinderrechte auf Schutz, Förderung und Beteiligung zu achten und sie aktiv umzusetzen.
Die Wirklichkeit sieht anders aus: Täglich werden die Rechte von Kindern weltweit verletzt. Besonders in Ländern, in denen große Armut herrscht, sind Kinder häufig der Gewalt ausgesetzt. Sie werden in menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen ausgebeutet, haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem oder können keine Schule besuchen. Angesichts dieser Realität muss es das Ziel einer Organisation wie der Kindernothilfe sein, explizit zur Verwirklichung der Rechte der Kinder beizutragen.
Was genau bedeutet das für uns? Die konsequente Ausrichtung an den Prinzipien der Kinderrechte erfordert einen Wandel in der Haltung der Erwachsenen gegenüber Kindern. Darüber hinaus müssen sich Strategien der Projektarbeit an Kinderrechten orientieren.
Kinder dürfen nicht mehr als Objekte des Handelns von Erwachsenen angesehen werden. Ihre Sichtweisen sind ernst zu nehmen und in Entscheidungsprozessen der Erwachsenen zu berücksichtigen. Das ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, die eine selbstkritische Reflexion der Erwachsenen und Stärkung der Kinder voraussetzt. Ziel ist es, nicht nur für Kinder, sondern mit Kindern zu handeln.
Aber auch die Projektstrategien müssen sich ändern, will man zur Verwirklichung der Kinderrechte beitragen. So geht es nicht nur um die Beseitigung von Missständen und Symptomen durch karitative Aktivitäten, sondern darum, ungerechte Strukturen nachhaltig zu verändern. Bedürftige Menschen sind nicht Bittsteller, sondern Inhaber von Rechten, die einforderbar sind.
Verantwortlich für den Schutz und die Umsetzung der Menschenrechte sind vornehmlich die Staaten und ihre ausführende Organe. Aber auch andere Akteure wie Wirtschaftsunternehmen oder internationale Organisationen sowie - im Kontext der Kinderrechte – Eltern oder Dorfgemeinschaften sind mitverantwortlich.
Projektstrategien, die zu einer Verbesserung der Kinderrechtssituation führen sollen, müssen demnach auf verschiedenen Ebenen ansetzen: Zum Einen geht es darum, akute Kinderrechtsverletzungen zu beseitigen. Andererseits sind auf der rechtlichen, politischen und sozialen Ebene Strukturen zu schaffen, die zur Verwirklichung der Kinderrechte beitragen. Dies soll am Beispiel von Haiti verdeutlicht werden.
Im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre ist Recht ein Fremdwort für viele Kinder – insbesondere für die Restavèk-Kinder. Der Begriff setzt sich zusammen aus dem französischen rester avec: bei jemandem bleiben. Das klingt harmlos, ist jedoch eine starke Untertreibung.
Restavèks stammen meistens aus extrem armen Familien, die ihre Kinder kaum ernähren können. In der Hoffnung, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen, schicken viele Eltern die Kinder bereits mit fünf oder sechs Jahren in die Großstadt zu Verwandten oder fremden Familien. Dort sollen die Kinder Arbeiten im Haushalt verrichten und im Gegenzug Nahrung, Unterkunft und Schulbildung erhalten.
In der Realität werden jedoch viele Restavèks ausgebeutet und misshandelt. Sie sind vollkommen abhängig von den „Arbeitgeberfamilien“ und neben der harten Arbeit auch häufig seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Sie leben isoliert und haben weder Zugang zum Schul- noch zum Rechtssystem.
Die Kindernothilfe unterstützt in Haiti lokale Organisationen, die auf unterschiedliche Arten dazu beitragen, die Situation der Restavèks nachhaltig zu verbessern. Die ausgebeuteten Kinder nehmen in einem Ausbildungszentrum an Grundbildungs- und berufsbildenden Kursen teil, wodurch sich ihnen neue Zukunftsperspektiven eröffnen. Die Kinder werden im Zentrum außerdem von einem Psychologen betreut und rechtlich beraten.
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Erwachsene über Rechte der Kinder aufklären
Foto: Kindernothilfe e.V.
Darüber hinaus ist aber die Arbeit mit den Menschen, die direkt für die Achtung der Rechte dieser Kinder verantwortlich sind, von enormer Bedeutung. Dies trifft insbesondere auf die „Arbeitgeberfamilien“ zu. Deshalb finden regelmäßige Hausbesuche und Aufklärungsveranstaltungen statt, um die Rechte der Restavèk-Kinder auf ein gewaltfreies Leben, auf Schulbildung und Gesundheitsvorsorge einzufordern.
Zur Abschaffung des Restavèk-Systems gehört es, Lebensbedingungen der ärmsten Familien auf dem Land zu verbessern, damit diese ihre Kinder nicht mehr wegschicken müssen. Auch finden landesweite Sensibilisierungskampagnen statt. Die Bevölkerung wird über die Kinderrechte aufgeklärt und darin gestärkt, sich gegenüber dem Staat für die Kinder und ihre Rechte einzusetzen.
In Haiti war über Jahre der Staat quasi nicht vorhanden und zivilgesellschaftliche Strukturen haben kaum funktioniert. Es ist unser Ziel, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf politischer Ebene für die Belange der Kinder Aufmerksamkeit zu schaffen. Außerdem soll das Engagement für die Kinderrechte in Netzwerken gebündelt und der Staat zur Erfüllung seiner Pflichten bewegt werden. Somit soll langfristig eine demokratische und gerechte Gesellschaft für alle – auch für die Restavèk-Kinder – geschaffen werden. Dies ist eine große Herausforderung und erfordert einen langen Atem sowie Hartnäckigkeit, in Haiti und bei uns.
(Autorin: Julia Burmann, Referat Lateinamerika und Karibik, Kindernothilfe e.V., Duisburg)