In armen Ländern wird aus eigentlich leicht heilbaren Erkrankungen – beispielsweise Wurmbefall – oft eine tödliche Gefahr. Lange standen Wurmerkrankungen verglichen mit Aids, Malaria und Tuberkulose eher im Schatten der Aufmerksamkeit. Doch wächst die Einsicht, dass Wurmbekämpfung auch eine wirksame Form der Entwicklungszusammenarbeit beziehungsweise Armutsbekämpfung ist, bei der auch Pharmaunternehmen helfen.
Die extrem hohe Kindersterblichkeit in vielen Entwicklungsländern wird beispielsweise erheblich von blutsaugenden Darmwürmern mit verursacht. Viel könnte deshalb zur Senkung der Kindersterblichkeit, einem der acht Millennium-Entwicklungsziele, durch konsequentere Wurmbekämpfung getan werden.
Wurmerkrankungen sind hierzulande eine Randerscheinung – meist harmlos und durch angemessene Behandlung schnell überstanden. Ganz anders stellt sich die Lage in Entwicklungsländern dar: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mehr als zwei Milliarden Menschen von Würmern befallen.
Gefahr für das Augenlicht
Foto: MSD, München
Häufig wird Blindheit durch Wurmlarven hervorgerufen.Mikroskopisch kleine Würmer sind eine der häufigsten Ursachen von Erblindung in Afrika und Teilen Lateinamerikas: Rund 500.000 Menschen haben laut WHO durch die sogenannte Flussblindheit ihr Augenlicht verloren; und viele fruchtbare Landstriche, in denen die Krankheit heimisch ist, wurden aus Angst vor Ansteckung aufgegeben.
Würmer sind auch schuld am grotesken Anschwellen von Gliedmaßen bei der Elephantiasis (der lymphatischen Filariose) in Indien und Teilen Südostasiens, Afrikas sowie Südamerikas.
Aber auch ein "unauffälliger" Wurmbefall bleibt nicht ohne Konsequenzen, mindert er doch die Leistungsfähigkeit der Betroffenen in der Schule oder bei der Arbeit.
Programme gegen Wurmkrankheiten
Dass Wurmerkrankungen kein unabwendbares Schicksal sind, zeigen eine Reihe erfolgreicher Bekämpfungsprogramme:
So arbeitet das Mecitzan Donation Program seit 22 Jahren daran, die Flussblindheit auszurotten. Ein Pharmaunternehmen hat dafür bereits mehr als 2,5 Milliarden Tabletten gespendet. Jährlich werden so rund 30 Millionen Menschen behandelt, 40.000 Fälle von Erblindung verhindert und wertvolles Anbaugebiet zurückgewonnen.
Foto: GlaxoSmithKline, München
Elephantiasis: Geschwollene Gliedmaßen durch WurmbefallDie Elephantiasis auszurotten strebt die Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis (GAELF) an. Zwei Pharmaunternehmen spenden dafür zwei Medikamente und unterstützten die Logistik und begleitende Forschung. Bis 2008 konnten schon 6,6 Millionen Kinder vor der Krankheit bewahrt werden. Bei 9,5 Millionen bereits infizierten Menschen konnte ein Fortschreiten der Krankheit verhindert werden.
Ein Programm der Task Force for Child Survival and Development hilft mehreren afrikanischen Ländern dabei, Schulkinder von Darmwürmern zu befreien. Auch hier wird das erforderliche Medikament von einem Unternehmen gespendet.
Entwurmungskampagne in Madagaskar
Seit kurzem geht die WHO zudem gegen die Bilharziose vor, an der 300 Millionen Menschen in 74 Ländern leiden und jährlich rund 200.000 sterben. Bei dieser Erkrankung nisten sich Würmer in der Blasenwand oder in Blutgefäßen zwischen Darm und Leber ein. Ein deutsches Unternehmen stellt dafür während zehn Jahren kostenlos 200 Millionen Tabletten mit dem Wurmmittel Praziquantel zur Verfügung. Es ist bereit, zusätzlich jährlich bis zu 100 Millionen weitere Tabletten zum Selbstkostenpreis zu liefern. Die erste Maßnahme dieses Programms war eine Entwurmungskampagne bei Madagaskars Schulkindern im vergangenen Jahr.
Foto: Merck, Darmstadt
Entwurmungskampagne in MadagaskarZur Strategie des Programms gehört, nicht nur Betroffene zu heilen, sondern auch für weniger Ansteckung zu sorgen. Im Idealfall wird es die Ansteckungsrate sogar so weit senken können, dass die Bilharziose aus ganzen Landstrichen verschwindet.
Das Programm macht aber auch deutlich, dass medizinische Entwicklungshilfe immer auch ein kultureller Eingriff ist: So gilt in manchen Ländern das Rotfärben des Urins durch Blasenbilharziose als Zeichen des Übergangs vom Jungen zum Mann. Wie der medizinische muss also auch der kulturelle Eingriff verantwortungsvoll begleitet werden, um nicht mehr Schaden anzurichten als Nutzen zu stiften.
Mehr Engagement
Bald dürfte sich auch das Medikamentensortiment gegen Würmer vergrößern. Denn Pharma-Unternehmen arbeiten an neuen Präparaten gegen Elephantiasis, Bilharziose und Flussblindheit. Sie sollen die Behandlung noch wirksamer machen. Alle vorhandenen und kommenden Präparate werden aber nur nützen, wenn sie die Betroffenen erreichen. Das kann aber nur gelingen, wenn in den relevanten Ländern eine bessere Gesundheitsinfrastruktur aufgebaut wird.
Dafür müsste in diesen Ländern mehr qualifiziertes Personal ausgebildet werden; und dieses braucht zudem bessere Perspektiven, um vor Ort zu bleiben und nicht abzuwandern. Das zu fördern, ist eine wichtige Aufgabe der Politik der Industrienationen und der Regierungsführung des jeweiligen Landes.
Autorin: Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des vfa, des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen, Berlin