Caren Alt leistete vor drei Jahren ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in Kenia. Das Land und die Menschen ließen die Studentin nicht mehr los. Zurück in Deutschland engagierte sie sich weiter, zum Beispiel in der Hilfsorganisation NEIA, die heimische Projekte in Kenia unterstützt. Kürzlich kam es zu einem Wiedersehen in Nairobi. Hier ihr Bericht:
Drei Jahre nach meinem ersten Kenia-Aufenthalt: Zuvor noch einige Hausarbeiten, Seminare für mein Studium sowie Arbeiten beim Jugendsender des SWR „Das Ding“ erledigen. Dann endlich hieß es wieder: Back to Kenya. Zurück in die zweite Heimat - mit vielen Ideen, aufgestauten Emotionen und vor allem großer Neugierde auf die Entwicklungen, meine Freunde und die Selbsthilfeband „Warriors“.
Mir war vor dem Wiedersehen doch etwas bang zumute! Während der Unruhen nach den Wahlen 2007 wurden 1.000 Kenianer getötet, 600.000 sind vertrieben worden. In den deutschen Nachrichten gab es viele Berichte über Chaos und Straßenschlachten.
Die zwei Präsidentschaftskandidaten haben sich nach der Wahl dank der Vermittlungshilfe von Kofi Annan darauf geeinigt, die Ministerien auf die zwei Hauptparteien aufzuteilen. Kibaki vom Stamm der Kikuyu - die meisten Einwohner in Kenia sind Kikuyu - blieb der neue alte Präsident und Odinga vom Stamm der Luo wurde Premierminister. Kenia galt einmal als demokratisches Vorzeigeland Afrikas.
In Nairobi gibt es nicht einmal eine öffentliche Müllabfuhr. Der öffentliche Verkehr wird privat gemanagt. Hier gibt es für die Politik noch viel zu tun. Wir lesen in der kenianischen Tageszeitung „The Nation“, dass bis Ende August ein nationales Gewaltverbrechertribunal eingerichtet werden soll. Die Verbrechen nach den Wahlen sollen aufgearbeitet und bestraft werden.
Aber ich würde Kenia und die Kenianer nicht so lieben, wenn es nicht auch die andere Seite gäbe: Ja, es hat sich gelohnt wiederzukommen! Nicht nur, weil Kenia ein atemberaubend schönes Land ist, sondern weil in Kenia eine Jugend heranwächst, die die korrupte Geschichte des Landes überwinden und neue Wege gehen möchte.
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Typische Straße in den Slums von Nairobi
Foto: Caren Alt
„Es gibt Fortschritte“, erzählt mir der Sozialarbeiter Kit Mikayimarwa, als wir gemütlich bei einem Bier zusammensitzen. Inzwischen organisiert der 26-Jährige, der selbst in den Slums aufgewachsen ist, Schüleraustausche zwischen kenianischen und japanischen Schulen. „Die Gewaltverbrechen nach den Wahlen waren schrecklich. Aber wir Kenianer haben daraus gelernt. Es ist nun wichtiger denn je, dass wir uns nicht nur als Zugehörige zu einer bestimmten Ethnie sehen. Die Jugend in Kenia will an der globalisierten Zukunft teil haben. Was die Politiker nicht hinkriegen, machen wir selbst“, so Mikayimarwa.
Die kenianische Selbsthilfegruppe „Warriors“ hatte sehr unter den Unruhen nach den Wahlen zu leiden. Sie mussten abwechselnd nachts Wache halten, um sich vor Überfällen zu schützen. Ihre Projekte wurden teilweise respektlos behandelt und zerstört. Die Kinder des Waisenheimes Gladicare mussten aus den Slums von Nairobi an den Viktoriasee im Westen des Landes umziehen, weil es in der Stadt für sie zu gefährlich war.
Und trotzdem sitzen mir die „Warriors“ mit glänzenden Augen gegenüber, wenn sie mir von ihrer neuen Projektidee erzählen: Sie wollen ein Studio für junge Musiker in den Slums aufbauen und junge Talente unterstützen.
Die Aufnahmen für einzelne Songs und Alben sind in Nairobi für Musiker aus den „Ghettos“ mit weniger als einem Dollar am Tag Einkommen unbezahlbar. Deshalb wollen die „Warriors“ mit ihrem Studio eine Alternative bieten. Aufnahmen sollen so bezahlbar werden.
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Wirbt für für Gerechtigkeit: Die Band Warriors
Foto: Caren Alt
Die Songs, die aus dem Alltagsleben der Slum Bewohner und von ihren Zukunftsvisionen erzählen, sollen so auch eine Chance haben, im Radio gespielt zu werden. Die „Warriors“ wissen selbst, wie schwer das Musikgeschäft ist. Vor allem, wenn ein Musiker aus den Slums kommt, hat er kaum eine Chance darauf, dass seine Lieder offiziell laufen.
Sie zeigen uns ihr Equipment: Ein altes Schlagzeug, einen kleinen, alten Verstärker, eine Gitarre und einen Bass. „Das Studio muss komplett schallisoliert werden. Bis wir wirklich aufnehmen und produzieren können, ist es noch ein langer Weg. Aber wenn wir es nicht versuchen, macht es keiner. Die Politiker unterstützen uns nicht bei sozialen Aktionen“, erzählt uns der Sänger Mtapa.
Die komplette Aufnahmetechnik für ein Musikstudio fehlt noch. Die Band braucht zum Beispiel Mikrofone, Kabel, ein Mischpult und ein Aufnahmegerät. Für das neue Studio in den Slums von Nairobi kommen, grob überschlagen, Kosten von circa 6.000 Euro auf die „Warriors“ zu.
Vor drei Jahren hatte ich meinen Freunden versprochen: Spätestens wenn ich meine Magisterarbeit schreibe, komme ich wieder! Bei der Wahl meines Magisterthemas war schnell klar, dass es einen Bezug zu Afrika haben würde. Es geht um die Berichterstattung der ARD-Korrespondenten über die Unruhen nach den Wahlen in Nairobi. Für die Interviews mit den Korrespondenten flog ich nach Nairobi.
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Besseres Wohnhaus in einem Armenviertel von Nairobi
Foto: Caren Alt
Gleichzeitig hatte ich damit die Chance, meine Freunde wiederzusehen und die Projekte der „Warriors" zu verfolgen. Zwei Wochen waren natürlich viel zu kurz für so eine Reise, aber lang genug, um wieder frischen Spirit aus Kenia mitzubringen.
Ich meine damit die Energie der jungen Menschen, die ich dort so lieben gelernt habe. Während viele Erwachsene frustriert über die Politik sind, stecken die Jugendlichen ihre Energie in soziale Projekte. Eigentlich kann ich gar nicht anders – ich muss auch mitmachen.
(Autorin: Caren Alt, Studentin an der Uni Freiburg, Politische Wissenschaft, Geographie und Ethnologie)
Hinweis der Redaktion:
Kenia spielt als politisches und wirtschaftliches Schwergewicht eine wichtige Rolle in der Region. Deutschland unterstützt Kenia in enger Abstimmung mit anderen internationalen Gebern bei der Armutsbekämpfung sowie bei der Stärkung von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung. Schwerpunkte sind zudem die Förderung des Privatsektors in der Landwirtschaft, die Entwicklung des Wassersektors und die Unterstützung des Gesundheitssektors mit Fokus auf reproduktiver Gesundheit und Gesundheitsfinanzierung. Die zukünftige Gestaltung der Entwicklungszusammenarbeit mit Kenia wird von der weiteren Entwicklung der politischen Situation abhängen.