weltwärts schauen

Freiwilligendienst in Indien - Was kommt danach?

Laura und Kerstin haben mit den Kindern ein Gemeinschaftsbild gestaltet
Kunst fördert: In der Gruppe kreativ sein
Foto: KKS

Es ist 8.45 Uhr in der Schule an der Gartenstadt in Hamburg. „He, wer ist das denn?“, fragt sich ein Viertklässler, als wir den Unterrichtsraum betreten. Die Neugierde ist groß und somit fällt es leicht, mit unserem Vortrag über Indien in der Klasse zu beginnen.

Im Rahmen des Programms „weltwärts“ des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) waren wir, Kerstin Fischer aus Bensheim und Laura Deichfuß aus Hemsbach, für sechs Monate in Indien. Unsere Entsendeorganisation war die Karl Kübel Stiftung (KKS), die dort Hilfsprojekte unterstützt.

In Coimbatore, einer Stadt im Bundesstaat Tamil Nadu, haben wir in einem Kinderheim gearbeitet. Es ist für Kinder errichtet worden, die aus großer Armut kommen oder deren Eltern an HIV/Aids erkrankt sind. Unsere Aufgabe war es, die 16 Mädchen in Englisch zu unterrichten und ihren Alltag mit zu gestalten.

Nachhaltige Brücken bauen

Noch in Indien haben wir uns die Frage gestellt, wie wir unseren Freiwilligeneinsatz sinnvoll in Deutschland weiterführen können. Der Aufbau einer Partnerschaft mit einer Grundschule war dann auch unser erstes Projekt für einen kulturellen Austausch.

Der Kontakt kam über die Karl Kübel Stiftung zustande. Mit lebhaften und bildreichen Präsentationen in unserem Internetblog und über E-Mail haben wir versucht, das „Land der Unterschiede“ an die Kinder in Deutschland heranzutragen.

Das Interesse an Indien ist auch dadurch gewachsen, dass die Lehrkräfte von uns und der KKS umfangreiche Informationen aus erster Hand erhalten. Mit diesem Hintergrund haben sie Benefiz-Veranstaltungen organisiert. Auch die Leitung des indischen Kinderheims, die Organisation Native Medicare Charitable Trust (NMCT), ist begeistert von dem großen Interesse in Deutschland. Durch die Spenden können sie nun noch mehr Kindern ein Leben im Heim ermöglichen.

Zurück: Referate in Schulen der Region

Seit drei Monaten sind wir nun zurück aus Coimbatore, und das Thema Indien beschäftigt uns weiterhin. Wir fühlen uns mit „unseren“ indischen Kindern stark verbunden, so dass wir jede Gelegenheit nutzen, über ihre Lebensumstände und die Aktivitäten unserer Partner zu berichten.

Kerstin Fischer besucht die Kinder im Slum Bild vergrößern Mut machen: Kerstin besucht die Kinder in den Slums Foto: KKS

Aus unseren Videos und Bildern haben wir einen kleinen Film gemacht, den wir als Einstieg zeigen. Die deutschen Schulkinder sind immer erstaunt von der Lebensfreude der indischen Kinder, die der Film sehr gut übermittelt. Uns ist wichtig, dass wir dabei kein Mitleid erzeugen, selbst wenn es die Mädchen aus dem Kinderheim in ihrem Leben wirklich schwer hatten. Wir wollen erreichen, dass jeder erkennt, dass auch er etwas für seine armen Mitmenschen tun, etwas bewegen kann.

Zudem wollen wir deutlich machen, wie wichtig die Arbeit unserer Projektpartner in Indien ist, die den Kindern ein Stück ihrer Kindheit zurückgibt.

Wir sprechen natürlich nicht nur über Armut oder welche Ausgrenzung Aids in Indien nach sich zieht. Wir stellen auch die Kultur vor, berichten über kulturelle Feste, wie beispielsweise dem Pongalfest, einem hinduistischen Erntedankfest. Gemeinsam mit 50 Schülern und zwei Lehrern haben wir kürzlich ein Puppentheaterspiel zum Thema „Bildung für Mädchen in Indien“ aufgeführt.

Wir stellen auch Spiele aus Indien vor, schlüpfen mit den Schülern in einen Salwar Kamees (Kleid-Hose Kombination). Somit erhalten die Schülerinnen und Schüler durch uns nicht nur Informationen, sondern auch einen positiven Bezug zu Indien.

Die „Neuen“ vorbereiten

Dass wir die Arbeit der indischen Hilfsorganisation NMCT in Deutschland bekannt machen, trägt ebenso Früchte, wie unsere Erfahrungen, die wir „weltwärts“ gemacht haben. Durch unsere persönlichen Berichte haben wir Menschen mit der Armut und der fehlenden Chancengleichheit in Indien konfrontiert, die sonst sicher kaum Interesse dafür gezeigt hätten.

Wichtig ist uns auch, unsere Nachfolgerinnen, die Freiwilligen 2009, mit auf ihren Einsatz in Indien vorzubereiten. Bei den Vorbereitungsseminaren korrigieren wir auch falsche Vorstellungen und unrealistische Erwartungen. Wichtig ist zu wissen, dass in der Realität nur kleine Schritte möglich sind. Gerade die fehlende Sprachkompetenz der Freiwilligen ist in Indien immer eine große Herausforderung.

Auf „Facebook“ gibt es nun eine Gruppe „weltwärts mit der KKS“, wo eine zusätzliche Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch besteht.

Unsere Erfahrungen

Sich in einem Land wie Indien einzuleben, ist nicht ganz einfach. Trotz der guten Vorbereitung in Deutschland, fühlten wir uns anfangs schnell überfordert. Die vielen Menschen, das ungewohnte Essen, das andere Klima, so viele Eindrücke, die man nicht gleich einordnen kann. Erst mit der Zeit haben wir gelernt, uns in das indische System einzugliedern und auch in der gastgebenden Partnerorganisation NMCT unseren Platz gefunden.

Zwei weltwärts-Freiwillige von der Karl Kübel Stiftung essen von Bananenblättern Bild vergrößern Leckeres indisches Essen von Bananenblättern Foto: KKS

Täglich waren wir in Indien neuen Situationen ausgesetzt. Besonders beschäftigt hat uns im Laufe unseres Freiwilligendienstes die Rolle der Frau. Zwar hatten wir schon oft von dem Kastensystem, der Diskriminierung der Frauen und der großen Armut gehört. Aber dann selbst im Land zu sein und diese Dinge wahrhaftig zu sehen und zu erleben, war ein gewaltiger Unterschied.

Dennoch ist unser Eindruck von Indien sehr positiv, da wir unsere Fragen mit unserer Mentorin und mit indischen Freunden klären konnten. Außerdem hatten wir die Möglichkeit zu sehen, wie unsere Partnerorganisation direkt gegen Diskriminierung und Missstände angeht. Diese soziale Arbeit hat eine große Entwicklung für den Einzelnen und ganze Familien in Gang gesetzt.

Beeindruckend war auch, wie sorgsam unsere Partnerorganisation mit den Unterstützungsgeldern umging.

Durch das enge Zusammenleben wurde unser Aufenthalt prägend für die persönliche Entwicklung der Kinder – aber auch für uns. In dem halben Jahr haben wir viel von der Kultur aufnehmen können und wertvolle Einblicke in die Entwicklungszusammenarbeit erhalten.

Das Lernen über die neue Kultur, die positive Einstellung und Genügsamkeit der Menschen trotz Armut bescherte uns eine neue Sichtweise – und mehr Bescheidenheit.

(Autorinnen: Laura Deichfuß und Kerstin Fischer, freiwilligen-Rückkehrerinnen der Karl Kübel Stiftung)

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