Immer mehr junge Menschen in Deutschland wollen sich nach Schule oder Ausbildung als Freiwillige in armen Ländern engagieren. Janine Quicker aus Berlin hat dies vor Beginn ihres Studiums getan und dabei wertvolle interkulturelle Erfahrungen gesammelt. Sie ist eine der ersten „weltwärts“-Heimkehrerinnen der Hilfsorganisation Homesick International. Janine war vom 1. September 2008 bis 29. April 2009 in Kapstadt. Hier ihr Erfahrungsbericht:
In einem einzigen kurzen Bericht zusammenzufassen, was und wie ich die vergangenen acht Monate gefühlt, gedacht und erlebt habe, fällt mir schwer.
Denn wenn ich darauf zurückblicke, wie ich gekommen bin, und jetzt darauf schaue, wie ich gehe, dann liegen “Welten” dazwischen. Wie es dazu gekommen ist...?
Bei allen Projekten, die meine Entsendeorganisation durchführt, habe ich aktiv mitgewirkt. Das heißt, ich habe das Nachhilfeprogramm für benachteiligte Jugendliche im Haus von Homesick in Mowbray ebenso mit durchgeführt wie den Unterricht an der Grundschule in Elsies River. Auch an einem Resozialisierungsprogramm in Bosasa war ich beteiligt.
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Nachhilfeunterricht in Südafrika
Foto: Andreas Ebert
Die Arbeit hat mir die Chance gegeben, mit einer Vielzahl von außerordentlichen Menschen zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen. Sehr dankbar bin ich für das Geschenk, mit den Kindern und Jugendlichen gearbeitet zu haben. Sie haben mir das Gefühl gegeben, mit ihnen in den letzten acht Monaten “gewachsen” zu sein.
Tag ein, Tag aus bedeutet die Arbeit mit den Kids und Teens aber auch eine emotionale Grenzerfahrung. Für sie sind wir häufig ihre Vertrauens- und Bezugspersonen. Ihre herzliche und liebevolle Art, die sie trotz ihrer Lebensumstände an den Tag legen, berührt mich tief. Sie öffnet einem als “Wohlstandskind” die Augen für die wirklichen Probleme der Welt.
Seit Beginn des weltwärts-Programmes hat Homesick International insgesamt zwölf Volontäre entsandt. Die meisten bleiben ein Jahr oder sechs Monate, einer zwei Jahre. Zur Zeit hat Homesick International sechs „weltwärts“-Freiwillige vor Ort in Kapstadt/Südafrika.
Wie tapfer die Kinder ihren Alltag meistern, möchte ich an einem Beispiel erzählen: Ein Jugendlicher, für den ich länger verantwortlich war, lebt allein mit seinem 13jährigen, HIV-positiven Bruder in Khayelitsha, einem der größten Townships von Kapstadt. Er war selbst noch ein Kind, als er vor längerer Zeit die Rolle des Vaters, der Mutter, des großen Bruders, des Essenbeschaffers und des Beschützers übernahm.
Er ist ein Beispiel von Tausenden von Kindern und Jugendlichen, denen es so oder noch schlimmer in Kapstadt geht. Ihre Schicksale sind es, derer wir uns bewusst sein sollten, wenn uns im reichen Industriestaat mal wieder der Schuh drückt. Und wenn wir darüber sinnieren, wie alles angeblich nur noch bergab zu gehen scheint.
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Freundschaften entstehen
Foto: Janine Quicker
Gewiss ist das schlimm und hat für manchen drastische Folgen, aber wir leben in einem Staat, in dem es Sozialhilfe gibt. Die Kids und Teens, die in den Townships leben, müssen teilweise in kurzen Hosen über den Winter kommen, der auch hier in Südafrika sehr kalt ist.
Viele beginnen zu stehlen, um etwas zu essen zu haben, um sich warme Kleidung zu leisten oder sich einfach nur mit Hilfe von Drogen in eine andere Welt zu flüchten. Irgendwann werden sie erwischt, ins Gefängnis gebracht und erleben dort Schwerkriminelle - mit der Gefahr, selber zu welchen zu werden.
Die Lebensgeschichte vieler dieser Kinder bleibt unerzählt. Für mich hat die Armut Gesichter bekommen. Ich werde zuhause die Chance nutzen, von ihren Lebensschicksalen zu erzählen, auch wenn es in Zeiten einer Finanz- und Wirtschaftskrise auf taube Ohren stoßen mag.
Aus Kapstadt gehe ich nach Berlin zurück, mit dem Gefühl gewachsen zu sein. Gewachsen mit und an einer unendlichen Zahl von eindrucksvollen und wunderbaren Menschen, die mich geprägt haben. Gewachsen an Situationen und Aufgaben, die ich mir vorher selbst nie zugetraut hätte.
Für die vergangenen acht Monate, für jegliche Erfahrungen und Erlebnisse guter und weniger guter Art und für alles, was ich lernen durfte, bin ich sehr, sehr dankbar.
(Autorin: "weltwärts"-Heimkehrerin Janine Quicker, Studentin, Berlin, Freiwilligendienst in Kapstadt/Südafrika über Homesick International, Osterbruch)