Sri Lanka

Aus eigener Kraft

Frau steht mit ihrem Sohn vor ihrem Haus.
Geschäftsidee: Nüsse als Snacks
Foto: Malteser International

Jiva und ihre drei Kinder leben in einer Baracke, die den Namen Haus kaum verdient. Die Wellblechwände sind schief und haben zahlreiche Löcher. Das Blechdach hält zwar den Regen ab, die Hitze jedoch nicht. Mit einer Lehmwand hat die junge Mutter den großen Raum in zwei Teile geteilt. Im vorderen Teil schlafen sie und die Kinder, werden Hausaufgaben gemacht und die Schulsachen aufbewahrt. Im hinteren Teil kocht Jiva und bewahrt in einem kleinen Regal ihre wichtigsten Besitztümer auf: Lebensmittel, Kochgeschirr, Kleidung und alle wichtigen Papiere.

Ein eigenes Sparbuch

"Ich bin so stolz, dass meine Kinder nicht im Heim sein müssen, sondern bei mir leben können. Dass die beiden Großen in die Schule gehen und ich das Schulgeld für sie bezahlen kann. Und dass ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Sparbuch besitze, auf das ich sogar jeden Monat einen kleinen Betrag einzahlen kann.“

Frau steht im Türrahmen mit einem Blatt in der Hand.Bild vergrößern Stolz präsentiert Jiva ihr erstes eigenes Sparbuch Foto: Malteser International

Jiva lächelt schüchtern, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Ein Lächeln, das sie erst wieder lernen musste, denn bis vor kurzem sah das Leben der Familie im Westen Sri Lankas noch ganz anders aus.

Jivas Mann handelte mit Drogen und nahm sie wohl auch selbst. Wenn er abends nach Hause kam, war er gereizt, oft hatte er getrunken. Oft schlug er seine Frau und manchmal sogar die Kinder. „Wenigstens brachte er etwas Geld nach Hause“, sagt Jiva, so dass sie das Schulgeld für die Kinder und die Schuluniform bezahlen und einmal am Tag etwas kochen konnte.

Irgendwann nahm die Polizei ihren Ehemann jedoch fest und steckte ihn für drei Jahre ins Gefängnis. Ein Schock für die junge Mutter, denn nun hatte sie so gut wie gar kein Einkommen mehr. Ab und zu konnte sie zwar als Tagelöhnerin in einer Gärtnerei etwas verdienen, aber meistens schickten die Besitzer sie wieder nach Hause.

„Kinder gehören doch zu ihrer Mutter“

Also suchte sie Zuflucht bei ihren Eltern. „Aber die sind alt und konnten uns auch nicht unterstützen“, erinnert sich die tatkräftige junge Frau. Weil ihre Eltern keinen Ausweg sahen, wollten sie Jiva überreden, ihre Kinder ins Waisenhaus zu bringen.  Dort hätten sie wenigstens genug Platz und jeden Tag eine warme Mahlzeit gehabt. Doch Jiva weigerte sich. „Kinder gehören doch zu ihrer Mutter“, sagt sie leise aber selbstbewusst.

Eine Polizistin, die sie schon einige Male vor ihrem brutalen Ehemann gerettet hatte, vermittelte ihr den Kontakt zu Savodaya und Malteser International. Die sri lankische Hilfsorganisation setzt sich gemeinsam mit dem Hilfswerk des Malteserordens dafür ein, dass Kinder, die noch Eltern haben, nicht ins Waisenhaus müssen. „Wir führen aber auch Familien wieder zusammen, die ihre Kinder im Heim abgegeben haben, weil sie zu arm waren, die Kinder zu versorgen“, erklärt Rosemary Kikon, Projektleiterin von Malteser International.

„Hier in Sri Lanka sind mehr als die Hälfte der Kinder in Waisenhäusern keine echten Waisen“, erzählt die gebürtige Inderin, die mit einem Deutschen verheiratet ist. „Eltern geben ihre Kinder aus Verzweiflung in den Heimen ab oder die Behörden nehmen den Eltern die Kinder weg, da sie zu arm sind.“

Individuelle Lösungen bieten

Für Rosemary Kikon ist es daher besonders wichtig, für jede der betroffenen Familien die jeweils passende Lösung zu finden. Mal fehlt der Familie der Wohnraum – dann versucht Malteser International, eine Wohnung zu mieten oder sogar ein kleines Haus für die Familie zu finden. Mal fehlen Möbel oder Kochgeschirr und immer fehlt es am Geld. „Wir vermitteln den Eltern daher Einkommen schaffende Maßnahmen“, erzählt die Malteser Mitarbeiterin. „Das kann Arbeit auf einer Zimtplantage sein oder ein Platz auf einem Fischerboot oder sogar ein eigenes kleines Geschäft. Es kommt darauf an, was die Betroffenen an Vorkenntnissen mitbringen und welche Stärken sie haben.“

Hütte umgeben von PalmenBild vergrößern Eine Blechhütte zum Wohnen Foto: Malteser International

Für Jiva bezahlen nun erst einmal die Malteser die Miete für ihre Blechhütte. Außerdem haben sie der Mutter Material zur Verfügung gestellt, mit dem sie Nüsse und andere Früchte rösten kann. Die verkauft Jivas Vater dann auf dem Markt. „Vor allem Geschäftsleute kaufen die Nüsse als Snacks“, erzählt die stolze Produzentin. Mittlerweile ist sie mit ihrem kleinen Geschäft sogar so erfolgreich, dass sie sich aus eigener Kraft weitere Kochgeräte kaufen konnte. „Ich verkaufe jetzt auch Papayas, die ich billig einkaufe und an die Touristen teurer verkaufe. Und ich habe selbst gemachte kleine Teigtaschen und Nudelsnacks im Angebot, damit verdient man viel mehr“, strahlt sie.

Geld für Ausbildung der Kinder

Mit den Einnahmen kann sie einen immer größeren Teil ihrer Miete selbst bezahlen. Außerdem das Schulgeld, die Schuluniform, Bücher und Hefte für ihre Kinder und natürlich so viel zu essen, dass alle satt werden. „Ich kann sogar jeden Monat einen kleinen Betrag auf mein Konto einzahlen. Mit dem Geld will ich die Ausbildung meiner zwei Töchter und meines Sohnes bezahlen.“

„Man braucht gar nicht immer einen komplizierten Geschäftsplan und ausgefallene Geschäftsideen“, erklärt Malteser International Projektleiterin Kikon. „Jiva kann gut kochen und gut rechnen, also ist so ein kleiner Snack-Shop genau das Richtige für sie.“ Und weil sie von morgens bis abends rackert, war der engagierte Neuling im Geschäftsleben schnell erfolgreich. „Jetzt muss ich keine Angst mehr haben, dass man mir die Kinder wegnimmt. Das genieße ich vor allem abends, wenn die beiden Großen aus der Schule zurück sind. Dann sitzen wir zusammen, reden und lachen. Das ist einfach schön.“

Nur vor einem hat Jiva jetzt noch Angst: vor dem Tag, an dem ihr gewalttätiger Ehemann aus dem Gefängnis kommt. Aber auch in dieser Situation können die Malteser helfen. „Wir haben ein großes Netzwerk zu sozialen Einrichtungen und Frauen-Hilfsorganisationen“, erklärt Rosemary Kikon. Vor ein paar Tagen hat sie der Familie Adressen von Selbsthilfegruppen gegeben und sie mit einem auf solche Fälle spezialisierten Rechtsanwalt in Kontakt gebracht. Der soll ihr helfen, sich vor ihrem Mann zu schützen. „Ich will es unbedingt schaffen“, sagt Jiva. „Damit meine Kinder nicht mehr hungern müssen und damit sie eine bessere Zukunft haben. Dafür kämpfe ich gerne.“

(Autor: Malteser International, Köln)

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