Nachhaltiger Tourismus als Chance

Begegnung der Kulturen?

Professor Sayer begrüßt eine Bäuerin im Hochland Perus.
Besuch bei alten Freunden: Josef Sayer trifft die Bergbauern in Peru
Foto: Misereor

Professor Josef Sayer, Leiter des Bischöflichen Hilfswerks Misereor zieht es immer wieder nach Peru. Schon als junger Priester war er nah bei den Menschen dieses Landes. Peru, in dem er acht Jahre als Priester bei den Bauern in den Anden und in einer Slumpfarrei tätig war,  ist  zu seiner zweiten Heimat geworden. Für unser Magazin berichtet er sehr anschaulich über ein gelungenes Beispiel von nachhaltigem Tourismus, der beiden Seiten und der Natur hilft:

„Money, Money!“ – Wer hat als Tourist in Chinchero bei Cuzco in Peru sich nicht bedrängt gefühlt, wenn ihn bettelnd Kinder umringten und kaum abzuschütteln waren. Doch es sind nicht nur die Kinder! Frauen mit handgewobenen Bändern hängen sich in Cuzco wie Kletten an einen. Hat man einer freundlich bedeutet, dass man wirklich nichts kaufen will, kommen schon weitere auf einen zu. Sie scheinen fest davon überzeugt mit einer Geschichte das Mitleid des Touristen zu erregen und so schließlich doch etwas verkaufen zu können.

In Arequipa kann man den zentralen Platz, die „Plaza de armas“ vor der Kathedrale genießen: Keine Bettler sind dort. Woran liegt das? Ist die Gegend um Arequipa so viel reicher als auf dem Lande in Peru? Nach offiziellen Angaben leben über fünfzig Prozent der Bevölkerung in Armut und jeder Vierte gar in extremer Armut. Wenn man dann hört, die Stadtverwaltung hat die Bettler von der Plaza - der guten Stube der Stadt - verbannt, damit die Touristen sich ungestört fühlen. Dann wird einem doch zumindest ein wenig anders. 

Als ich mir in Cuzco auf dem Platz vor der Kathedrale die Schuhe von einem armen Jungen putzen lasse, will das Gespräch nicht so recht gelingen. Warum? Der Junge putzt ganz hastig und schaut immer wieder zur Seite. Der Grund wird mir bald klar: Ein Touristenpolizist nähert sich. Also muss ich erst mit diesem reden, dass er den Jungen ruhig arbeiten lässt. Denn darum geht es doch: Der achtjährige Alfredo bringt mit seiner Schuhputzarbeit nach der Schule seine Familie mit durch.

Urlaub und harter Alltag treffen aufeinander

Der vielbeschworene Dialog der Kulturen will nicht so leicht gelingen, wenn man sich als Tourist neugierig in einem armen Land bewegt. Wie denn auch? Die Ausgangslagen sind zu unterschiedlich. Während die einen ihren wohlverdienten Urlaub genießen wollen, Erholung, Ruhe oder auch etwas Abenteuer suchen und Exotisches sehen und erleben möchten, kämpfen die anderen ums pure Überleben.

Der Urlaub der einen trifft auf den harten Alltag der anderen. Ein echtes Gespräch darüber, wenn es nicht schon allein an der  Sprachbarriere scheitern sollte, wie die jeweils andere Seite empfindet, lebt und denkt, ist nicht einfach.

In Ccachin, einem völlig abgelegenen Dorf meiner Pfarrei hoch oben in den Anden, wo ich jahrelang gearbeitet habe, traf ich vor der Kirche Wandertouristen. Findige Touristenführer wissen selbstverständlich, dass gewisse Touristen nicht einfach die ausgetrampelten Touristenwege schätzen. Es soll etwas Besonderes sein! Und so werden neue Pfade in landschaftlich wunderschöne Andengegenden „erschlossen“ – wie die Tourismusunternehmen sagen.

Für die Armen ist jeder Tourist ein Krösus

Dass aber diese schroffen Berggegenden prekärer Lebensraum von armen Kleinbauern mit einer eigenen Kultur sind, wird nicht wirklich ins Kalkül einbezogen. Was denken sich die Kinder, die den Touristen beim Essen vor der Kirche in Ccachin zuschauen und allerlei fremde Dinge sehen, die ihre Begehrlichkeit wecken? Und zwar zu Recht wecken! Wissen die Touristen, die Wurst und Käse verzehren, dass die Kinder in Ccachin – auf 3.700 Meter gelegen – nur acht Mal im Jahr Fleisch essen?

Ein Stück weiter oben des Weges, in Cochayoc, auf 4.300 Meter am Fuß eines Gletschers gelegen, ist das Leben besonders hart. Dort habe ich während meiner jeweils eine Woche dauernden Pastoralaufenthalte Folgendes zu essen bekommen: morgens Kartoffelsuppe, mittags Pellkartoffeln mit Kräutertee, abends Kartoffelsuppe.

Mit Stechspaten an Steilhängen ringen diese Bauern der Natur die lebensnotwendigen Kartoffeln auf dieser Höhe ab. Was für sie als Widrigkeit erscheint, ist für die Touristen einmalige Naturschönheit. Niemand von letzteren nimmt mal einen solchen Stechspaten in die Hand und versucht sich am Kartoffellegen.

Für die in krasser Armut lebenden Bauern ist jeder Tourist ein Krösus, schließlich kann er sich die teure Reise nach Peru leisten. Die Bauern jedenfalls haben vom Tourismus rein gar nichts. Kein Sol oder Cent bleibt bei ihnen. Die Tourismusunternehmen, Hotels oder Restaurants in der Stadt verdienen. Der Staat fördert den Tourismus, der Devisen wegen. Fördert er aber die Kleinbauern? Sie sind die Verlierer. Sie werden benützt wie die Figuren und Bilder in den Museen und ihre Kinder werden ihrer Kultur entfremdet.

Taquile – ein geglücktes Beispiel vom Tourismus

Im Titicacasee – einem gigantischen See auf 3.800 m Höhe, dem höchstgelegenen schiffbaren See der Erde – liegt die Insel Taquile. Wer sie einmal besuchte, wird fasziniert bleiben. Diese Naturschönheit weckte die Begehrlichkeit der Tourismusunternehmen. Ein Hotel sollte dort hochgezogen werden. Der Bürgermeister wurde kurzerhand bestochen, und alles schien seinen „normalen“ Lauf zu nehmen, wie es die dortige Tourismusindustrie so oft praktizierte. Sie hatte aber die Rechnung vorzeitig und ohne die Pfarrei gemacht. Die Bauern kamen zum Pfarrer, beratschlagten lange und schließlich vertrieben sie ihren Bürgermeister.

Professor Sayer bei einem Besuch im Gespräch mit einer Bauerstochter in PeruBild vergrößern Was macht die Schule? Foto: Misereor

Das Konzept, das sie in vielen Beratungen entwickelten, ist folgendes: Die Bauern schlossen sich zu einer Kooperative zusammen. Jedes Bauernhaus wurde um einen zusätzlichen Raum, ein Fremdenzimmer, erweitert. Die Touristen werden heute am Hafen von einem Organisationskommittee empfangen und der Reihe nach jeweils einem Haus zugeteilt. Dort nächtigen sie und können sich verpflegen lassen.

Das führt zu einem echten Kontakt. Auf der Insel gibt es weder Straßen noch Autos oder Traktoren und auch keine Hunde. Die Touristen können auf ihren Spaziergängen den Bauern bei der Feldbestellung zuschauen und mitbekommen, wie ihre Nahrungsmittel entstehen. Die Landwirtschaft verläuft noch – wir würden sagen – nach der Gartenbaumethode.

Echte Einblicke in fremde Kulturen

Außerdem haben die Bauern – Männer und Frauen – Weben und Stricken gelernt. Man sieht keinen Mann, der nicht unterwegs sein Strickzeug dabei hat und die typischen Chullos, Mützen mit einer Vielfalt an Mustern, strickt. Gürtel, Bänder, Mützen werden in dem Laden der Kooperative verkauft.

Jedes Bauernhaus hat seine Nummer, die zusammen mit dem Preis auf der jeweiligen Ware erscheint. Bei dieser Art von Kauf und Verkauf entscheidet die Qualität und der Geschmack der Touristen. Hier hört man nicht die Mitleidsgeschichten, die mit einer Jammerstimme vorgetragen werden, um die Touristen zum Kauf zu veranlassen, und den Armen letztlich erniedrigen.

Touristen können die Ruhe und Naturschönheit genießen. Sie  bekommen einen Einblick in das Leben der Bauern und diese sichern ihren Lebensunterhalt, indem sie Touristen Anteil an ihrer Lebenswelt geben. Wohnen, Essen, Kunsthandwerk und zusätzlich die Landwirtschaft sind eine verlässliche Basis der Lebenssicherung der Einheimischen geworden. Und die Touristen sind wie selbstverständlich in die Lebensform der Bauernfamilien einbezogen.

Sie sehen und erfahren Neues und können sich in einer Weise erholen, die das Leben der Bauern und die Natur nicht nur nicht stört, sondern erhält, fördert und sichert.  

(Autor: Professor Dr. Josef Sayer, Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, Aachen)

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