Ältere Menschen haben ein außerordentliches Potenzial – ihre langjährige Berufs- und Lebenserfahrung. Es wäre Verschwendung, wenn eine Gesellschaft diese Ressourcen und dieses Know-how nicht nutzen würde. Dieser wegweisende Gedanke führte vor 26 Jahren zur Gründung des Senior Experten Service (SES).
Inzwischen hat der SES mit seinen Seniorinnen und Senioren seit 1983 mehr als 20.000 Einsätze durchgeführt. Heute wird die Idee, das Potenzial der Älteren für die junge Generation zu nutzen, immer populärer.
Auf dem gerade zu Ende gegangenen 9. Deutschen Seniorentag in Leipzig forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel deshalb auch: „Wir müssen die Bilder des Alters in ihrer Vielfalt neu definieren.“ Der Leipziger Seniorentag, dessen Schirmherrin sie ist, stand unter dem Motto „Älter werden - Verantwortung übernehmen“.
Der SES konnte auch im vergangenen Jahr wieder ein gutes Ergebnis bei den Einsätzen erzielen: Senior Expertinnen und Experten leisteten 1.510 Einsätze in 93 Ländern - davon 274 auch in Deutschland. Erfreulich war der Zuwachs in afrikanischen Ländern. Die Seniorinnen und Senioren kommen aus circa 50 Berufsbranchen: Die Palette reicht vom Handwerksmeister über die Friseur- oder Schneidermeisterin bis hin zu den medizinischen und technischen Fachleuten. Da sind Berufe dabei wie der Maschinenbauingenieur, die Agraringenieurin und weitere Vertreter vieler Lehrberufe aus Industrie und Handwerk.
Großes Interesse an der Hilfe durch die fast 8.000 beim Bonner SES registrierten Fachleute im Ruhestand besteht in Äthiopien, Tansania, Ghana, Namibia oder auch beispielsweise in Ruanda.
Zwei Beispiele: Das „Land der tausend Hügel“, wie Ruanda auch genannt wird, kehrt nach Völkermord und Bürgerkrieg zum Alltagsleben zurück. Schon in der Vergangenheit haben Senior Expertinnen und Experten mit fast 50 Einsätzen dabei geholfen, die junge Wirtschaft des Landes weiter zu entwickeln. Vor allem kleinere Betriebe profitierten davon, wie beispielsweise eine Fleischerei in Kigali, die einen erfahrenen Metzgermeister anforderte.
In der Fleischabteilung eines Supermarkts in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, konnte Senior Experte Siegfried Müller Anfang 2009 sein Können zeigen. Bei seinem Einsatz brachte er dem Personal neben der Theorie auch handwerkliche Tricks bei, so zum Beispiel beim fachgerechten Zerlegen von Rinderhälften oder beim Füllen und Abbinden von Würsten.
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Selbst vormachen: Die praktische Erfahrung zählt
Foto: SES
Aber auch die Themen Hygiene und Unfallvermeidung gehörten zu seinem Programm. Profitiert haben alle Seiten: die Kunden, die besser ausgebildeten Fachkräfte und der Senior Experte selbst.
Der ehemalige Fleischermeister aus Bornheim bei Bonn, der von seinen ruandischen Freunden „Siggi“ genannt wird: „Mir hat der Einsatz großen Spaß gemacht, nicht nur weil ich sehr akzeptiert worden bin, sondern auch weil ich mir selbst beweisen konnte, dass ich noch etwas bewirken kann." Müllers Rezept: Die Leute akzeptieren dich, wenn Du ihnen etwas zeigst, also ihnen in der Praxis die Dinge mit deinen eigenen Händen vormachst - nicht nur durch Erzählen. Besonders stolz ist er auf die vom ihm kreierte „German-African Sausage“, die in Ruanda gut ankommt.
„Ich bin 1981 in die Lehre gekommen, Gesellenprüfung, Bundeswehr, Meisterprüfung und habe dann mit meiner Frau in der Selbständigkeit bis zum Ruhestand gearbeitet. Nachdem ich mein Berufsleben hinter mir hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, einfach nur vor dem Fernseher zu sitzen, sondern wollte noch etwas tun, etwas bewegen, meinen Horizont erweitern.“
Und Siegfried Müller tat es. Er wandte sich an den SES. Mit seinem ersten Einsatz gehört er nun zu denjenigen, die die Fackel ihres Wissens und ihrer Erfahrung ehrenamtlich weitergeben.
Manche unserer Seniorinnen und Senioren kommen gleich nach Ende ihres Berufslebens zu uns, manche aber auch erst später - so wie Hans Peter Kipp. Mit 70 Jahren erst ist der Kölner Baufachmann durch einen Presseartikel auf den SES aufmerksam geworden. Schon wenige Wochen später hatte der gelernte Diplomingenieur für Hoch- und Tiefbau seinen ersten SES-Einsatz. Anfang des Jahres reiste er nach Angola, genauer gesagt nach Huambo, etwa 600 Kilometer von der Hauptstadt Luanda entfernt.
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Hans Peter Kipp mit einem angolanischen Handwerker
Foto: SES
Das westafrikanische Land, etwa dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland, ist ein neues Einsatzland für den SES. Aufgabe des Senior-Experten war es dort, einer Kirchengemeinde dabei zu helfen, ein Schulgebäude zu errichten. Da der Bau oft stoppte und einfach nicht vorankam, bat die Kirchengemeinde den SES um Hilfe. „Sieben Jahre ging das Projekt nur schleppend voran“, so Kipp. Das sollte sich ändern.
„Meine Aufgabe war es zunächst herauszufinden, warum es nicht weiter geht.“ Peter Kipp, der auch portugiesisch spricht, begann dann die Baustelle neu zu organisieren, die Handwerker entsprechend zu unterrichten und in baulichen Korrekturmaßnahmen zu unterweisen. Nun ist der Senior Experte voller Zuversicht, dass der Bau 2010 fertig sein wird. Inzwischen gelang es ihm sogar - gemeinsam mit angolanischen Kirchenvertretern - in Deutschland Spenden für eine geplante Erweiterung des Schulgebäudes einzuwerben.
"Wenn man als Senior Experte nach Angola geht, sich auf die Menschen einstellt und sie nicht von oben herab behandelt, erfährt man sehr viel Dankbarkeit. Man spürt die Anerkennung seiner Arbeit und den guten Willen der Menschen, die selbst etwas bewegen wollen." Peter Kipps Erfolgsrezept: Mit Zuspruch und als Vorbild kann man sehr viel mehr erreichen als mit Durchsetzungsdruck. Einem Nachfolgeeinsatz steht seinerseits nichts im Wege, so der SES-Experte.
(Autorin: Susanne Nonnen, Geschäftsführerin des Senior Experten Service, SES, Bonn)