Erfahrung schafft Zukunft

Brücken bauen im Ruhestand

Der pensionierte Arzt und Senior Experte Dr. Hermann Peters mit zwei jemenitsichen Krankenschwestern im Hospital in Sanaa (Foto: Version/Maro)
Mit dem Arztkoffer im Jemen: Fachkenntnisse und Wissen weitergeben
Foto: Version / Maro

Ruhestand und was nun? Aufs Altenteil gehen, einfach die Beine hochlegen, Urlaub machen und Golf spielen? Nein! Das ist für viele hochqualifizierte Fachleute undenkbar: Sie schulen angehende Ingenieure in der Mongolei, trainieren Chirurgen und medizinisches Personal in China, bringen ein Bauprojekt in Angola in Schwung oder eine Fleischerei in Ruanda. Sie helfen in der Landwirtschaft oder stehen in Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa helfend neben der Schul- oder Werkbank und geben aus- und inländischen Firmen Anschubhilfe.

Aber auch in Deutschland gehen sie in die Schulen, helfen in Einrichtungen und begleiten die Jugendlichen beratend in der Berufsausbildung. Die Rede ist von den fast 8.000 "Unruheständlern" aus unterschiedlichsten Berufen, die für den Senior Experten Service (SES) tätig sind - ehrenamtlich wohgemerkt.

Der Senior Experten Service (SES) ist eineStiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit und eine gemeinnützige GmbH. Er bietet interessierten Menschen im Ruhestand die Möglichkeit, ihre Kenntnisse und ihr Wissen an andere im Ausland und in Deutschland weiterzugeben. Die ehrenamtlich tätigen Senior Experten leisten Hilfe zur Selbsthilfe - und damit einen wichtigen Beitrag, ein Stück Zukunft zu sichern. 

Den Schatz aus Wissen und Erfahrung weitergeben

Wer aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist und sich noch fit fühlt, für den kann der Senior Experten Service (SES) eine echte Bereicherung sein. Begonnen hat die Geschichte des SES im Jahr 1983 mit 22 Einsätzen. Zu dieser Zeit war die berufliche Erfahrung der älteren Generation noch nicht so gefragt. In Zeiten des demographischen Wandels hat sich dies aber geändert.


Heute wird das welt- und deutschlandweite, ehrenamtliche Engagement der aktiven älteren Generation im Ruhestand gebraucht. Sie sind für unsere Gesellschaft unentbehrlich - sei es im Arbeitsleben oder für das bürgerschaftliche Engagement, auf dem gerade die Idee des SES basiert.

Senior Experte Kurt Marquardt mit dem Inhaber einer Stahl-Werkstatt in BolivienBild vergrößern Bolivien: Auch Härten von Stahl braucht Erfahrung. Foto: SES

Der SES ist auch ein wichtiger Partner in der Entwicklungszusammenarbeit. Senior Experten helfen, das Leben der Menschen in den Entwicklungsländern zu verbessern, sie qualifizieren Menschen und helfen bei der Ausbildung. An die 8.000 Senior Expertinnen und Experten haben sich beim SES in Bonn registrieren lassen. Und es könnten noch mehr werden, wünscht sich die in Bonn ansässige Stiftung der Deutschen Wirtschaft für Internationale Zusammenarbeit.  

Das "Abenteuer", Senior Experte zu sein, gibt ihnen das schöne Gefühl, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles machen zu können. Der eigentliche Lohn aber ist: Sie lernen Land und Leute kennen, wie es als Tourist nicht möglich wäre, und erfahren herzliche Gastfreundschaft, Dankbarkeit und Anerkennung. 

Der SES führte im vorigen Jahr 1.510 Einsätze rund um den Erdball durch. 1.236 Mal sind die Senior Experten dazu ins Ausland gereist. In Deutschland selbst rückten sie 274 Mal zu gerufenen Einsätzen aus. Dies sind beeindruckende Zahlen, meint auch Bundespräsident Köhler.

Botschafter unseres Landes - Brückenbauer der Verständigung

Bundespräsident Horst Köhler besichtigt ein Ausbildungszentrum für Schneiderinnen in Madagaskar.Bild vergrößern Bundespräsident in Madagaskar - dort traf er auch Senior-Experten Foto: REGIERUNGonline/Kühler

Bundespräsident Horst Köhler, dem auch Senior Expertinnen und Experten bei seinen Auslandsreisen begegnet sind, sagte in einem Grußwort zum 25-jährigen Bestehen des SES:

"Noch beeindruckender sind die Geschichten hinter den Zahlen. Sie erzählen von Engagement und Verantwortung, vom guten Miteinander der Generationen, von Hilfe zur Selbsthilfe und von Gastfreundschaft, von gegenseitigem Respekt, von gemeinsamem Lernen in aller Welt und allen Kulturkreisen - und nicht zuletzt von nachhaltiger Entwicklungshilfe.

Wissen Sie, was mir besonders gut gefällt? Dass sich die Experten besonders um junge Menschen kümmern, in Schule und Ausbildung, und dass die Unterstützung insbesondere Existenzgründern und jungen Unternehmen gilt. Ob in Deutschland oder in Afrika, Asien oder Südamerika - hier wie dort sind es dieselben Eigenschaften, mit denen die älteren Fachleute zu überzeugen wissen: Erfahrung und Umsicht, Fachwissen, hohe soziale Kompetenz und ein ausgeprägtes Leistungsethos. Bei mancher Diskussion in unserem Land gewinnt man sogar den Eindruck, dass diese Stärken älterer Menschen im Ausland höher geschätzt werden als bei uns. Was den Respekt vor dem Alter angeht, können wir übrigens gerade von Afrika einiges lernen.

Webermeisterin und SES-Expertin Ursula Schwierske am Webstuhl einer kleinen Weberei in Nepal mit zwei MitarbeiternBild vergrößern Kleine Weberei hat Großes vor - Anschubhilfe durch Ursula Schwierske in Nepal Foto: SES

Senior Experten sind Botschafter unseres Landes in der Einen Welt, sie stehen für praktische Partnerschaft und gemeinsames interkulturelles Lernen. Und sie bauen Brücken der Verständigung und sind mit ihrem freiwilligen Engagement ein Vorbild für zivilgesellschaftliches Handeln und Partizipation.

Die Frauen und Männer im Senior Experten Service geben auch ein wunderbares Beispiel, wie das Miteinander der Generationen gelingt und wie Gutes weitergegeben wird zwischen Alt und Jung. Sorge etwa, Erziehung, Wissen, Erfahrung, Werte und nicht zuletzt Zuneigung. Wir alle gestalten im Alltag das Verhältnis der Generationen mit - am besten mit Freundlichkeit und Neugier und Achtsamkeit.

Für mich sind die Senior Experten auch eine Art Avantgarde im demographischen Wandel. Sie stehen für Menschen, die am Ende ihrer Berufslaufbahn nicht ausgelaugt und ruhebedürftig sind, sondern verantwortungsvoll, vital und bereit dazu, mit ihren Erfahrungen eine zweite, ehrenamtliche Karriere zu starten. Und die wissen, dass sie der Generation nach ihnen etwas schuldig sind."

Grußwort des Bundespräsidenten zum 25-jährigen Bestehen des SES (ungekürzt)

Ort im Land der Ideen 2009

Der SES gehört zu den Preisträgern von "Ausgewählter Ort im Land der Ideen 2009".  Das sind Orte, an denen zukunftsorientierte Ideen entwickelt, gefördert und aktiv umgesetzt werden. Es zeigt: Das Wissen und die Erfahrungen von Menschen im Ruhestand liegen nicht brach, sondern sie werden zur Lösung von wirtschaftlichen Problemen, hauptsächlich in kleineren und mittleren Firmen in Entwicklungs- und Schwellenländern eingesetzt. Schirmherr der Standortinitiative ist Bundespräsident Köhler.

Die Magazinausgabe beleuchtet die Handlungsfelder des SES mit Beiträgen des Bundesentwicklungsministeriums, des Deutschen Handwerks sowie mit Berichten verschiedener SES-Einsätze. Sie spiegeln den Nutzen für die Entwicklungszusammenarbeit, für die deutsche Wirtschaft, für das Gemeinwohl und für die SES-Experten selbst wider.

Kontext