Die Oberschülerin Miriam Montag arbeitete mehrere Monate als Volontärin in Ghana. Zu ihren Aufgaben in der Bildungs- und Sozialarbeit gehörte die Betreuung in einem Waisenhaus und einer Grundschule in einem Flüchtlingslager. In ihrem Beitrag berichtet sie über ihre Eindrücke und Erfahrungen:
Der Kaneshi ist laut, voll, bunt und stinkt. Auf dem zweitgrößten und lebhaftesten Markt im Herzen von Ghanas Hauptstadt Accra herrscht schon früh am Morgen ein emsiges Treiben.
Menschenmengen drängeln sich an Müllbergen vorbei zu den Verkaufsständen. Marktfrauen preisen lauthals lebendige Riesenschnecken an. Nebenher verscheuchen sie mit einem Stück Pappe die Fliegen von ihrem Fisch, der in der stechenden Sonne vertrocknet. Andere befeuchten mit trübem Regenwasser abgehackte Schweinefüße.
Kleinbusse und Taxis, die in Europa für schrottreif erklärt würden, rattern in rasantem Tempo über die vierspurige Schnellstraße. Mit beeindruckender Sicherheit manövrieren die Fahrer ihre „Trotros“ durch das Getümmel. Sich in diesem Gewirr aus Menschen, Stimmen, Autohupen und fremdartigen Gerüchen zurechtzufinden und den richtigen Fahrpreis auszuhandeln, kann für deutsche Volontäre ganz schön stressig sein.
Meine Arbeit in einem Waisenhaus
Doch sobald wir die Hauptstadt hinter uns gelassen haben und ich den roten Sandweg zum Waisenhaus im Örtchen Odupong Ofaakor entlang gehe, ist die morgendliche Hektik verflogen. 70 Kinder - vom Säugling bis zum Jugendalter - leben hier zwischen den grünen Feldern. Ausgestattet ist das Heim jedoch nicht einmal für die Hälfte, denn es ist nichts ausreichend vorhanden. Es gibt nicht genügend Räume und nur ein Zimmer ist mit Strom versorgt. Es gibt kein fließendes Wasser, und es fehlt an vielen Dingen - Betten, Decken, Klamotten, Schuhen. Kurz: es fehlt an Geld.
Schon von Weitem springen uns die Mädchen und Jungen entgegen und rufen „Obroni, Obroni, akwaaba!“ - Willkommen, Weißer! Auch die Heimleiterin begrüßt uns freudestrahlend mit den Worten „God sent you to this home“.
Die Betreuerin der Kinder hat ein gutes Herz, einen guten Willen, aber meiner Meinung nach zu wenig Weitsicht und Organisationstalent. Das fällt mir besonders bei der Vorratshaltung auf, die zu Engpässen führt. Statt mit den Jugendlichen Landwirtschaft zu betreiben oder als gelernte Schneiderin Hemden, Hosen oder Decken mit ihnen zu nähen, wartet sie auf Unterstützung.
Deutschlands Ansehen in Ghana ist hoch
Ghana hat in den vergangenen Jahren zwar einen vorbildlichen Demokratisierungsprozess durchlaufen und wirtschaftspolitische Reformen wirksam umgesetzt. Seine Abhängigkeit von Gebermitteln scheint mir jedoch immer noch hoch. Deutschland genießt in Ghana nicht nur wegen seines entwicklungspolitischen Engagements hohes Ansehen. Seit gut 50 Jahren pflegen beide Länder in vielen Bereichen freundschaftliche Beziehungen. An die 50.000 Ghanaer sollen in Deutschland leben.
Schlechter Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen
Ein weiteres Problem ergibt sich durch die schlechte Wasserversorgung. Zwar haben 80 Prozent der Bevölkerung einen gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auch in Ofaakor stillt der Regen den Durst der Kinder. Je länger aber die Trockenperiode andauert, desto trüber und muffiger ist die Brühe, die aus dem großen Kanister fließt.
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Voller Leben: Kaneshi-Markt mitten in Accra
Foto: Miriam Montag
Aber die ghanaische Regierung ist bemüht, die Armut in ihrem Land zu bekämpfen, denn umgerechnet hat jeder zweite Bürger gerade einmal einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Um das zu ändern, arbeitet die Regierung seit 2003 an einem nationalen Strategiepapier, welches von der Bevölkerung mitgetragen wird. Das Wirtschaftswachstum wird rapide vorangetrieben und der Dienstleistungssektor mit Hilfe von qualifizierten Arbeitskräften ausgebaut.
Auch die politischen Verhältnisse sind in Ghana stabil. Es hat als erstes Land in Afrika den "African Peer Review Mechanism" (APRM) abgeschlossen, ein freiwilliges System zur Überprüfung der afrikanischen Regierungsführungen. Des Weiteren betreibt Ghana seit Jahren aktiv eine Politik guter Nachbarschaft und setzt sich erfolgreich für eine regionale Zusammenarbeit ein. Dennoch hemmen fehlende Kommunikationsverbindungen und die unzureichende Ausbildung der Arbeitskräfte viele Auslandsinvestitionen.
Schulsystem mangelt es an Geld
Darunter leidet auch das Kinderheim, das nicht selten von Abenteuerlustigen auf ihrer Reise durch Zentralafrika besucht wird. Die Touristen spielen mit den Kindern und bringen ihnen Süßigkeiten mit. Wenn die Heimleiterin jedoch um Spenden für Bauprojekte bittet, zögern die meisten. Manche haben wohl die Befürchtung, dass das Geld zusammen mit dem Monsun im roten Sandboden versickert.
Deswegen bilden hier noch immer ein paar notdürftig aneinander gehämmerte Holz- und Wellblechhütten die Klassenzimmer. Mit fünf Kindern an jeder Hand betrete ich das Schulgebäude. Der Geräuschpegel ist enorm. Viele Lehrer sind unmotiviert und wütend, weil das Waisenhaus ihnen seit Monaten ihr Gehalt nicht bezahlen konnte. Den Kindern wirklich etwas beizubringen ist für sie in dieser Situation kein Ansporn.
Es mangelt jedoch nicht nur an Schulbüchern, Schreibmaterialien und Sitzmöglichkeiten. Die wenigsten Kinder können Lesen und Schreiben. Es gibt 42 Prozent Analphabeten in Ghana und auch die Lehrer des Heims verwechseln Verstehen oft mit Auswendiglernen. Vielleicht müsste zudem auch die Ausbildung der Lehrer besser werden.
Volontäre versuchen zu helfen
Wir Volontäre haben während unserer Zeit in Ghana versucht, den Kindern so viel Wissen wie möglich zu vermitteln, ihnen Wärme und Aufmerksamkeit zu schenken und ihr Selbstwertgefühl zu stärken.
Wir haben Vormittags mit den Schülern Mathematik und Englisch gelernt und ihnen gezeigt, wo ihr Land und andere Kontinente auf der Weltkarte liegen. Nachmittags haben wir gebastelt, Spiele veranstaltet und Ausflüge an den Stand unternommen - und viele bunte afrikanische Tiere und Landschaften an ihre Schlafzimmerwände gemalt.
Sexuelle Aufklärung
Bei einem unserer Projekte klärten wir die Jugendlichen im Teenageralter eine Woche lang über „sexually transmitted diseases“ auf. Anfangs blicke ich in verständnislose Gesichter, denn das Englisch der Kinder ist schlecht, ihre Aussprache anders als meine eigene. Das Schulbuch mit pauschalen Aussagen über Sex und Aids ist uns keine große Hilfe. Aussagen wie „Sex is, when female meets man in bed“ halte ich in einem Land wie Ghana, in dem jährlich laut UNAids weit über 20.000 Menschen an HIV/Aids sterben, für fatal.
Zu alledem ist das Thema Sex für afrikanische Jugendliche eine heikle Angelegenheit. Beim Wort Kondom wandern die Blicke oft beschämt zu Boden. Trotz anfänglicher Probleme finden wir den richtigen Draht zu den Jugendlichen. Die meisten setzen sich an diesem Nachmittag das erste Mal ernsthaft mit Verhütung und Geschlechtskrankheiten auseinander. Sex haben sie aber alle, aus Langeweile, erzählen uns jedenfalls die amüsierten Lehrer.
Als ich an diesem Tag meinen Heimweg antrete, bin ich erschöpft und sehne mich nach Stille und Sauberkeit. Da bemerke ich den 15-jährigen Jonathan hinter mir: „Danke Weiße, ich habe viel gelernt“, flüstert er. Was er mir damit für eine Freude macht, ahnt Jonathan nicht. Aber ich weiß, auch dieser Tag war nicht umsonst.
(Autorin, Miriam Montag, Studentin der Medien- und Kommunikationswissenschaften, München)