Artenvielfalt bewahren

Krokodile in der Stadt

Krokodilskopf
Krokodile in Brasilien: Unerwünschter Besuch aus den Sümpfen
Foto: picture-alliance / maxppp

Wenn wildlebende Tiere ihren Lebensraum durch den Menschen verlieren, sehen sie sich in ihrer Not gezwungen, auch in deren Lebensraum  einzudringen. So tauchen immer wieder Krokodile und Wasserschweine in der  Millionenmetropole Rio de Janeiro auf.

Die Einwohner von Recreio, einem wohl situierten Viertel im Westen von Rio de Janeiro, haben sich bereits an den Anblick gewöhnt: an Krokodile, die sich durch den Straßenverkehr bewegen oder in den lokalen Swimmingpools ein Bad nehmen. Die Tiere selbst sind nicht aus Vergnügen in der Stadt, sondern weil der Mensch ihren natürlichen Lebensraum zerstört.

Warnsignal eines gestörten Gleichgewichts

Alligatoren und andere Krokodile sind wichtig für das natürliche Gleichgewicht. Sie sorgen dafür, dass Insekten und andere Wirbellose nicht überhand nehmen – eine Leistung, die ihnen die Menschen nicht danken. Ganz im Gegenteil. So verkommen die für ihre Fortpflanzung wichtigen Sümpfe zu Müllhalten für Fest- und Flüssigabfälle.

Den Schwund dieser Lebensräume führt Denise Monsores auf eine ungeordnete Urbanisierung zurück. Sie ist Verwaltungsbeamtin des Chico-Mendes-Parks, wo Kaimane und andere einheimische Tierarten unter besonderem Schutz stehen. Immer mehr umzingelt, bleibe den Krokodilen kaum eine Wahl, als auf asphaltierte Plätze auszuweichen.

Für den Bau von Recreio wurden Sümpfe trockengelegt und Mangrovenwälder gefällt. Seither tummelt sich eine zunehmende Zahl von Wasserschweinen an den Stränden des Viertels – meist zur großen Freude der Besucherinnen und Besucher.

Schlangen in den Slums

Doch nicht alle Neuankömmlinge sind den Städtern willkommen. Das gilt etwa für Riesenschlangen, die in den Tijuca-Wäldern beheimatet sind. Ende vergangenen Jahres mussten Einwohner der Favela (Slumgebiet) Borel Spezialisten des Tijuca-Nationalparks rufen. Etliche Exemplare der Königboa hatten sich in dem Elendsviertel zur Rattenjagd eingefunden.

Rio de Janeiro ist von einem der weltgrößten Wälder umgeben. Die Mata Atlântica, die sich über 17 brasilianische Bundesstaaten erstreckt, ist reich an Gewässern, Pflanzen und Tieren. Dort leben nach Angaben des brasilianischen Umweltministeriums rund 1.020 Vogel-, 350 Fisch-, 340 Amphibien-, 251 Säugetier- und 197 Reptilienarten.

Obwohl der Wald noch immer eine 1,3 Millionen Quadratkilometer große Fläche einnimmt (15 Prozent des nationalen Waldvorkommens), ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er misst gerade einmal sieben Prozent seiner ursprünglichen Größe.

Mensch als Eindringling

Den Metropolen São Paulo, Rio de Janeiro und Victoria wurden 793 Hektar Wald geopfert. Dies halten Umweltorganisation 'SOS Mata Atlântica' und das Nationale Institut für Raumforschung in einem Umweltatlas fest. Die 110 Millionen Menschen, die in den Bundesstaaten der Mata Atlântica leben, zerstören immer weiter Wälder, die sie als Trinkwasserquellen und Klimaregulatoren benötigen.

Menschliche Aktivitäten, Grundstückspekulationen, Planungsmängel, Jagd und Fischerei bedrohen 383 der landesweit 633 gefährdeten Tierarten. Nicht alle wildlebenden Tiere haben die Fähigkeit, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Das gilt etwa für den Scharlachsichler – eine Vogelart, die bald ganz aus dem Stadtbild von Rio de Janeiro verschwunden sein wird.

"Nicht die Tiere, sondern die Menschen sind die Eindringlinge", meint der Biologe Mario Moscatelli. "Schließlich wurde Rio de Janeiro auf Mangroven, Überschwemmungsgebieten und Wäldern errichtet."

Die natürlichen Feinde sind verschwunden

Paradoxerweise hat das ökologische Ungleichgewicht dazu geführt, dass vom Aussterben bedrohte Tiere sich zu einer Plage entwicken konnten. Das gilt besonders für einige Affenarten, die nun durch Sterilisation kontrolliert werden sollen.

Doch auch sie dokumentieren den Niedergang der Natur, müssen sie nicht mehr so sehr wie früher ihren natürlichen Feind, den Jaguar, fürchten.

(Autorin:  Fabiana Frayssinet, Auslandskorrespondentin der Nachrichtenagentur Inter Press Service IPS, in Rio de Janeiro, Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung, Karina Böckmann, ips Europa, Redaktion Berlin) 

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