Das satte Grün der Reisfelder, einzelne Hütten und Bambuswäldern bis zum Horizont - ein typisches Bild im nordostindischen West Bengalen. Die Flüsse, die dieses kaum über dem Meeresspiegel liegende fruchtbare Schwemmland durchziehen, fließen wieder in geregelten Bahnen. Nachdem diese Region Indiens bereits im August 2007 von schweren Überschwemmungen heimgesucht wurde, kam es auch im vergangenen Sommer wieder zu Überflutungen. Doch dieses Mal waren die Menschen in der Region Patashpur besser vorbereitet.
Seit August letzten Jahres unterstützt der Verein "Bensheim hilft" zusammen mit der Karl Kübel Stiftung ein Wiederaufbauprojekt für die dort lebenden Menschen. Zumeist sind es landlose Landarbeiter und Kleinbauern mit ihren Familien.
Im Mittelpunkt des gemeinsamen Projekts stand der Wiederaufbau und Reparatur von zerstörten Häusern und die Förderung von Selbsthilfestrukturen. Zudem werden Saatgut beschafft, die Kleinviehhaltung und die lokale Fischzucht unterstützt. Hinzu kam auch der Wiederaufbau der lokalen Betelblattproduktion (Genussmittel) – alles mit Kleinkrediten.
Die Menschen sollten insgesamt in die Lage versetzt werden, für zukünftige Naturkatastrophen besser gewappnet zu sein. Die Anstrengungen haben sich gelohnt.
Frauengruppen packen tatkräftig an
Nach nur 16 Monaten und einer weiteren zwischenzeitlichen Überschwemmung im letzten Sommer sind die Zeichen des Wiederaufbaus deutlich sichtbar. In der kleinen Ortschaft Pashim Kashba zeigen die Frauen der Gruppe Hazrat Mahammad Self Help Group stolz ihren neu erbauten Getreidespeicher. Auch das große Banner mit den Logos von "Bensheim hilft" und der Karl Kübel Stiftung waren als Dank angebracht worden.
Die Getreidespeicher wurden mit tatkräftiger Unterstützung der Frauen errichtet. Eine hat das Grundstück zur Verfügung gestellt und die anderen haben durch Baumaterialien und durch ihrer Hände Arbeit zur Fertigstellung beigetragen. Der Speicher wurde aus Beton (Fundament und Träger), Bambus und Lehm (Boden und Seitenwände) und Eternit (Dach) gefertigt. In dem etwa drei Meter langen, zwei Meter breiten und etwa zwei Meter hohen Speicher können bis zu 3.600 kg Reis sicher eingelagert werden. Der Speicherboden steht auf 80 Zentimeter über dem Boden auf Betonpfeilern. Das ist ausreichend hoch, um normale Überschwemmungen unbeschadet und trocken zu überstehen.
Ein Lagerspeicher für 100 Euro
Die Kosten für den Bau eines Speichers betragen etwa 100 Euro, von denen zwei Drittel "Bensheim hilft" beigetragen hat. Ein Drittel haben die Frauen dazu beigetragen. Hier können nun nach der Ernte Reisvorräte eingelagert werden, die in Dürre- und Notzeiten wieder entnommen werden.
Jede Frau lagert eine von der Gruppe bestimmte Menge ein, zwischen 40 und 60 Kilo Reis. Wird Reis in Dürrezeiten, in denen die Preise an den lokalen Märkten hoch sind, entnommen, erfolgt das nach dem Kreditprinzip. Das heißt, für 40 Kilo die entnommen werden, müssen 50 Kilo nach der Ernte wieder eingelagert werden. So haben die Familien in Zeiten der Nahrungsmittelknappheit oder Überschwemmungen den Zugriff auf günstigen Reis.
Zur Erntezeit, wenn die Reispreise niedrig sind, führen sie ihren "Kredit" wieder an die Gruppe beziehungsweise in den Speicher zurück. Nach diesem Prinzip, 40 Kilo leihen, 50 Kilo zurückführen, wird in Zukunft die verfügbare eingelagerte Reisemenge kontinuierlich steigen.
Katastrophenvorsorge auf lokaler Ebene
Von nicht der Gruppe angehörigen "Kreditnehmern" werden 55 Kilo Reis verlangt. Damit ist insbesondere für arme Landarbeiterhaushalte eine wichtige Basis zum Überleben geschaffen. Auch sie hatten bislang kaum eine Möglichkeit, größere Reismengen sicher zu lagern. Dies ist ein kleines aber wirksames Beispiel, wie man dazu beitragen kann, Menschen in permanent von Überflutung bedrohten Gebieten besser auf zukünftige Krisenfälle vorzubereiten.
Beim Wiederaufbau wurde der Besonderheit durch die Wasserbedrohung in der Region Rechnung getragen. Es wurden 55 Häuser, die 2007 zerstört worden waren, wieder aufgebaut. 80 weitere, die teilweise zerstört worden waren, wurden nachhaltig repariert. Dabei wurde vor allem in eine stabile Statik investiert, die auch Überschwemmungen stand hält.
Die traditionellen Lehmhütten wurden mit Betonpfeilern stabilisiert. Die unteren Bereiche wurden mit Bambusgittern versehen, durch die das Wasser fließen kann, ohne dass die Gitter zerstört werden. Die Dächer wurden statt der traditionellen Strohbedeckung mit Eternit Wellplatten belegt. Auch hier konnten die Arbeiten neben den Krediten aus dem Projekt nur mit massiver Eigenhilfe der Menschen verwirklicht werden.
Frauen erweisen sich als zuverlässige Kleinkreditnehmer
Auch die Bereitstellung von Wasserfiltern hat die Zahl der Durchfallerkrankungen in der Region deutlich reduziert.
Hilfe zur Selbsthilfe ist auch und gerade in Not- und Krisensituationen der Schlüssel zum Erfolg. Viele Maßnahmen, die in den letzten Monaten umgesetzt wurden, wären ohne die aktive Mithilfe der Menschen von Patashpur nicht möglich gewesen.
Und sie sind stolz darauf, was man auf ihren Gesichtern ablesen kann. Innerhalb von nur 16 Monaten haben sich 308 Frauen und 255 Männer in Frauenselbsthilfegruppen und Bauerngruppen organisiert. Die Frauengruppen haben 108.380,- Rupien (ca. 1.800 Euro) und die Bauerngruppen 61.895,- Rupien (ca. 1.000 Euro) an eigenen Ansparungen geleistet. Das ist für die Menschen, die von kleinsten und noch dazu sehr unregelmäßigen Einkommen leben müssen, eine enorme Leistung.
Von den aus Projektmitteln bereitgestellten Krediten wurden bereits über 50 Prozent zurück bezahlt. Dem lokalen Projektpartner der Karl Kübel Stiftung, Kajla Janakalyan Samithi (KJKS), ist es wichtig, die Menschen nicht zu Almosenempfängern zu machen.
Dabei gehen die Rückzahlungen nicht zurück an die Organisation, sondern es werden Gemeinschaftskonten eingerichtet, aus denen die Selbsthilfegruppen später wiederum Kredite entleihen können. So kann nach und nach das System der privaten Geldverleiher mit ihren Wucherzinsen komplett abgelöst werden. Diese Erfolgsgeschichte soll weitergehen.
In der nächsten Phase sollen besonders erfolgreiche Programmkomponenten weiter ausgeweitet werde, so der Bau weiterer Getreidespeicher, die Ausweitung der organischen Landwirtschaft, die Förderung von Gemüseanbau durch Frauengruppen und die Fischerei. Dabei steht immer der Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Frauenselbsthilfegruppen und Bauerngruppen sollen entsprechend weiter geschult werden, so dass sie ihre Bücher selbst führen, ihre Kredite selbst verwalten und selbst Verhandlungen mit Banken und Regierungsvertretern führen können.
Und eines ist aus der Perspektive der Karl Kübel Stiftung, die dieses Jahr den 100. Geburtstag ihres Stifters feiert, besonders wichtig: Die Hilfe kommt auch bei den Kindern an. Bessere Ernährung, besseres Trinkwasser, sichere Häuser und mehr Geld für Bildung - gerade für die benachteiligten Mädchen.
(Autor: Ralf Tepel, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie, Bensheim)