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Nr. 73    3/2009
10 | 16

Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen: Schockierende Berichte

 
Venantie Bisimwa Nabintu wirkt angespannt, als sie das Rednerpult in der Berliner Akademie der Künste betritt. Kurz schließt sie ihre Augen. Sie weiß, dass sie die Gemüter ihrer Zuhörer in den nächsten zehn Minuten quälen wird. Dann holt sie Luft und beginnt zu sprechen. Wie aus einem Maschinengewehr rattern die Worte aus ihrem Mund, schnell, nüchtern, schonungslos. Sie berichtet von Mädchen, die mit Glasflaschen vergewaltigt werden. Sie berichtet von Beschneidung, Erniedrigung, sozialer Ausgrenzung, dem Tod. 
 
Venantie Bisimwa Nabintu ist Geschäftsführerin des Women’s Network for Justice and Peace (RFDP) im Kongo. Mit Ihrer aufwühlenden Rede eröffnet sie die Konferenz "Gewalt gegen Frauen in Konflikten – Was kann die Entwicklungspolitik tun?" Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat das Treffen anlässlich des Weltfrauentages gemeinsam mit dem Nationalen Komitee für den Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (Unifem) einberufen. Viele internationale Gäste sind ihrer Einladung gefolgt.
 

Vergewaltigung als Kriegswaffe

 
"Täglich werden Frauen und Mädchen in Konfliktregionen Opfer systematischer sexueller Gewalt", weiß die Bundesministerin und fordert: "Wir müssen diesen Verbrechen weltweit entschlossen entgegentreten und setzen uns dafür ein, dass diese Gewalt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und als Kriegsverbrechen geahndet wird."
 
Gerade in den Krisenherden Afrikas ist Vergewaltigung mittlerweile auch ein viel genutztes Instrument psychologischer Kriegsführung. Denn abgesehen von alarmierenden HIV-Infektionen und ungewollten Schwangerschaften leiden die Opfer ihr Leben lang unter gravierenden Traumata. Häufig ist auch soziale Ausgrenzung die Folge. Denn niemand möchte sich öffentlich mit diesen geschändeten Frauen zeigen – übrigens auch nicht mit ihren Männern, die es nicht geschafft haben, sie zu schützen.
 
Welche Dimensionen die systematische Misshandlung heute erreicht hat, machen ein paar Zahlen deutlich: Nach Schätzungen des UN-Menschenrechtsrates sind allein im Jahr 2008 etwa 100.000 Frauen im Kongo auf brutalste Weise vergewaltigt worden. Und in Sierra Leone haben 94 Prozent der Flüchtlingsfrauen während des Krieges sexuelle Gewalt erlebt.
 

Was kann die Entwicklungshilfe tun?

 
Auf der Konferenz hat sich die Podiumsrunde mittlerweile aufgelöst. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren nun in vier Themengruppen gemeinsam mit den Zuhörenden. Sie beraten über Konzepte, mit denen internationale Organisationen die Gewalt an afrikanischen Frauen bekämpfen können. Charlotte Isaksson, die frühere Genderbeauftragte der Eufor RD-Truppen im Kongo, plädiert dafür, den Geschlechteraspekt stärker in die Ausbildung internationaler Streitkräfte zu integrieren. Es müssten nachhaltige Genderregeln vor Ort verankert und langfristig mehr Frauen in den nationalen Sicherheitssektor der jeweiligen Staaten aufgenommen werden.
 
Im Stuhlkreis nebenan macht Stephen Rapp – Chefankläger des internationalen Gerichtshofes für Sierra Leone –  konkrete Vorschläge zur Implementierung besserer Rechenschaftssysteme in Afrika. Die bereits bestehenden internationalen Konventionen müssten entschiedener in die nationale Gerichtsbarkeit übernommen werden. Außerdem müssten die Frauen durch Aufklärungsmaßnahmen dazu ermutigt werden, ihre Peiniger auch anzuklagen. Durch bessere Zeugenschutzprogramme gelte es, ihnen die Angst vor solch einer Anklage zu nehmen.
 

Der "sechste Clan"

 
Dass solche Forderungen keine "leeren Phrasen" bleiben müssen, zeigt das Beispiel der Somalierin Asha Hagi Elmi Amin. In ihrem Land stritten sich lange Zeit fünf große "Clans" um politische Macht. Frauen hatten in diesen Stammesvertretungen praktisch keinen Einfluss. Deshalb gründete Elmi Amin einfach einen eigenen, den "sechsten Clan". Diese Frauenbewegung ist mittlerweile im Parlament vertreten und kämpft dort entschieden für die Rechte der Frauen. Für ihren Mut erhielt Elmi Amin den Alternativen Friedensnobelpreis. "Frauen können Veränderungen bewirken", ruft sie ihren Zuhörern in Berlin entgegen, "sie brauchen nur den Mut dazu!"
 
Am Ende der Veranstaltung, als sich die Konferenzräume langsam leeren, steht Venantie Bisima Nabintu vor einer großen Fensterfront. Sie blickt hinaus aufs Brandenburger Tor. In ihren Augen flackert wieder Hoffnung – Hoffnung , dass mehr Frauen in Afrika so mutig werden wie Asha Hagi Elmi Amin. Für die deutsche Entwicklungshilfe gilt es, die erarbeiteten Hilfskonzepte umzusetzen und so die Courage solcher Frauen zu unterstützen. Damit Venantie Bisima Nabintu nicht mehr vor die Mikrofone von Konferenzen wie dieser treten muss. Damit die Frauen in Afrika nie wieder solche Qualen erleiden müssen.
 
Projekte deutscher Entwicklungszusammenarbeit: Deutschland unterstützt in Afrika mit einigen Projekten bereits die Sensibilisierung von Sicherheitskräften zum Thema Geschlechterfragen. In Ghana fördert das Bundesentwicklungsministerium zum Beispiel Schulungen am "Kofi Annan International Peacekeeping Training Center." Sie sollen Mitarbeiter ziviler und militärischer Organisationen darauf vorbereiten, die Geschlechterfrage aktiv in ihre Arbeit einzubeziehen.

Darüber hinaus unterstützt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in der Demokratischen Republik Kongo die psychologische Begleitung von Opfern sexueller Gewalt.
Auch der kürzlich veröffentlichte Gender-Aktionsplan des Bundesentwicklungsministeriums untermauert das deutsche Engagement in Afrika.

Kontext

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