Die Einwohner Burundis musizieren auf Trommeln und auf Instrumenten, die uns nur wenig bekannt sind. Was ist aber, wenn eine Violine, Gitarre und Indingiti, Ikembe, Ingoma oder Umuduri zusammenkommen?
Joseph Weiß, deutscher Botschafter in Bujumbura in Burundi erzählt für das Magazin zur Entwicklungspolitik, wie er ein Projekt dieser Art in der Hauptstadt des zentralafrikanischen Landes initiierte. Das Experiment gelang. Entstanden war eine aufregende Synthese europäischer und burundischer Musikkultur.
Was tun, um als Laptop-Vertretung (kleine Auslandsvertretung) mit den minimalen Mitteln eines kargen Kulturfonds in einem Post-Konflikt-Staat etwas Abwechslung in das Leben traumatisierter Menschen zu bringen? Man sucht nach universalen Verständigungsmöglichkeiten und landet fast zwangsläufig bei Musik. Aber welche Art von Musik? Rap für ausgelassene Jugendliche, Jazz für afrikanische Intellektuelle, bayrische Blasmusik in einem Land des Bieres?
Nein, wir von der Botschaft wollten weder europäische Musik servieren noch einer Afro-Nostalgie Vorschub leisten. Wir wollten ein Experiment wagen: Europäische Violinmusik sollte mit traditioneller burundischer Musik zu einer neuartigen Synthese verschmolzen werden. Keine Rivalität, keine Unterordnung, sondern ein gleichberechtigtes Musizieren mit offenem Ausgang war das Ziel.
Dazu braucht man Musiker, die sich sowohl auf neue menschliche Erlebnisse als auch auf musikalische Abenteuer einlassen. Kein Fall für routinierte Orchestermusiker, die nur Noten reproduzieren und nichts unter Mozart gelten lassen.
Zum Glück kannte ich einen in Berlin lebenden Geiger, der für dieses Experiment in Frage kam und trotz bescheidenen Honorars Feuer und Flamme war. Schwieriger war es, geeignete burundische Musiker zu finden, die die traditionellen Instrumente (noch) beherrschen. Gleichzeitig sollten sie die Fähigkeit haben, ihre Vorstellungen innerhalb von wenigen Tagen in einem ergebnisoffenen Schaffensprozess einzubringen.
Wir hatten sie dann doch gefunden: Jean, den uralten, bescheidenen Hornviolinspieler, Bernard und Alfred, die jungen Vollblutmusiker sowie Dschinga, den intellektuellen Sammler traditioneller Musik. Hinzu kam dann noch Stephen, der burundische Sänger und Gitarrist mit der großen Sehnsucht nach einem Kontrabass. Und zuletzt noch Mihail Anton, unseren zigeunerhaften Violinisten, der auch noch zusammen mit Gießkannen und Kochtöpfen einen musikalischen Leckerbissen produzieren könnte.
Die erste Herausforderung war es bereits, alle Musiker zu etwa derselben Zeit an einem Ort zu versammeln --- und zwar mit ihren Instrumenten und allen Saiten darauf. Schon hier stießen zwei Kulturen aufeinander: die Europäer haben die Uhr, die Barundis die Zeit. Dann ging es darum, die Möglichkeiten der Instrumente zu erkunden. Kein einziger burundischer Musiker hatte jemals eine Violine gehört, geschweige denn gesehen.
Auch unser Geiger hatte noch nie jemanden gesehen, der eine einsaitige Geige aus dem Horn einer Kuh bedient hatte. Erst recht nicht die Umuduri, eine Mischung aus Saiten-und Schlaginstrument, das mit zwei Stäben gespielt wird. Sie gibt für unser Ohr ungewohnte bizarre metallische Töne von sich.
Jetzt musste eine musikalische Konzeption erarbeitet werden. Nicht einfach angesichts zweier völlig gegensätzlicher Musikauffassungen: die europäische der ständigen Entwicklung und Variation sowie die burundische der Wiederholung.
Aber man sah sofort, dass die Chemie unter unseren Musikern stimmte und dass sie das in Gang setzte, was schließlich alle mitriss: Intuition, Experimentier- und Spielfreude. Die Proben wollten kein Ende nehmen. Die Barundis waren so von der Geige fasziniert, dass zwei von ihnen sofort anfangen wollten, sie zu lernen. Dazu die langen Diskussionen der Musiker über die Rolle der Musik in den verschiedenen Ländern. Und die traurige burundische Erkenntnis, dass die eigene Musik durch die langen Jahre des Bürgerkrieges in ein Schattendasein gedrängt worden ist.
Nach drei Tagen Proben dann die erste Aufführung in der Residenz vor Mitgliedern des diplomatischen Corps. Lampenfieber und Aufregung, aber auch Stolz, etwas Neuartiges vorführen zu können. Der alte Jean hatte sich sogar einen Mantel ausgeliehen, um dem Anlass angemessen gekleidet zu sein.
Dann das Konzert: eine Mischung aus virtuosen Geigensoli und burundischen Rhythmusinstrumenten, witzigen burundischen Sprechgesängen und melancholischen Liedern. Begleitet und untermalt wurde es von europäischem Streichersound. Die Zuhörer waren begeistert, ebenso wie die Musiker, die noch nie vor so einem Publikum gespielt hatten.
Am nächsten Tag Konzert im deutschen Haus. Das Publikum viel burundischer, zudem ein Fernsehteam des staatlichen Rundfunks. Wieder Begeisterung, auch im Fernsehteam, das während der Aufführung zu tanzen anfängt. Das Ergebnis: ein 25-minütiger Fernsehbeitrag einige Tage später, in dem das Neuartige des Experiments herausgestellt und gelobt wird.
Das nächste Konzert folgte im Jugendzentrum in Kamenge, einem schwierigen Stadtteil von Bujumbura. Es ist eigentlich ein Viertel, in das sich viele Bewohner von Bujumbura und erst recht die Weißen eigentlich nicht trauen: zu viel Gewalt, zu wenig Hoffnung. Aber der richtige Ort, um diesen desillusionierten Jugendlichen ohne Perspektive etwas Abwechslung und Unterhaltung zu bieten. Einige können mit dieser musikalischen Mischung nichts anfangen, aber viele sind erstaunt, überrascht, angeregt, wenn vielleicht auch nur für kurze Augenblicke.
Schließlich das Konzert im französischen Gymnasium in Bujumbura. Völlig anderes Publikum: wissbegierige, begeisterungsfähige Kinder des Bildungsbürgertums, die beim Klang von Geigentönen „abheben“. Sie können gar nicht genug kriegen von den unendlichen Möglichkeiten dieser völlig verschiedenen Musikinstrumente und Musikstile.
Die Musiker sind stolz und wissen, dass sie musikalische Pionierarbeit geleistet haben. Ein halbstündiger Dokumentarfilm beim einzigen Filmstudio des Landes wird den Entstehungsprozess und die Konzerte aufzeichnen.
Dazu sind menschliche Bindungen entstanden bei gemeinsamen Mahlzeiten, die für Burundis mindestens genauso wichtig sind wie die Musik. Schließlich hat die große Mehrheit in diesem Land nur einmal am Tag zu essen. Die Musiker werden noch lange, vielleicht ihr Leben lang, an diese Arbeit zurück denken. Sie fragen, wann dieses Experiment eine Fortsetzung hat, machen Vorschläge für eine neue Folge, schlagen zusätzliche Musiker vor, wollen andere Städte in Burundi daran teilhaben lassen.
Eine vielfältige Dynamik hat sich in Gang gesetzt: Musiker und Menschen sind sich auf neue Weise begegnet, haben Neues gesehen und haben Neues geschaffen. Und das alles mit einer einfachen Idee und den bescheidenen Mitteln eines Botschaftsfonds!
(Autor: Joseph Weiß, deutscher Botschafter in der Republik Burundi, Bujumbura)