Ein Musiker singt gegen ethnische Barrieren, gegen Gewalt und gegen Krieg in Afghanistan - und er ist erfolgreich damit. Farhad Darya, 45, wohl Afghanistans größter Superstar, eint Menschen, wo manche es nicht mehr für möglich gehalten hätten.
Pashtunen, Hazara, Tadschiken – alle applaudieren, fiebern und singen gemeinsam mit einem Mann: Farhad Darya. Auf dem ersten Konzert, bei dem er sein neues Album „Yaahoo“ vorstellt, zeigt sich, warum der 45-Jährige einer der größten Künstler Afghanistans ist: Verschiedene ethnische Gruppierungen, viele davon verfeindet, zelebrieren zusammen und friedlich zur Musik des afghanischen Superstars.
„Er ist ein Phänomen“, staunt Andreas Schneider, Hauptinitiator der außergewöhnlichen Kooperation zwischen dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) und dem afghanischen Musiker. Die neue CD mit elf Liedern ist in Zusammenarbeit mit dem Zivilen Friedensdienst (ZFD) des DED entstanden. „Eigentlich hatte Darya seine Jahresterminplanung für 2008 schon längst abgeschlossen“, erzählt Schneider. Aufgrund der sich immer mehr verschlechternden Lage in Afghanistan habe sich der Sänger aber entschlossen, sich stärker im Versöhnungsprozess zu engagieren.
Musik setzt Akzente
"Die Inhalte unseres ZFD-Programms in Afghanistan trafen genau die Vorstellungen des Sängers", so Schneider. Für Darya sei Musik das ideale Instrument, um Akzente zu setzen für einen friedlichen Wiederaufbau und ein friedliches Miteinander ohne Waffen und Gewalt.
Darya selbst erklärt: „Wenn weiße und schwarze Tasten eines Klaviers, die eigentlich gegensätzlich anmuten, eine Harmonie erzeugen können, dann können auch die weißen und schwarzen Tasten in Afghanistan in Frieden nebeneinander existieren.“ Die Idee der gemeinsamen Produktion eines Albums war geboren.
Musik hat schon immer eine wichtige Rolle in Afghanistan gespielt. Oft stimmten sich Krieger mit traditionellen Liedern und Tänzen auf den Kampf ein. „Musik kann aber auch ein Sprachrohr für Frieden sein“, erläutert die Koordinatorin für den ZFD in Kabul, Alema Alema.
Und gerade Darya, der voriges Jahr auch zum UN-Friedensbotschafter für Afghanistan ernannt wurde, sei in diesem Zusammenhang der beste Kooperationspartner: „Seine Texte sind inhaltlich tief, wertschätzend und sprechen Jedermann an", sagt die ZFD-Koordinatorin überzeugt.
Kreative Atmosphäre
Aufgenommen wurde das Album in Unterföhring bei München - im Studio von Goar B, einem international erfahrenen Produzenten. Insgesamt haben neben dem Sänger 13 Musiker an der CD mitgewirkt. Der Münchner Produzent ist begeistert von dem afghanischen Künstler: „Darya ist unglaublich sympathisch, weltoffen, musikalisch sehr kompetent und verfügt über ein außergewöhnliches Wissen sowohl mit klassischen als auch mit ethnischen Instrumenten.“
5.000 der produzierten CD wurden im Vorfeld des Friedenstags am 21. September an alle Radiostationen in ganz Afghanistan verteilt. Die restlichen CDs wurden verschenkt. Fast 90 Prozent der Bevölkerung im Land am Hindukusch können weder lesen noch schreiben – aber fast 80 Prozent besitzen ein Radio. „Man geht von mindestens 20 Millionen Hörern aus, schätzt Schneider. „Gerade vor diesem Hintergrund war es wichtig, Farhad Darya als Multiplikator zu gewinnen.“
Hoffnung schaffen durch Musik
„Er hat mein Leben verändert“, sagt der 29-jährige Hassib Mir Suleiman auf dem Konzert zur Vorstellung des neuen Albums. In einer kurzen Ansprache schildert er die grausamen Ereignisse, die er während der Zeit der Taliban erlebt hatte. Aber auch, wie er durch die Lieder Daryas wieder Hoffnung zum Leben gewann: „Darya hat mich aus diesem Loch rausgeholt und mir gezeigt, dass es andere Wege gibt.“
„Die Lieder werden die breite Masse in Afghanistan positiv beeinflussen“, ist sich auch Koordinatorin Alema Alema sicher. Farhad Darya habe die seltene Fähigkeit, alle Volksgruppen ansprechen zu können. Hinzu kommt, dass der Künstler in fast allen Liedern in den verschiedenen Landessprachen Afghanistans, Dari und Paschtu, singt. Er sei sehr höflich, einfühlsam und respektvoll jedem gegenüber, beschreibt sie den Sänger, dessen Familie in Amerika lebt. „Sein Herz aber gehört Afghanistan.“
Und viele Herzen gehören dem Künstler. Fans und Verehrer des Sängers finden sich in jeder Bevölkerungsschicht: vom Bettler auf der Straße über den Kulturminister bis hin zum Fahrradkurier, der beim einzigen Kurierdienst arbeitet, der von Invaliden und Minenopfern betrieben wird. Und dieser Fahrradkurier bringt die Meinung vieler Afghanen auf den Punkt: „Wir brauchen keine Kriegsverbrecher, wir brauchen Leute wie Farhad Darya.“
(Autor: Max Henninger, Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes, DED, in Afghanistan)