Die Kölner Ärztin Monika Hauser ist Gründerin und Leiterin der Hilfsorganisation medica mondiale. Seit 1992 setzt sie sich für traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Auslöser für Ihr Engagement war der Bosnien-Krieg, bei dem unzählige Frauen systematisch vergewaltigt wurden. Die Gynäkologin entschließt sich vor Ort tätig zu werden. Sie baut ein Frauenzentrum auf und schließt sie sich mit bosnischen Ärztinnen und Psychologinnen zusammen.
In den weiteren Jahren weitet medica mondiale sein Engagement auf weitere Länder aus. Die Kölner Organisation gründet Therapiezentren in Afghanistan, Kosova, Albanien und Liberia. Für ihr außergewöhnliches Engagement zugunsten traumatisierter Frauen und Mädchen erhielt Monika Hauser in Schweden kürzlich den alternativen Nobelpreis. In einem Interview fragte das Magazin zur Entwicklungspolitik die Nobelpreisträgerin nach dem Engagement und Zielen ihrer Organisation:
Magazin zur Entwicklungspolitik: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Alternativen Nobelpreises! Waren Sie und Ihre Organisation sehr überrascht, als die Nachricht eintraf?
Monika Hauser: Ja, wir waren überrascht, weil ein so renommierter internationaler Preis doch eine außerordentliche Ehre bedeutet – für uns, für die Wahrnehmung unserer schwierigen Arbeit seit 15 Jahren. Üblicherweise wird das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen missachtet, ebenso wie die Gewalt gegen die Frauen selbst missachtet wird. Daher haben wir uns eigentlich nicht soviel Chancen ausgerechnet für so einen Preis.
Magazin: Wie könnte man kurz die Arbeit Ihrer Organisation beschreiben?
Monika Hauser: medica mondiale versteht sich als Anwältin für Frauen und Mädchen weltweit. Neben unserer vielfältigen Projektarbeit thematisieren wir den Skandal von sexualisierter Gewalt im Krieg und ihre Folgen. Wir unterstützen auf der einen Seite Frauen in verschiedenen Kriegs- und Krisenregionen direkt mit psychosozialer Beratung, medizinischer Hilfe, Rechtshilfe und der Schaffung von Existenzgrundlagen. Und wir initiieren andererseits Aktionen und Kampagnen, um die Öffentlichkeit über die Fakten und Ursachen sexualisierter Gewalt aufzuklären - und auf die Rechte der Frauen und Mädchen aufmerksam zu machen.
Magazin: Sie haben in Bosnien angefangen. Wie weit reicht mittlerweile das Engagement Ihrer Organisation?
Monika Hauser: Wir wollen unseren Namen mondiale in die Tat umsetzen. Daher haben wir bis heute in rund 20 Ländern Projekte unterstützt beziehungsweise eigene Zentren aufgebaut. Wir finanzieren uns etwa je zur Hälfte über Spenden und Drittmitteln von Institutionen und staatlichen Stellen. In unserer Arbeit unterstützen uns mehr als 100 ehrenamtliche Helferinnen und wir sind auch sehr froh über die Hilfe von prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern. Dies sind zum Beispiel die Journalistinnen Bettina Böttinger und Sabine Christiansen, die Schauspielerinnen Kirstin Hesse, Jenny Jürgens oder die Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann.
Magazin: Vergewaltigungen sind immer noch ein Tabuthema. Die Täter, wie beispielsweise im Kongo, sind schwer vor Gericht zu bringen. Wie sind da Ihre Erfahrungen?
Monika Hauser: Wird denn überhaupt versucht, die Täter vor Gericht zu bringen? Es ist ein Tabuthema, weil die Gesellschaft sich mit dem Thema nicht beschäftigen möchte. Frauen sind durchaus bereit, über ihre schweren Erfahrungen zu sprechen, wenn das Umfeld wohlwollend ist. Natürlich ist es allgemein schwer, über Foltererfahrungen zu sprechen. Das wissen wir auch von männlichen Folteropfern, weil es sich um einen kompletten Kontrollverlust handelt und das Opfer extreme Demütigungen erlebt hat.
Die Frauen werden häufig in ihrer Gesellschaft stigmatisiert und ausgegrenzt. Also muss ich ihnen im Bedarfsfall auch Lebensbedingungen bieten, die ihnen ein Überleben ohne ihre Familie möglich machen. Die Täter beim Ruanda-Prozess haben beispielsweise die wertvollen HIV-Medikamente bekommen, die von ihnen angesteckten Zeuginnen haben die Medikamente nicht erhalten.
Magazin: Ihre Organisation steht in Afghanistan bedrängten Frauen zu Seite. Was macht medica mondiale, und wie gehen ihre Helferinnen mit der Situation um?
Hier ist es besonders wichtig, dass uns die internationale Politik unterstützt. Eine jede lokale Kollegin, die in Afghanistan für uns arbeitet, ist sehr mutig. Mit ihrer Frauenrechtsarbeit trifft sie eine Aussage, die sie auch mit ihrer Person verbindet. Sie muss in ihrer Familie, in der Nachbarschaft oder an der Uni ständig Argumente für die Berechtigung dieser Arbeit präsentieren.
In Afghanistan herrscht gerade gegenüber Frauen sehr viel Willkür. Es gibt zwar das eigentlich ganz gute Verfassungsrecht, wo Rechte für Frauen verbrieft sind, daneben aber gelten noch die Sharia und das traditionelle Stammesrecht. Und das Stammesrecht geht mit extremer Rechtlosigkeit für Frauen einher, wie zum Beispiel dass junge Frauen bei einem Disput zwischen zwei Familien als Entschädigung in den Besitz der anderen Familie übergeben werden können.
Unserer Erfahrung nach wird - je nach Situation - von den Männern das Recht angewandt, was gerade am passendsten erscheint. Bei einer Vergewaltigung werden Mann und Frau inhaftiert. Die Frau als Vergewaltigte wird inhaftiert, weil sie vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehr hatte – dafür wird sie bestraft.
Der junge Mann wird nach ein paar Tagen von seiner Familie freigekauft, und das Mädchen bleibt im Gefängnis. Sie weiß überhaupt nicht, was sind ihre Rechte, was sind ihre Möglichkeiten, wie lange wird sie dort bleiben müssen.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Sie kümmern sich auch um die Frauen in den Kabuler Gefängnissen. Welche Schicksale treffen sie dort an, mit welchen Mitteln können Sie helfen?
Monika Hauser: Elf-, zwölfjährige Mädchen laufen vor einer Zwangsverheiratung mit einem 50-Jährigen davon, werden von der Polizei aufgegriffen und wegen moralischer Delikte ins Gefängnis gesteckt. Frauen wegen vermeintlichen Ehebruchs ebenso. Diese Frauen sind völlig rechtlos.
Unsere von uns über Jahre hinweg geschulten Juristinnen vertreten diese Frauen und erkämpfen ihr Recht. Sehr oft können diese Frauen freikommen, allein schon weil Verfahrensfehler nachgewiesen werden können. Zum Beispiel weil bei der Inhaftierung keine Polizeiakte existierte, weil im Gefängnis keine Akte angelegt wurde oder weil der Richter überhaupt keinen Prozess angestrebt hat.
Der andere Teil der Arbeit ist, einen adäquaten Platz nach der Haft für die Frauen zu finden. In ihren Familien und Gesellschaften sind die Frauen gefährdet, daher versuchen wir mit Mediation in den Dörfern, mit den Familien, den Dorfältesten überhaupt Akzeptanz zu schaffen, damit eine haftentlassene Frau wieder zurück kann.
Zwangsheirat ist ebenfalls ein Thema Ihrer Organisation, wie gehen sie da vor?
Wir schätzen, dass 70 bis 80 Prozent der afghanischen Frauen zwangsverheiratet werden, die meisten sehr jung, häufig noch im Kindesalter. Damit geht eine ganze Generation der afghanischen Gesellschaft verloren, weil diese Mädchen nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Auch wenn sie erst elf oder zwölf Jahre alt sind. Sie sollen so schnell wie möglich Kinder bekommen und dann sind viele dieser Frauen mit 20 oder 25 Jahren seelische und körperliche Wracks. Sie sind dann überhaupt nicht mehr fähig über eigene Perspektiven nachzudenken.
Afghanistan als junger Staat braucht aber den weiblichen Teil seiner Bevölkerung. Frauen haben viele Kompetenzen. Nicht weil sie die besseren Menschen sind, sondern aufgrund ihrer Lebensumstände. Sie haben hohe Kompetenzen in Verhandlungen oder beispielsweise in Kommunikation. Ihre Fähigkeiten sind unerlässlich für den demokratischen Aufbau.
Wir gehen mit öffentlichen Kampagnen und politischer Arbeit gegen die Zwangsverheiratung vor. Wenn sich Frauen gegen eine Zwangsverheiratung wehren, wird es oft lebensgefährlich für sie. Sie werden Opfer von so genannten Ehrenmorden. Oder aber, sie versuchen sich aus schierer Verzweiflung durch Selbstverbrennung zu töten – in meinen Augen ist das ebenfalls Mord.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Die Wahrnehmung von Veränderung und neue Impulse. Die Erfolge, die wir mit unserer Arbeit zum Beispiel in Afghanistan erzielen können, kommen leider in der Weltpresse kaum vor. Wichtig ist, dass die Realität der afghanischen Frauen bekannt wird, und dass wir selbstverständlich viel erreichen können. Auch hierbei ist es besonders wichtig, dass uns die internationale Politik unterstützt.
Wir machen vor, wie es im Kleinen gehen kann und haben Männer hinter Gitter gebracht, die ihre Frauen halb zu Tode geschlagen oder Kinder vergewaltigt haben. Das zeigt, man muss es einfach tun und dann sind auch viele Dinge möglich.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg für Ihre wichtige Arbeit.