Noch immer sind Mädchen und Frauen im weltweiten Vergleich stark benachteiligt. Dabei leisten sie weltweit den Großteil unbezahlter Arbeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Zusätzlich sind Mädchen und Frauen verschiedenen Formen von Gewalt ausgeliefert. Neben häuslicher Gewalt, die weltweit die häufigste Form von Gewalt an Frauen darstellt, sind sie traditionsbedingter Gewalt ausgesetzt.
Dazu gehören unter anderem Zwangsheirat und Verbrechen im Namen der Ehre sowie Genitalverstümmelung. Millionen Mädchen und Frauen, vorwiegend aus Afrika und Asien, sind betroffen. Allerdings sind die Probleme nicht auf diese Teile der Welt beschränkt. Durch die globale Migration werden Frauen über jegliche Grenzen hinweg Opfer traditionsbedingter Gewalt.
Eine der wohl schwerwiegendsten Formen ist die weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation, kurz FGM). Weltweit wird alle elf Sekunden ein Mädchen an seinen Genitalien verstümmelt. Diese Praxis ist noch immer in 28 afrikanischen Ländern, im Süden der arabischen Halbinsel sowie in Teilen Asiens verbreitet.
Unter unhygienischen Bedingungen und ohne Narkose werden den Mädchen dabei Klitoris und Teile der Schamlippen abgeschnitten. Die stark blutende Wunde wird in fünfzehn Prozent der Fälle bis auf eine winzige Öffnung zugenäht - mit lokal verfügbaren Materialien wie Tierhaar, Bindfaden oder Dornen. Viele Mädchen und Frauen verbluten, sterben an Schock oder an späteren Infektionen.
Unbeschnitten jedoch gelten sie in ihren Heimatländern als „unrein“, werden sozial ausgegrenzt und finden meist keinen Ehemann. Dies sind Gründe, warum Beschneiderinnen oft der Überzeugung sind, Gutes zu tun. Sie kennen die gravierenden medizinischen Folgen ihrer Arbeit schlichtweg nicht oder sind auf die Einkünfte ihrer Beschneidungstätigkeit angewiesen.
Mädchen und Frauen, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden, leiden meist ein Leben lang unter den Spätfolgen. Dies sind chronische Entzündungen, Fisteln, drastisch erschwerte Geburten und posttraumatische Belastungsstörungen. Zudem begünstigen mangelnde Hygiene während des Eingriffs und späteres Einreißen des vernarbten Genitalgewebes die Verbreitung von HIV/Aids. Menschenrechtsorganisationen sehen in der Kontrolle und Unterdrückung weiblicher Sexualität das eigentliche Motiv der Verstümmelung.
Eine weitere Ausprägung traditionsbedingter Gewalt sind Verbrechen im Namen der Ehre. Dabei bezieht sich das Ehrverständnis auf das einwandfreie moralische und sexuelle Verhalten der weiblichen Familienangehörigen. Den Männern kommt nach diesem patriarchalischen Ehrenkodex die Aufgabe zu, ihren „Besitz Frau“ streng zu überwachen.
Verhält sich ein Mädchen oder eine Frau nicht „keusch“, brandmarkt sie damit nicht nur sich selbst. Sie brandmarkt auch all diejenigen, die ihr durch Verwandtschaft oder Heirat nahe stehen. Die Bewahrung oder Wiederherstellung der Familienehre, notfalls mit Gewalt, gilt als Pflicht des Mannes. Zumeist wird die Bestrafung der Frau seitens der Familienmitglieder und der Gemeinschaft legitimiert oder sogar eingefordert.
Bei Verbrechen im Namen der Ehre handelt es sich nicht um ein explizit religiöses Phänomen. Sie sind in allen streng patriarchalischen Gesellschaften zu finden. Der patriarchalische Ehrbegriff überschreitet sowohl politische als auch gesellschaftliche Grenzen.
So ist beispielsweise das Phänomen der Zwangsheirat aus muslimischen aber auch aus christlichen oder hinduistischen Familien bekannt. Im extremsten Fall wird versucht, die verletzte Ehre mit einem Mord wiederherzustellen. Diese sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs, auch Zwangsheirat und Kinderehen, Säureattentate sowie Mitgiftmorde werden aus Gründen der Ehre verübt.
Laut UN-Weltbevölkerungsbericht werden jährlich 5.000 Mädchen und Frauen im Namen der Ehre ermordet. Es ist aber von einer viel höheren Dunkelziffer auszugehen. In mindestens zwölf Ländern, darunter Jordanien, Syrien und Ägypten, existieren Gesetze, die eine Strafmilderung für Morde aus Gründen der Ehre vorsehen.
Terre des Femmes hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen und Frauen ein selbstbestimmtes und freies Leben zu ermöglichen. Es ist unser Ziel, weiblicher Genitalverstümmelung und Verbrechen im Namen der Ehre ein Ende zu setzen.
In vielen Ländern engagieren sich mutige Aktivistinnen für den Schutz von bedrohten Frauen und für eine Veränderung der traditionellen Frauenrolle. Unterstützt von Terre des Femmes wenden sie sich an die Öffentlichkeit, leisten Aufklärungsarbeit und bieten in vielfältiger Weise Rückhalt und Hilfe.
Eine von ihnen ist Aylin Korkmaz, die einen versuchten „Ehrenmord“ ihres Ex-Ehemanns nur knapp überlebte. Ihr Martyrium begann mit 20 Jahren, als sie gegen ihren Willen verheiratet wurde. Jahrelang ertrug sie Gewaltattacken und Demütigungen ihres Mannes, bis sie den mutigen Entschluss fällte sich scheiden zu lassen.
In seiner Ehre verletzt, suchte ihr Ex-Mann sie an ihrem Arbeitsplatz auf und stach 26-mal auf sie ein, bis er sie für tot hielt. Doch Aylin Korkmaz überlebte. Seitdem tritt sie trotz der schweren körperlichen und seelischen Verletzungen an die Öffentlichkeit. Sie berichtet offen über ihren Lebens- und Leidensweg und gibt damit Opfern und Überlebenden von „Ehrenmorden“ eine Stimme.
Aylin Korkmaz: „So viele Frauen leiden unter gewalttätigen Männern und haben Angst, sich zu wehren. Viele mussten deswegen sterben. Dass ich überlebt habe, ist ein Wunder. Deshalb möchte ich denen, die keine Stimme mehr haben oder sich nicht trauen, Mut machen.“
Sie setzt sich für Frauen ein, die in ihren Ehen unterdrückt und misshandelt werden und kämpft für einen Mentalitätswandel und die Gleichberechtigung der Frau. Mit ihrem Engagement will sie Frauen ermutigen, gemeinsam eine Perspektive aus der scheinbar ausweglosen Situation zu finden.
Auch sieben von Terre des Femmes unterstützte Selbsthilfeprojekte im Ausland ermöglichen es Frauen, mutig an die Öffentlichkeit zu treten. Eines davon ist die afrikanische Selbsthilfeorganisation CAFGEM (Community Against Female Genital Mutilation).
Unter dem Motto „Bildung statt Verstümmelung“ kämpft die Organisation seit vielen Jahren erfolgreich gegen Genitalverstümmelung in Kenia. CAFGEM-Mitarbeiterinnen ziehen mit Aufklärungskampagnen von Dorf zu Dorf. So erreichen sie auch abgelegene Siedlungen, um dort über die Schädlichkeit der weiblichen Genitalverstümmelung zu informieren. Im CAFGEM-Kindergarten werden Kinder mit Hilfe von Puppen spielerisch aufgeklärt. Erwachsenen Frauen bietet die Organisation Alphabetisierungskurse und Seminare zu Familienplanung und Gesundheit an.
Daneben hilft CAFGEM Frauen durch Einkommen schaffende Maßnahmen und stärkt so ihre Position in der Gemeinschaft. Sie erhalten Saatgut oder Esel, um Wasser zu transportieren und selbstangebautes Gemüse zum nächsten Markt zu bringen. Die Stärkung afrikanischer Frauen, die gegen FGM die Initiative ergreifen, trägt wesentlich zur Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung bei. „Erst wenn wir klar formulieren, was FGM wirklich ist, wie es sich anhört, wie es aussieht, werden wir einen Weg finden. Nur so können wir der kommenden Generation die wirkliche Bedeutung zeigen. Es ist als würden deine Lippen abgeschnitten, deine Nase, deine Ohren, deine Augen“, so die kenianische CAFGEM-Mitarbeiterin Maria Wandera.
Am 6. Februar ist der Internationale Tag „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung“. Hier können sich Menschen auch in Deutschland mit den Betroffenen solidarisch zeigen und über die noch immer weit verbreitete Menschenrechtsverletzung aufklären.
(Autorinnen: Lena Köpke und Steffi Siegle, Terre des Femmes, Tübingen)
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