Im Krieg sind alle Kinder Opfer. Moses und Josephine waren erst 12 beziehungsweise 13 Jahre alt, als sie von der Lord Resistance Army (LRA) im Norden Ugandas entführt wurden. Anschließend mussten beide für mehrere Jahre unter unmenschlichen Bedingungen als Soldaten der LRA im Busch leben.
Lucie war 14, als sie vergewaltigt wurde. Und Christine musste mit acht Jahren erleben, wie ihr Dorf von Kindersoldaten der LRA niedergebrannt und ihr Vater erschossen wurde.
In den gewaltsamen Konflikten überall in der Welt sind es vor allem Kinder und Jugendliche, deren Entwicklung in oft unvorstellbarer Weise zerstört wird. Gleichzeitig ist es genau diese Gruppe, die ein paar Jahre später das Überleben ihrer Familien sichern muss und die Geschicke ihres Landes lenken soll.
Das „Rebound“-Projekt im Pader Distrikt in Nord-Uganda hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diesen Kinder und Jugendlichen zu helfen. Sie sollen unterstützt werden, sich eine friedliche Lebensperspektive zu erarbeiten.
Im Norden, sieben Autostunden von der ugandischen Hauptstadt Kampala entfernt, liegt der Distrikt Pader. Auf rund 8.000 Quadratkilometern leben hier rund 300.000 Menschen überwiegend in Flüchtlingslagern, die auf den ersten Blick wie kleine Dörfer aussehen.
Unter dem Druck der Regierung wurde die Bevölkerung in Flüchtlingslager umgesiedelt. Dort sind sie unter oft katastrophalen hygienischen Bedingungen und ohne wirtschaftliche Grundlage auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen angewiesen. Die permanente Angst vor Übergriffen, extrem schlechte Bildungsmöglichkeiten und fehlende Perspektiven haben den Menschen oft jedes Selbstbewusstsein geraubt.
Im Schatten des bekannteren Nachbarbezirkes Gulu gelegen fehlt es hier an fast allem. In der Hauptstadt des Distrikts, Pader Stadt, gibt es wie in den meisten Orten der Region keinen Stromanschluss und das Wasser muss aus Brunnen geholt werden. Manche Geschäfte haben Generatoren, aber in den meisten Haushalten geht mit dem Sonnenuntergang das Licht aus. Asphaltierte Straßen gibt es keine, dafür warten Fahrradtaxis auf ihre Kunden.
Über 20 Jahre herrschte hier ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung und der „Widerstandsarmee des Herrn“, der Lord Resistance Army unter ihrem Anführer Joseph Kony. Mehr als 100.000 Menschen sind diesem Krieg bereits zum Opfer gefallen. Kony, der vom internationalen Strafgerichtshof unter anderem wegen Zwangsrekrutierung von Kindern angeklagt wird, ist für die Entführung und Versklavung von mindestens 25.000 Kindern und Jugendlichen verantwortlich.
Sie wurden nicht nur gezwungen zu kämpfen, sondern auch Gräueltaten gegen ihre eigenen Familien, Gemeinden oder Mitsoldaten zu begehen. Viele der Mädchen wurden den Anführern als „Ehefrauen“ zur Verfügung gestellt - mit anderen Worten: zu Sexsklavinnen gemacht. In der Region ist eine Generation herangewachsen, für die Frieden und Sicherheit lange Zeit ein frommer Wunsch waren.
Seit etwa zwei Jahren ist es ruhiger geworden in Nord-Uganda. Kony ist in der Demokratischen Republik Kongo beziehungsweise im Süd-Sudan untergetaucht. Ganz langsam normalisiert sich die Situation. Mit der Normalisierung verschwinden aber auch die Hilfsorganisationen. Dabei werden sie gerade jetzt benötigt, um vor allem die jungen Menschen zu unterstützen.
Hier setzt das von dem Unternehmen Jack Wolfskin und dem BAP-Musiker Wolfgang Niedecken geförderte und von World Vision durchgeführte Projekt „Rebound“ an. Nach Jahren in LRA-Gefangenschaft oder in Flüchtlingslagern sind viele Jugendliche nicht mehr in der Lage, an einem regulären Schulunterricht teilzunehmen. Missbrauchte junge Frauen wie Lucie mit ihrem fünf Jahre alten Sohn, haben ohne Hilfe von außen keine Chance auf eine Ausbildung.
„Rebound“ versucht, Kindersoldaten und anderen vom Krieg betroffenen Jugendlichen durch Ausbildungsprogramme in den Bereichen Hauswirtschaft und Baugewerbe eine Chance zu geben. Eine Einführung in die Betriebswirtschaft und ein kleines Startkapital sollen es ihnen ermöglichen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. So hofft der heute 19-jährige ehemalige LRA-Kämpfer Moses, durch seine Ausbildung als Schreiner später aktiv zum Wiederaufbau beitragen zu können. Gleichzeitig möchte Moses für sich und seine Familie sorgen können.
World Vision arbeitet in Nord-Uganda gezielt mit öffentlichen Einrichtungen zusammen. Oft ist es schwierig, diese Zielgruppe in staatliche Schulen zu integrieren. Die beiden einzigen öffentlichen Berufsschulen im Distrikt Pader sind völlig unzureichend ausgestattet.
Es wichtig, keine Parallelstruktur zur Arbeit der Nichtregierungsorganisationen aufzubauen. Deshalb muss die Nachhaltigkeit dieses Ansatzes gewährleistet werden. Gleichzeitig müssen mit der Maßnahme vorhandene Einrichtungen unterstützt werden. Außerdem darf der Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden.
Kinderrechtsclubs und Maßnahmen der Friedenserziehung an allen öffentlichen und privaten Berufsbildenden Einrichtungen des Pader Distrikts ergänzen das Ausbildungsprogramm.
Tänze, Lieder und Rollenspiele helfen den Jugendlichen, den Spaß am Leben wieder zu finden sowie die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und darüber zu sprechen. Durch öffentliche Theatervorstellungen zu Themen der gewaltfreien Konfliktlösung und durch überregionale Wettbewerbe und Friedensfeste werden Täter und Opfer des Bürgerkriegs zu Akteuren - wie Moses und Lucie. Sie sind die Hoffnungsträger für eine friedliche Entwicklung im Norden Ugandas.
(Autor: Steffen Emrich, Referent für Friedensförderung, World Vision Deutschland)