Afrika

Boom am Nigerdelta? Mit Bundespräsident Köhler in Nigeria

Der Airbus „Konrad Adenauer“ der Flugbereitschaft verlässt Deutschland am Morgen eines grauen Novembertags in Richtung Süden. An Bord: Bundespräsident Horst Köhler und seine Delegation. Wenige Stunden später erfolgt die Landung bei Sonnenschein und über 30 Grad. Dieser Kontrast ist symbolisch für das Reiseziel des Bundespräsidenten.

Nigeria gilt als ein Land enormer Gegensätze. Die meisten Deutschen werden es mit Korruption, Verfall, Slums und Öl assoziieren. Doch auch hier zeigt sich erneut, dass Reisen bildet und dabei hilft, hergebrachte Stereotype zu revidieren.

Die Straße vom Flughafen ins Stadtzentrum der neuen Hauptstadt Abuja ist in gutem Zustand. Bäume säumen den Straßenrand. Alles macht einen gepflegten Eindruck. Slums, die in den meisten afrikanischen Staaten direkt an den Flughafen grenzen, findet man hier nicht. Auch in der Innenstadt sieht es nicht so aus, wie sich die meisten Europäer wahrscheinlich Nigeria vorstellen. Doch Abuja ist nicht repräsentativ für Lagos oder Kano, die weiteren Stationen des Bundespräsidenten. Nigeria ist tatsächlich ein Land voller Kontraste, aber doch ganz anders, als man es sich vorgestellt hat.

Auf Grund seines Rohstoffreichtums und der vorsichtigen Reformbemühungen unter Präsident Umaru Yar’Adua wächst nun auch in Deutschland das Interesse an dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier war bereits im August 2007 dort, sein Staatssekretär Heinrich Tiemann im April dieses Jahres.

Vom 7. bis 12. November 2008 besuchte nun Bundespräsident Horst Köhler Nigeria. Ein Land, dessen Probleme – aber auch Zukunftschancen - enorm sind. So ist es nicht verwunderlich, dass sich das deutsche Staatsoberhaupt im Rahmen seines 6. Staatsbesuchs in Afrika viel Zeit für seinen Aufenthalt in Nigeria nahm. Begleitet wurde Köhler von einer umfangreichen Delegation aus Politik und Wirtschaft.

„Nigeria ist mit über 250 Ethnien und mehr als 430 Sprachen und Dialekten, mit seiner geographischen und religiösen Vielfalt ein Mikrokosmos des ganzen Kontinents.“ Beim Empfang in der deutschen Botschaft in Abuja betonte der Bundespräsident den besonderen Charakter seines Reiseziels. Mit 140 Millionen Einwohnern und enormen Erdöl- und Gasvorkommen gilt das Land am Nigerdelta in Berlin inzwischen als einer der wichtigsten strategischen Partner Deutschlands in Afrika.

Herzenssache: Partnerschaft mit Afrika

Zum Auftakt seines Besuchs nahm Horst Köhler am vierten Afrika-Forum seiner Initiative „Partnerschaft mit Afrika“ teil. Europas Nachbarkontinent liegt dem Bundespräsidenten seit Beginn seiner Amtszeit besonders am Herzen. Im Rahmen der diesjährigen Veranstaltung beschäftigten sich die Teilnehmer mit den Hürden, mit denen Afrikaner und Deutsche auf dem Weg zu einer echten Partnerschaft konfrontiert werden. In drei Arbeitsgruppen beschäftigte man sich mit den Barrieren auf politischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet.

Mit seiner Afrika-Initiative möchte der Bundespräsident einen offenen und  unvoreingenommenen Dialog zwischen Deutschen und Afrikanern fördern: „Die Sichtweise des jeweils Anderen zu kennen und anzuerkennen, ist eine wichtige Voraussetzung, um Misstrauen und Vorurteile abzubauen.“

Die Gastgeber, Nigerias Präsident Umaru Yar’Adua und Bundespräsident Köhler, zeigten sich während der abschließenden Pressekonferenz mit dem Verlauf der Veranstaltung zufrieden. „Es hat sich gelohnt! Ich habe dazugelernt“, so der Bundespräsident. Sein nigerianischer Amtskollege sprach von einer „extrem wichtigen Initiative“ und „sehr fruchtbaren Diskussionen“. Das nigerianische und deutsche Staatsoberhaupt gingen auch auf das Thema Blutöl (gestohlenes und illegal exportiertes Öl) ein. Den illegalen Handel mit Rohstoffen bezeichneten beide als eines der großen Probleme Afrikas.

Unterzeichnung einer Energiepartnerschaft

Während des anschließenden Staatsbesuchs in Abuja, Lagos und Kano standen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern im Mittelpunkt. Nigeria ist der achtgrößte Erdölexporteur der Welt. Trotz des Reichtums an Energieressourcen ist jedoch die Energieinfrastruktur in Nigeria unzureichend. Im Rahmen des Staatsbesuchs konnten eine wichtige Vereinbarung zur Energiepartnerschaft sowie ein Abkommen zum Ausbau der Zusammenarbeit mit der Lufthansa unterzeichnet werden.

Durch die Kooperation im Erdgassektor und bei der Stromversorgung soll der nigerianische Energiehaushalt bis 2020 mehr als verdoppelt werden. Deutsche Firmen liefern Nigeria ihre Expertise für den Ausbau der Energieinfrastruktur. Traditionelle und alternative Formen der Stromerzeugung sollen beim Ausbau der nigerianischen Energieinfrastruktur gleichermaßen zum Zug kommen.

Lufthansa möchte zukünftig häufiger nach Nigeria fliegen und Abuja zum Drehkreuz für Westafrika ausbauen. Den Nigerianern bietet man unter anderem eine Zusammenarbeit beim Ausbau der Infrastruktur des Flughafens und der Ausbildung des Flugpersonals an. Deutschlands größte Fluggesellschaft unterstreicht, dass es sich um ein langfristiges Engagement handele und man hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung des Landes optimistisch sei.

"Unsere Herausforderungen sind Ihre Chancen!"

Die nigerianischen Gesprächspartner in allen Städten betonten gegenüber den deutschen Gästen: „Unsere Herausforderungen sind Ihre Chancen!“ Sie sehen vor allem in den Bereichen Energie, Infrastruktur, Abfallmanagement sowie im Gesundheitswesen große Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft.

Die angereisten Vertreter deutscher Unternehmen wissen, dass Korruption und Misswirtschaft – trotz erkennbarer Reformbemühungen der Regierung – noch immer den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen stark behindern. Sie wissen aber auch: Für gut vorbereitete Unternehmen mit Durchhaltevermögen bieten sich jedoch enorme Chancen.

Dies ist auch die Sichtweise der Vorsitzenden des Afrika-Vereins, Bianca Buchmann. Als Mitglied der Wirtschaftsdelegation fällt ihr Urteil positiv aus. Ich habe ein „verändertes, moderneres und offeneres Nigeria“ gesehen, betont sie. Ihre Gespräche hätten gezeigt, dass man die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland ausbauen wolle. Die Nigerianer seien sich jedoch bewusst, dass ihr Land ein Imageproblem habe. Chancen für die deutsche Wirtschaft sieht sie insbesondere in den Bereichen Energie, Maschinenbau, Infrastruktur und Gesundheitswesen.

Deutschen Unternehmen, die in Nigeria investieren möchten, empfiehlt Buchmann Durchhaltevermögen, lokale Partner und eine umfassende Informationsbeschaffung. Vertragsverhandlungen sind in den meisten afrikanischen Ländern sehr schwierig. Ein großer Vorteil für deutsche Unternehmen sei der gute Ruf in Nigeria: „Von uns erwartet man nur Seriosität“, so Buchmann.

Lagos wird zur Megastadt

Erstaunt erfuhren manche Delegationsmitglieder bei ihren Gesprächen in Lagos, dass die ehemalige nigerianische Hauptstadt bereits im Jahr 2015 nach Einwohnern die drittgrößte Stadt der Welt sein wird. Wenig bekannt war auch, dass „Nollywood“ mit 250.000 Arbeitsplätzen und ungefähr 2.000 Filmproduktionen pro Jahr nach Hollywood und Bollywood bereits der drittwichtigste Standort der Filmindustrie ist.

Besonderes Interesse fanden auch die Bereiche Abfallmanagement, Gesundheit und Energie als Schwerpunkte einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland.

Vor dem Abflug nach Deutschland stand noch ein Besuch beim Emir von Kano, Alhaji Ado Bayero, auf dem Programm. Während des Aufenthalts in seinem Palast sowie bei der farbenprächtigen traditionellen Durbar-Zeremonie und der eindrucksvollen Reiterparade zu Ehren des deutschen Präsidenten fühlten sich die Gäste in eine Atmosphäre aus 1001 Nacht versetzt.

Insgesamt stand die Reise ganz im Zeichen eines wachsenden strategischen Interesses von Deutschland an Afrika. Die wirtschaftliche und politische Zukunft Nigerias ist noch ungewiss. Gewiss ist: Bundespräsident Köhler und seine Delegation zeigten sich von der Reise nach Nigeria sichtlich beeindruckt.

(Autor: Hendrik Schott, Deutschland-Korrespondent für Südafrikas größtes Medienunternehmen Naspers in Kapstadt und Vorstandsmitglied des Vereins der Ausländischen Presse in Deutschland)

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