Bereits am frühen Morgen bilden sich lange Warteschlangen vor der „Clinica Nuestra Senora de Guadalupe“ in Ecuador. Erwachsene und Kinder warten geduldig vor der Zahnarztklinik auf die Behandlung. Obwohl die Patientinnen und Patienten häufig mehrere Stunden Anreise über teilweise unwegsames Gelände hinter sich haben, nehmen sie auch noch weitere Stunden Wartezeit in Kauf.
Doris Brinkmann aus Münster hat sich im Sommer diesen Jahres freiwillig und auf eigene Kosten um die Patienten in Guadalupe gekümmert. Sie ist eine ausgebildete Dentalhygienikerin. Die Anreise in die abgelegene Region war etwas beschwerlich. Außerdem musste sie feststellen, dass in den Provinzen kaum Englisch, sondern nur Spanisch gesprochen wird.
Missen möchte sie diese Zeit trotzdem nicht. Sie empfindet die Zeit als wertvolle Erfahrung. Außerdem begegneten ihr die Ecuadorianer sehr freundlich und hilfsbereit. Der Dank für eine erfolgreiche Behandlung der armen Patienten? Ein Dankeschön und ein Lächeln, das für weitere Behandlungen motivierte.
Das achthundert Seelen zählende Dorf Guadalupe liegt im Tal des Yacuambi am Ostabhang der Anden im Süden Ecuadors. Guadalupe ist schon seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts Sitz einer katholischen Missionsstation. Was den Menschen aber lange fehlte, war die medizinische Versorgung.
Eingeweiht wurde die Klinik am 9. November 2001. Der „Förderkreis Clinica Santa Maria e.V.“ hat die Einrichtung gestellt und unterhält die Zahnstation innerhalb der Klinik personell und materiell. Der Förderkreis mit Sitz in Bühl/Baden-Württemberg rekrutiert die deutschen Zahnärzte, Dentalhygieniker und Zahntechniker. Bereits über 150 sind bisher vor Ort im Einsatz gewesen und haben rund 11.000 Patienten versorgt.
Zu den Zahnärzten gehört auch Dr. Simone Kock aus Weißwasser in Sachsen. Auch sie hat nur beste Erinnerungen an ihre Zeit im April 2008 in Guadalupe. Sie wollte dem Berufsalltag in Deutschland für eine Zeit lang entfliehen und armen Menschen helfen. Vor Ort wurde sie von Lida, einer einheimischen Zahnarzthelferin unterstützt.
Die Zusammenarbeit klappte auch trotz des spanisch-englischen Sprachmixes sehr gut. Erstaunt war Simone Kock, wie fließend und ruhig die Arbeit verlief – trotz des oftmals großen Patientenansturmes. Besonders angenehm empfand sie die heimische Saraguromusik, die im Hintergrund laufen musste. Darauf legte ihre Kollegin Lida stets großen Wert.
Erschrocken war Simone Kock über die großen Zahndefekte vor allem der jungen Patienten, die eng mit den Ernährungsgewohnheiten zusammenhängen. Aber erstaunlich viele Patienten stellten sich bei saniertem Gebiss ausschließlich zur Zahnreinigung vor.
Offen waren die Patienten für eine gute Aufklärung zur Vorsorge. Dabei war immer wieder Raum für kreative Ideen. Die Aufklärungsarbeit muss bei den Eltern geleistet werden. Und die Kinder müssen lernen, wie man richtig seine Zähne putzt.
Deshalb dachte sich Doris Brinkmann gemeinsam mit Kollegen ein Rollenspiel aus, mit dem sie in Kindergärten ging. Die Handpuppe Kroko, die nicht Zähne putzen wollte und irgendwann Zahnschmerzen bekam, sollte die Kinder zum richtigen Zähneputzen motivieren.
Einen positiven Nebeneffekt hatte der Bau der Klinik, mit dem zuvor keiner gerechnete hatte. Aufgrund der langen Anreisezeiten und der langen Wartezeiten ist der Besuch der Klinik häufig an einem Tag nicht möglich. Deshalb entstanden kleine Kolonialwarenläden mit einem zunächst dürftigen Angebot. Aufgrund der Nachfrage entstanden weitere Mini-Supermärkte, die für den Lebensunterhalt mehrerer Familien sorgen.
Auch gibt es mittlerweile mehrere Restaurants, die zuvor noch völlig unbekannt waren. Der Busverkehr zwischen der Provinzhauptstadt Zamora und Guadalupe wurde ausgebaut. Eine Ziegelei, ein Bauunternehmen und eine Schreinerei sorgen für weitere Arbeitsplätze und verhindern die Landflucht.
Somit hat der Verein mit seiner freiwilligen Arbeit ganz nebenbei ein kleines Wirtschaftswunder geschaffen.