Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, wirft für das Magazin zur Entwicklungspolitik einen Blick auf den chinesischen Buch- und Medienmarkt:
Kein Zweifel: Der chinesische Buchmarkt ist im Umbruch – der politischen scheint jetzt eine kulturelle Öffnung zu folgen. Der Prozess der Digitalisierung trägt seinen Teil dazu bei. Wir sind informiert über Chinas Staudammprojekte, seinen CO2-Ausstoß, Chinas Devisenreserven, und beobachten genau die politische Öffnung des Milliardenreiches.
In einem jedoch blicken wir immer noch wie mit Kinderaugen auf China: Die Kultur der 1,3 Milliarden Chinesen ist uns fremd geblieben. Auch wenn jetzt deutsche Schulkinder Chinesischunterricht bekommen und der deutsch-chinesische Austausch im Hochschulbereich regelrecht boomt.
Im Jahr 2004 wurde gerade einmal ein Buch aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt, 2006 waren es neun. In umgekehrter Richtung, also Übersetzungen aus dem Deutschen ins Chinesische, sind es rund 450 übersetzte Titel pro Jahr. Das neu übersetzte Buch von Eileen Chang, „Gefahr und Begierde“, ist so eine Ausnahme - wie es 1985 der Roman der Schriftstellerin Zhang Jie, „Schwere Flügel“, war.
"Das internationale Verlagswesen schenkt dem chinesischen Verlagswesen eine noch nie dagewesene Aufmerksamkeit. „Dies sagte die ranghöchste Vertreterin der chinesischen Delegation, Li Dongdong, auf einer Pressekonferenz auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.
Die Pläne des Milliardenreiches für den Ehrengastauftritt 2009 werden mit Spannung erwartet. Es werde eine "Olympiade der Bücher", so die stellvertretende Ministerin der General Administration of Press and Publication (GAPP).
Ein Jahr vor dem Ereignis steht die grobe Struktur des Auftritts fest: Rund 80 chinesische Autoren werden nach Frankfurt kommen, auch Literaten aus Macao, Hongkong und Taiwan werden mit dabei sein. Dazu kommt ein groß angelegtes Rahmenprogramm, in dem alle Kunstsparten vertreten sein sollen. Ein Schwerpunkt ist die Einrichtung eines Programms, welches für die Übersetzung chinesischer Bücher ins Deutsche beziehungsweise Englische rund 500.000 Euro zur Verfügung stellt.
Auf die Frage nach dem Stellenwert der Zensur in China sagte Li Dongdong, die Vielzahl der Medien in China spreche für sich. Tatsächlich hat sich seit der Öffnung Chinas nach Außen vor 30 Jahren viel auf dem Medienmarkt getan. 1978 erschienen15.000 Titel, im Jahr 2006 waren es 230.000 in einer Auflage von 6,4 Milliarden.
Fast 600 Staatsverlage gibt es in China, sie allein sind offiziell berechtigt, zu publizieren und ISBN-Nummern zu vergeben. Daneben arbeiten so genannte "Kulturfirmen" bislang in einer rechtlichen Grauzone, vergleichbar etwa mit "Packagern": Sie fertigen vom Lektorat bis zum Druck ganze Bücher; die staatlichen Verlage geben ihr Siegel und damit die ISBN-Nummer, ohne die eine Publikation nicht möglich ist.
Diese privaten Verlage reiten auf einer Welle, die mit dem Internet über uns alle, aber ganz besonders über China hereinbrach. Sie war auch Hauptthema der diesjährigen Buchmesse: die Digitalisierung.
Denn die privaten chinesischen Verlage sind eng vernetzt mit Bloggern und finden ihre Themen zunehmend im Netz. Durchschnittlich 20 Prozent der chinesischen Bestsellertitel des vergangenen Jahres stammten ursprünglich aus dem Cyberspace. So das Ergebnis von Untersuchungen des Buchinformationszentrums (BIZ) Peking und der bedeutendsten Branchenzeitschrift in China, dem "China Book Business Report".
Chinas Einfluss auf den weltweiten Prozess der Digitalisierung wird sich nach Einschätzungen von Branchenexperten weltweit in den nächsten fünf Jahren verdreifachen. Neun Millionen regelmäßige Konsumenten von Unterhaltungsliteratur im Netz zählte eine kürzlich veröffentlichte Marktstudie. Das entspricht einer Steigerung von fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Nach Angaben des China Press and Publishing Journals gibt es in China derzeit über 70 Millionen Blogs und 47 Millionen aktive Blogger. Fast 600 Millionen Menschen benutzen ein Handy, mehr als in den Vereinigten Staaten und Indien zusammen, die an zweiter und dritter Stelle liegen.
Auf dem chinesischen Binnenmarkt haben heimische Internetfirmen bereits Riesen wie Google, Ebay, Amazon oder Yahoo überholt. Laut einer Untersuchung von Morgan Stanley liegen auch die Gewinne dieser chinesischen Internetfirmen weit vor denen ihrer Pendants anderswo auf der Welt.
Der Fluss von Informationen ist jetzt so leicht – und so wichtig – wie noch niemals zuvor. Das Wesentliche an Information ist die Eigenschaft, Veränderungen im empfangenden System hervorzurufen.
Das Wesen einer Information erzeugt immer Wandel, ist auf Wandel angelegt. Sie ist frei, strebt nach Freiheit, ist Wissen, Inhalt, Meinung, will vermittelt, geteilt, mitgeteilt, will besprochen, diskutiert, anerkannt werden.
Die kulturelle Öffnung des Landes, die einen Spalt weit einen Blick auf einige der vielen wahren Gesichter Chinas erlaubt, ist ein spannender Prozess.
Der Ehrengast-Auftritt Chinas nächstes Jahr hier auf der Frankfurter Buchmesse wird für Chinas Literatur und Kultur die Chance bieten, sich verständlich zu machen. Er ist zudem Chance, die Sprachbarriere zu überwinden und neue Leser und Freunde zu gewinnen.
(Autor: Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse)