von Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe-Instituts in China
Viele chinesische Städte sind in Deutschland unbekannt. Erzählt man in Deutschland von der Arbeit des Goethe-Instituts in Chongqing, Nanjing, Shenyang oder Wuhan, erntet man in der Regel fragende Blicke. Dabei gilt Chongqing mit 32 Millionen Einwohnern als die bevölkerungsreichste Stadt der Welt - und sie wächst jährlich um eine halbe Million Menschen. Auch Nanjing oder Shenyang haben zwischen acht und zwölf Millionen Einwohner.
Allein im Perlflussdelta in der südchinesischen Provinz Guangdong mit den Städten Guangzhou (Kanton), Shenzhen und Zhuhai leben rund 100 Millionen Menschen. Dieser so genannte mega-urbane Großraum hat damit mehr Einwohner als die Bundesrepublik Deutschland.
China ist mehr als Peking und Shanghai
Unsere Kenntnis des urbanen China beschränkt sich zumeist auf die Namen Peking und Shanghai. Politiker, Unternehmer und andere Reisende glauben, China kennengelernt zu haben, wenn sie dort gewesen sind. Dabei gehören die genannten Städte neben circa zehn weiteren wirtschaftlich, aber auch kulturell sowie bei Wissenschaft und Bildung zu den Motoren der rasanten Entwicklung Chinas. Ihr Pro-Kopf-Einkommen und ihre wirtschaftlichen Zuwachsraten liegen teilweise über denen Pekings und Shanghais. Und sie sind energisch dabei, den Schritt aus der Provinzialität in die Internationalität zu machen.
Deutschland ist dort bisher wirtschaftlich unterrepräsentiert und kulturell so gut wie gar nicht repräsentiert. Deshalb haben wir uns entschieden, mit "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung" in einigen dieser regionalen Metropolen zu Gast zu sein. Zentrales Thema der dreijährigen Veranstaltungsserie ist "Nachhaltige Urbanisierung". Das heißt: Wir stellen entsprechendes wirtschaftliches, technologisches und kulturelles Know-how aus Deutschland vor. Dabei bieten wir unseren chinesischen Partnern an, gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Verstädterungsprozesse zu entwickeln.
Eine Gesellschaft im Wandel
Manche der Herausforderungen sind technischer Art. Mobilität, Infrastruktur, Logistik, aber auch die Frage nach Absicherung im Alter spielen in der im Umbruch befindlichen chinesischen Gesellschaft zunehmend eine Rolle. Für diese und ähnliche Fragen bieten unsere Wirtschaftspartner (Allianz, BASF, Daimler, Deutsche Bank, Deutsche Post World Net und Siemens) Lösungsvorschläge an.
Zahlreiche andere Aspekte einer sich urbanisierenden Gesellschaft im Wandel haben mit Kultur und der Suche nach der eigenen Identität zu tun. Hier setzt das Goethe-Institut an.
Das Goethe-Institut in Peking wurde am 1. November 1988 gegründet. Während der zwanzig Jahre seines Bestehens hat sich die Rolle des Goethe-Instituts in China stark verändert. Wir waren das erste und sechzehn Jahre lang das einzige ausländische Kulturinstitut in China. In den Achtzigerjahren war "der Westen" ein ferner Sehnsuchts-Ort für junge Chinesen, er wurde bewundert und nachgeahmt.
Zugleich wussten die meisten Chinesen wenig darüber, und daher wurde mit großer Neugier alles aufgesogen, was von dort kam. Unsere Bibliothek war ein Treffpunkt der kulturellen Elite Pekings. Es gibt wenige heute bekannte Intellektuelle und Künstler in Peking, die sie nicht frequentierten. So waren wir zunächst nicht nur ein kulturelles Fenster nach Deutschland, sondern in den Westen überhaupt.
Auf die Menschen zugehen
Diese Zeit der großen Neugier und Bewunderung ist inzwischen längst vorbei. Heute gibt es in Peking weitere ausländische Kulturinstitute und - zumindest in Städten wie Peking, Shanghai und Kanton - ein enormes kulturelles Angebot. Viele Chinesen haben durch Auslandsstudien oder Reisen unmittelbare Erfahrung mit "dem Westen" gemacht.
Das Internet erlaubt einen fast unbegrenzten Zugang zu Informationen. So ist auch unsere Rolle heute eine andere. Die Leute kommen zu uns zum Deutschlernen. Unsere Sprachkurse sind erfreulicherweise nach wie vor sehr gefragt. Aber sehr viel häufiger gehen wir zu den Leuten - beispielsweise mit der Veranstaltungsreihe "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung".
Gesellschaftliche Debatten anstoßen
Kaum eine Frage wird uns öfter gestellt als die nach der Zensur. Sie existiert, aber die Freiräume sind unvergleichlich viel größer, als sie es vor zwanzig Jahren waren. In vielen Bereichen stellt uns die rasante Kommerzialisierung des chinesischen Kulturlebens vor größere Probleme als die politischen Einschränkungen.
Es ist weltfremd, von der Arbeit eines Kulturinstituts zu erwarten, dass sie die politischen oder gesellschaftlichen Verhältnisse einer künftigen Weltmacht verändert. Im Übrigen hat der Westen heute von China nicht weniger zu lernen als China von uns. Aber wir können Impulse geben und Debatten anstoßen.
Die "Deutschland-Promenade" beispielsweise findet immer auf einem großen öffentlichen Platz im Zentrum der jeweiligen Stadt statt. Hier gibt es ein deutsch-chinesisches Popmusik-Festival unter freiem Himmel und deutsch-chinesische Begegnungen und Kulturdebatten im Kultur-Pavillon. Weiter finden im Konferenz-Pavillon Tagungen und Symposien zu Themen wie "Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung", "Energieeffizientes Bauen" oder "Das Erbe des Sozialistischen Realismus" statt.
Neun Tage lang ermöglichen wir das Erlebnis eines öffentlichen Raums für die Stadtbewohner. Fachleute und Bürger kommen zu Diskussionen "auf dem Marktplatz" zusammen. So etwas gibt es in China sonst nicht.
Plattform für den interkulturellen Austausch
Das Goethe-Institut in China und die Veranstaltungsreihe "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung" bieten eine Plattform für deutsch-chinesischen Dialog und Austausch.
Die Fähigkeit, sich über kulturelle Unterschiede hinweg zu verständigen, ist der Schlüssel für erfolgreiche Kooperation in allen Bereichen. Dazu können das Goethe-Institut und "Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung" beitragen.
(Autor: Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe-Instituts in China und Projektleiter der Veranstaltungsreihe "Deutschland und China - gemeinsam in Bewegung)