Nach der Dreigroschenoper von Bertold Brecht gilt Linie 1 als das erfolgreichste deutsche Musical. 1986 wurde es am Berliner Grips-Theater uraufgeführt und war schon bald das meist gespielte deutsche Theaterstück seiner Zeit. Die Journalistin und Sinologin Natascha Moritz berichtet, warum Linie 1 in China heute den Nerv der Zeit trifft.
Ein Mädchen aus der Provinz reist auf der Suche nach dem Mann ihrer Träume in die Stadt. In der U-Bahn-Linie 1 begegnen ihr die verschiedensten Gestalten: Obdachlose, Penner und Bettler, Prostituierte, Alkoholiker und Drogenabhängige. Sie trifft auf Schulschwänzer, Arbeitslose und Rentner, gerät in eine Gruppe Touristen, begegnet Skins und Menschen aus unterschiedlichen Ländern.
Das Mädchen ist überwältigt von den Eindrücken, verloren in Kälte, Habgier und Gewalt. Am Ende beschließt die junge Frau dennoch, in der neuen Umgebung zu bleiben, verlässt mitten in der Nacht die U-Bahn, geht hinaus in die große Stadt.
Das ist die Geschichte des Musicals Linie 1. Und es ist die Geschichte von zahllosen Chinesen, die, meist in der Hoffnung auf ein bessers Leben, vom Land in die großen Städte ziehen. Viele sind dort auf sich allein gestellt, geraten in Milieus, von denen sie bis dahin nichts ahnten.
„Ich weiß genau, wie sich das Mädchen fühlt“, erzählt die junge Schauspielerin Ma Xiaoqian. Sie ist in Kanton als Hauptdarstellerin in der chinesischen Version von Linie 1 zu sehen. „Ich bin selbst vom Land in die Großtadt gekommen, wo alles neu und anders war.“ Das Stück sei zwar schon zwanzig Jahre alt, doch in China sei es genau jetzt aktuell, bekräftigt eine zweite Schauspielerin. „Ich kann mich mit den Figuren vollkommen identifizieren. Selbst die Musik finde ich modern. Vor zwanzig Jahren hingegen hätte man mit dem Musical in China wohl weniger anfangen können.“
„Die Deutschen denken vielleicht, dass wir Chinesen in einem anderen System leben und Probleme wie Alkohol und Drogen nicht kennen oder nicht darüber sprechen dürfen“, sagt Li Jianming, Brechtforscherin und Dramaturgin. Sie hat den Text von Linie 1 für „Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung“ ins Chinesische übersetzt. „Aber ich glaube, die jungen Chinesen verstehen jede Pointe und jede Andeutung aus dem Stück genau. Bis auf die deutschen Namen, die jetzt chinesische sind. Und bis auf eine einzige Szene, die Wilmersdorfer Witwen, habe ich am Text deshalb überhaupt nichts verändert.“
Genau wie die Figuren in dem Stück sind viele Chinesen heute auf der Suche – nach Reichtum oder Liebe, nach neuen Möglichkeiten, nach Glück. Manche driften dabei ab, prostituieren sich, trinken Alkohol, nehmen Drogen. „Die Probleme der großen Städte sind auf der ganzen Welt dieselben“, sagt Wang Jiana, die Regisseurin. Sie hat das Musical in Kanton inszeniert und bereits früher Stücke über gesellschaftliche Themen auf die Bühne gebracht.
Mit zunehmender Verstädterung nehmen folglich auch die Großstadtprobleme zu. In China sind die Verstädterungsprozesse der letzten Jahre besonders rasant. Lebten in den Achtzigerjahren nur rund 20 Prozent aller Chinesen in Städten, sind es heute, gerade einmal zwanzig Jahre später, bereits über 40 Prozent.
Hauptgrund für den steigenden Urbanisierungsgrad ist die Landflucht. Derzeit sind rund ein Drittel aller ländlichen Arbeitskräfte in den Städten tätig. Die wichtigste Ursache für die Landflucht ist die Kluft zwischen Armut auf dem Land und Reichtum in den Städten.
Bauern auf dem Land haben in China heute kaum ein Auskommen. Andere Einkommensquellen gibt es in den landwirtschaftlich geprägten Regionen jedoch meist nicht. In boomenden Hafenstädten wie Shanghai oder Kanton hingegen bekommen selbst ungelernte Arbeiter schnell einen Job. Dort können sie ein Vielfaches ihres Einkommens auf dem Land verdienen. Für die Herausforderungen der Verstädterungsprozesse Lösungen zu finden, dies ist in China heute ein wichtiges Thema.
Doch seien es nicht die Probleme, die am Ende überwiegen, meint Regisseurin Wang Jiana. So gehe es im Musical Linie 1 vor allem auch um Hoffnung und Menschlichkeit. "Die Menschlichkeit siegt. Genau wie im Leben."
(Autorin: Natascha Moritz, Sinologin und freie Journalistin, Berlin)