Die Berge der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal in der Küstenregion des Indischen Ozeans sind so ganz anders, als sich die meisten Europäer Afrika vorstellen. Grün sind sie, saftig, regenreich. Mittendrin liegt das politische und administrative Zentrum der Provinz, Pietermaritzburg. Knapp 460.000 Einwohner zählt die Stadt laut offizieller Statistik.
Es ist ungewiss, ob die Statistik Recht hat, denn am Stadtrand gibt es ein Viertel mit dem Namen „France“, in dem 200.000 Menschen leben. „France“ ist ein „informal settlement“, eine nicht registrierte Siedlung, ein Armenviertel, wild aus dem Boden gewachsen und mit wenig Infrastruktur. Die Menschen hier leben am Rande der Gesellschaft, marginalisiert und abgeschoben. Und sie leben am Rande des Existenzminimums. Man nimmt solche Siedlungen nur ungern wahr, denn mit ihnen sind oft Probleme verbunden. Das Hauptproblem hier heißt HIV/Aids. Menschen mittleren Alters trifft man hier wenig. Viele siechen krank in ihren Hütten vor sich hin, viele sind schon gestorben. Jede Familie hat ihre Toten zu beklagen. Geblieben sind die Alten und die ganz Jungen, die schauen müssen, wie sie durchkommen. Oft sind die Kinder völlig auf sich allein gestellt, manchmal ist noch eine Großmutter da, die sich ihrer annimmt.
Am Stadtrand von Pietermaritzburg leben seit gut zehn Jahren 130 Kinder in einem SOS-Kinderdorf. Von diesem Dorf aus haben Sozialarbeiter ein Netzwerk von Freiwilligen in „France“ aufgebaut, um auch dort Kinder betreuen zu können. Bei dieser „SOS-Familienhilfe“ geht es darum, gefährdete Familien so weit zu stabilisieren, dass die Kinder nicht auf der Straße landen. Sie sollen weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung mit ihren Eltern oder Verwandten leben können.
Formen der Hilfe gibt es viele, und die SOS-Projektleiterin Nobuhle Ndawonge fasst die Maßnahmen so zusammen: „Es geht uns nicht um Almosen, es geht um ‚Empowerment’, darum, dass die Familien ihr Leben wieder selbst meistern können.“
Nobuhles Arbeitstag beginnt mit dem „Garden Project“ am Rande des Kinderdorfs. Zwei große Gewächshäuser stehen hier. Eine Gruppe alleinstehender Mütter aus „France“ lernt hier, wie man Gemüse anbaut, um es auf dem Markt zu verkaufen. Die Frauen lernen aber auch, wieder an sich selbst zu glauben. Die Sozialarbeiterinnen rund um Nohbuhle zeigen nicht nur einfaches Handwerk, sie geben den Frauen neue Hoffnung, Kraft und Zuversicht auf dem Weg aus der Armut.
Um die Mittagszeit fährt Nobuhle hinüber nach „France“. Da ist die Hütte der 17jährigen Camilla, die dort mit ihrem kleinen Bruder lebt. Die Mutter ist vor drei Jahren an Aids gestorben, der Vater hatte sich bereits davongemacht, als er von der Diagnose der Mutter erfuhr. Nobuhle und ihre Kolleginnen aus dem SOS-Kinderdorf unterstützen Camilla nicht nur mit Lebensmitteln, sondern mehr noch mit Rat und Tat. Camilla und ihr Bruder sollen unter der Last des Alltags nicht das wichtigste Ziel aus dem Blick verlieren: Ein Schulabschluss und eine Berufsausbildung. Während Camilla für ihren Bruder und für sich kocht, erzählt sie, dass sie gerne Sozialarbeiterin werden würde. Eigentlich ist sie das jetzt schon.
Ein Stück den Hang hinunter liegt die gelbe Hütte mit der Nummer 5321. In der Hütte lebt eine alte Frau mit drei Mädchen und zwei Jungen zwischen drei und zehn Jahren. Es sind ihre Enkel. Wenn die Frau in ihrer Landessprache aus ihrem Leben erzählt, dann fällt auf, dass sie die Jahreszahlen 2000, 2001, 2003, 2004, 2005 und 2006 auf Englisch sagt. Nobuhle übersetzt das Unfassbare: Es sind die Sterbedaten ihrer Kinder. Alle sind an Aids gestorben. Geblieben sind deren Kinder, die die alte Frau jetzt großzieht. Während der Zuhörer noch ratlos dasteht, wie er mit dieser Lebensgeschichte umgehen soll, rückt sich die Frau das rot karierte Kopftuch zurecht. Sie rührt den Reis auf dem Herd und erzählt weiter. Dabei lacht sie. Ihr Lebenswille ist ungebrochen.
Den Reis und andere Lebensmittel hat sie von den Leuten aus dem SOS-Kinderdorf bekommen. Nobuhle und ihre Kolleginnen beraten mit der alten Frau, was die Familie alles benötigt, um ein menschenwürdiges Dasein und ein bescheidenes Familienleben möglich zu machen. Lebensmittel, Schulgeld und Schuluniformen sind das Zählbare, was an Hilfe eintrifft. Nicht zählbar sind die Zeit, die Aufmerksamkeit, das offene Ohr für die Sorgen der Familie. Die alte Frau hat den Wunsch, dass ihre Enkelkinder beisammen bleiben, die Schule schaffen und vielleicht irgendwann die bescheidene Hütte so erweitern, dass sie ein bisschen mehr Platz haben.
Wieder in einer anderen Hütte hat eine kleine Kooperative ihren Platz gefunden. SOS-Kinderdorf hat gemeinsam mit den Menschen eine gebrauchte Strickmaschine gekauft. Fünf Familien teilen sich diese Strickmaschine und stellen Pullis, Mützen und Schals her. Auf diese Weise kann der Lebensunterhalt für die 20 Kinder dieser Familien halbwegs gesichert werden.
Die SOS-Familienhilfe betreut derzeit in „France“ 180 Familien mit 467 Kindern. In 25 dieser Familien sind die Eltern verstorben und die Kinder sind sich selbst überlassen. 42 Familien werden von Großmüttern geführt. 83 Familien werden von Verwandten der verstorbenen Eltern betreut. In 77 Familien leben die Eltern noch, aber sie sind schwer krank, und die Kinder pflegen Vater oder Mutter.
Das sind nur ein paar Zahlen, aber es sind Zahlen, unter denen wir uns etwas vorstellen können. Diese Zahlen helfen uns, den Kranken und ihren Angehörigen ein Gesicht zu geben. Wer eine Statistik über HIV/Aids im südlichen Afrika liest, den verlässt sein Vorstellungsvermögen. Die Zahlen sind zu groß, zu unfassbar. Die Menschen hinter diesen Zahlen, verkommen zu anonymen Nummern der Statistik. Wer kann sich vorstellen, was es heißt, wenn elf Millionen Kinder im Afrika südlich der Sahara ihre Eltern verloren haben? Täglich sterben in Afrika 6.000 Menschen an Aids, allein in Südafrika sind es 600. Das heißt, in fünfzig Tagen sterben so viele Menschen, wie in einer deutschen Kleinstadt leben.
Mit ihren Familienhilfen in vielen Armenvierteln Afrikas leisten die SOS-Kinderdörfer entwicklungspolitische Arbeit. Die Ansätze, wie die SOS-Kinderdörfer den Familien helfen, gehen einher mit dem obersten entwicklungspolitischen Ziel der Bundesregierung: Kampf gegen Armut.
Die Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf Südafrika und die betroffenen Familien lehren uns, dass der Kampf gegen HIV/Aids weiter gehen muss. SOS-Kinderdorf hat sein bewährtes Konzept, elternlose Familien eine neue Familie zu geben, in den letzten Jahren stark erweitert: Es geht nicht nur darum, im SOS-Kinderdorf die Kindheit derer zu schützen, die keine Eltern mehr haben. Es geht auch darum, gefährdete Familien zu stützen und zu verhindern, dass diese Kinder das Kostbarste verlieren, was sie haben: Den geschützten Raum einer Familie. Armut gefährdet Familien.
Deshalb bekämpfen die SOS-Kinderdörfer die Armut. Der Kinder wegen. Die SOS-Familienhilfen sollen in den nächsten Jahren stetig ausgeweitet werden – nicht nur in Afrika, sondern überall dort, wo Kinder Gefahr laufen, durch Gewalt, Krankheit, Not und Elend ihrer Kindheit beraubt zu werden. Die SOS-Kinderdörfer verbinden professionelle Entwicklungszusammenarbeit mit der festen Überzeugung. Familie ist möglich. Und Kinder brauchen Familie.
(Autor: Wolfgang Kehl, Bereichsleiter „Content“/ SOS-Kinderdörfer)