Welche Herausforderungen sind mit der zunehmenden Verstädterung verbunden - und welche Vorteile? Warum ist "gute städtische Regierungsführung" wichtig? Und worauf kommt es bei Projekten zur Stadtentwicklung besonders an?
Darüber spricht das Magazin zur Entwicklungspolitik mit Annette Bähring und Alexander Jachnow von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Bähring ist Kompetenzfeldleiterin Regionalisierung, Dezentralisierung, Kommunal- und Stadtentwicklung bei der GTZ, Alexander Jachnow Berater für städtische Verwaltungsführung in Bangladesch.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Frau Bähring, welche Relevanz hat das Thema der Megastädte für die Zusammenarbeit mit den Entwicklungs- und Schwellenländern?
Annette Bähring: Die Mehrheit der Menschen weltweit lebt in Städten. Städte sind sozusagen der natürliche Lebensraum der Menschheit des 21. Jahrhunderts. Diesen Lebensraum gilt es, sozial und nachhaltig zu gestalten. Das bringt natürlich viele Herausforderungen mit sich, insbesondere für die Entwicklungs- und Schwellenländer.
In Afrika gibt es Städte, die ein Bevölkerungswachstum von bis zu acht Prozent pro Jahr verzeichnen. Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Wasser und Strom oder hohe Kriminalitätsraten sind nur einige Probleme, mit denen sie besonders zu kämpfen haben.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Sie zeichnen also eine düstere Vision der Menschheit in den Städten?
Bähring: Ganz im Gegenteil! In der zunehmenden Verstädterung liegt nicht nur ein Risiko, sondern auch eine große Chance. So ist es beispielsweise viel einfacher und kostengünstiger, die Menschen in den Städten mit der lebensnotwendigen Infrastruktur wie Strom, Wasser oder sanitären Einrichtungen zu versorgen. Auch der Zugang zur modernen Kommunikation lässt sich einfacher realisieren.
Die Wirtschaft profitiert von großen Städten, da viele Unternehmen räumlich nahe zusammen liegen. Zudem steht ihr eine Vielzahl von Arbeitskräften aus allen Bereichen zur Verfügung, und auch die Nachfrage ist erheblich vielfältiger. Zwar wirken Städte manchmal dreckig und verschmutzt. Aber der so genannte ökologische Fußabdruck, der die zum Überleben benötigten Ressourcen eines Menschen abbildet, muss in dichten Ballungsräumen nicht schlechter sein.
Die ökologischen und ökonomischen Kosten für hundert Menschen sind teilweise in einer Stadt erheblich geringer als in dünn besiedelten Gebieten. Und: Städte sind Multiplikatoren für gesellschaftlichen Wandel. Im Mittelalter sagte man in Europa „Stadtluft macht frei“ – und etwas davon ist in großen Städten auch heute noch spürbar. Als kulturelle Zentren treiben sie meist die Modernisierung der ganzen Gesellschaft voran. Natürlich soll das nicht heißen, dass nun alle Menschen in die Städte ziehen sollten.
Wir beobachten aber, dass sich der Gegensatz zwischen Stadt und Land zunehmend auflöst – es sind zwei Seiten der gleichen Medaille, die einander symbiotisch ergänzen.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Wo und wie arbeitet die GTZ mit Entwicklungs- und Schwellenländern, um diese Vorteile auch nutzen zu können?
Bähring: Wir arbeiten im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) weltweit in der Stadtentwicklung. Besondere Schwerpunkte liegen in Asien, im Mittelmeerraum und im mittleren Osten. Im ersten Schritt unterstützen wir politische Entscheidungsträger dabei, Leitlinien für die Entwicklung ihrer Städte zu erarbeiten.
Anschließend helfen wir ihnen, daraus konkrete Ziele abzuleiten und diese auch umzusetzen. Dabei beziehen wir alle betroffenen Interessens- und Bevölkerungsgruppen mit ein. Und wir arbeiten gemeinschaftlich daran, Leistungen für die Bevölkerung im städtischen Raum effizient und kostengünstig verfügbar zu machen.
Das alles nennen wir „gute städtische Regierungsführung". Unsere Beratung führt so zu größerer Transparenz und einer gerechteren Verteilung öffentlicher Mittel.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Was ist das Besondere an „guter städtischer Regierungsführung"? Und in welchen Bereichen arbeiten Sie hauptsächlich?
Bähring: Wir berücksichtigen alle Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Sektoren wie Wasser- und Energieversorgung, Wohnungsbau, Verkehr, Sicherheit oder Abfallentsorgung und stellen sie in einen räumlichen Zusammenhang.
Fünf Kernbereiche stehen dabei im Fokus:
So haben wir beispielsweise in der jemenitischen Stadt Shibam gemeinsam mit der Bevölkerung rund 400 historische Gebäude der Altstadt saniert und damit die Lebensqualität tausender Menschen stark verbessert. Dafür haben die am Projekt beteiligten Personen und Institutionen Ende 2007 den renommierten Aga Khan-Preis für Architektur erhalten.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Wie viele Projekte gibt es weltweit und wo liegen die Schwerpunkte?
Bähring: Die GTZ hatte im Jahr 2007 weltweit über 130 Projekte, die sich teilweise oder ganz mit dem Thema Stadt- oder Kommunalentwicklung beschäftigten. Diese sind natürlich über mehrere Jahre angelegt.
Mit sektorübergreifenden Projekten konzentrieren wir uns eher auf die schnell wachsenden Städte mittlerer Größe. Wobei eine Definition hier schwierig ist: In Afrika können diese Städte beispielsweise 30.000 und in asiatischen Staaten wie China mehr als eine Million Einwohner haben. In den Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, die gemeinhin als "Megacities" bezeichnet werden, konzentrieren wir uns eher auf einzelne Sektoren, zum Beispiel auf die Luftverbesserung oder das Abfallmanagement.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Herr Jachnow, Sie sind für die GTZ in Bangladesh als Berater für gute städtische Regierungsführung. Wie sieht so ein Projekt konkret aus?
Alexander Jachnow: Unsere Beratung stärkt die lokale Selbstverwaltung, bezieht die Bevölkerung aktiv ein und verbessert Infrastruktur sowie Dienstleistungen in den Städten. Zentral ist dabei die Bekämpfung der städtischen Armut und ihrer Auswirkungen. Insgesamt arbeiten wir mit 35 Städten in der Größenordnung von 80.000 bis 600.000 Einwohnern zusammen. Wir beteiligen die Menschen von Beginn an am Planungsprozess und schaffen so transparente Strukturen.
Dabei kooperieren wir mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), welche die Infrastruktur im selben Projekt finanzieren.
Konkret sieht das so aus: Ein Stadtteil möchte einen neuen Busbahnhof oder einen kommunalen Markt bauen, um die Transportsysteme zu entlasten und die Wirtschaft zu fördern. Bei der hohen Siedlungsdichte in den Städten geht dies nie ohne Auswirkungen auf andere Bewohner oder auf Geschäfte und kleine Unternehmen. Vielleicht gibt es im Stadtteil auch ganz andere Sorgen und Wünsche, die der Stadtverwaltung so bislang nicht bekannt sind.
Unser Ansatz ist der, alle betroffenen Gruppen zusammen zu bringen, damit sie miteinander eine Entwicklungsstrategie verhandeln. Das geschieht zum Beispiel in den Stadtteil- und den Gemeinderäten. Erst wenn sich alle Beteiligten dort auf eine gemeinsame Lösung geeinigt haben, mit der alle leben können, unterstützen die KfW oder die ADB die Maßnahme auch finanziell.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Wie wählen Sie die förderungwürdigen Projekte aus und was muss bei deren Umsetzung beachtet werden?
Jachnow: Im Prinzip bietet das Projekt den Städten eine Reihe unterschiedlicher Maßnahmen an, für die sie eine Finanzierung bekommen können. Das geht von der Einrichtung einer neuen Müllkippe über die Verbesserung der Verkehrssysteme bis hin zum Ausbau der Wasserver- und -entsorgung. Die Maßnahmen sind an bestimmte Bedingungen geknüpft, die zuvor erfüllt werden müssen.
So kann eine neue Müllkippe zum Beispiel nur dann eingerichtet werden, wenn die erhobenen Müllgebühren auch tatsächlich für die Müllsammlung verwendet werden. Oft sind die Zusammenhänge sehr komplex und es müssen Nebenwirkungen beachtet werden.
Man muss zum Beispiel vermeiden, dass durch die Einführung eines modernen Abfall-Managements hunderte von Menschen ihren Lebensunterhalt verlieren, die zuvor vom Müllsammeln und -sortieren gelebt haben. Wir versuchen deshalb bei allen Projekten, sämtliche Wirkungen schon vorher einzukalkulieren und die Neuerungen so zu planen, dass alle Beteiligten davon profitieren können.
Magazin zur Entwicklungspolitik: Was sind die größten Herausforderungen im Bereich der Stadtentwicklung bezogen auf die kommenden Jahrzehnte?
Jachnow: Das Thema, wie und von wem Land genutzt werden darf, wird künftig eine große Herausforderung sein. Dabei geht es zum Beispiel um die Frage, ob eine Stadtverwaltung einfach Teile ihre Flächenreserven veräußern darf, ohne ihre soziale Nutzung sicherzustellen. Auch müssen neue Formen der Rechtssicherheit von Grundeigentum entwickelt werden. Das kann ebenso den Umgang mit informellen Siedlungen betreffen wie Strategien für die lokale Wirtschaftsförderung.
Bähring: Sehr wichtig sind für uns die Themen der soziale Inklusion, der städtischen Gewalt sowie alle umwelt- und klimarelevanten Herausforderungen: Wie schaffen wir es, alle Menschen in die Gesellschaft einzubeziehen und ihre Lebensverhältnisse einander anzunähern? Wie können wir ein friedvolles und entwicklungsorientiertes Miteinander unterstützen? Wie können wir Städte für zukünftige Generationen lebenswert und trotzdem finanzierbar gestalten?
Dies sind einige der Herausforderungen, denen wir uns immer wieder stellen. Es gibt bereits gute Ansätze, die aber weiterentwickelt und auf die regionalen und kulturellen Bedingungen angepasst werden müssen.